Schüler unter Druck "Ich sollte jede Minute zum Lernen nutzen"

Einser-Abi, Prädikatsexamen und dann mit 21 ins Berufsleben: Viele Schüler denken nur noch an Schule, Noten, Zukunft und verlernen, das Leben zu genießen. Im Jugendmagazin "Yaez" erzählen eine Berufsberaterin und drei Schüler, was gegen Leistungsdruck hilft.

Ohne Fleiß kein Preis. Nur die Harten kommen in den Garten. Sprüche, wie wir sie ständig hören. Sie sollen uns daran erinnern, dass wir fleißig und ehrgeizig sein müssen - damit mal was aus uns wird. Erfolg haben, besser sein als die anderen, darauf kommt es im Leben an. Und weil wir dieses Credo seit der fünften Klasse immer wieder vorgebetet bekommen, haben wir das einzig Wichtige verlernt: das Leben zu lieben, den Augenblick zu genießen, uns locker zu machen. Manchmal wissen wir sogar nicht mehr, wie es ist, aufs Bauchgefühl zu hören. Weil wir effizient sind. Und vernünftig. Das finden unsere Eltern toll, und die Lehrer, vielleicht auch mal unser potentieller Arbeitgeber. Aber was macht das mit uns?

"Ich würde gerne Journalistin werden. Aber ich höre immer wieder, dass es in den Medien kaum sichere Jobs gibt. Und dann frage ich mich: Vielleicht doch besser BWL studieren? Aber das wäre nicht ich, das würde mir keinen Spaß machen", sagt Sophie. Die 18-jährige Schülerin hat sich viele Gedanken gemacht - und großen Druck. Bis sie irgendwann kapiert hat, dass es so nicht weitergehen kann. Weil das Leben einfach keinen Spaß mehr macht, wenn man erst mal zur Lern-Maschine mutiert ist. Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass wir es nicht mehr schaffen, einen Nachmittag lang ohne schlechtes Gewissen zu chillen?

Viele Schüler setzen sich selbst unter Druck

"Erst kam der Bachelor, dann das verkürzte Abi. Beides erzeugt einen ungeheuren Leistungsdruck. Junge Menschen haben heute das Gefühl, nur noch zu hetzen", sagt Karin Wilcke. Die Studien- und Berufsberaterin hat immer wieder Schüler und Studenten vor sich sitzen, die mit den Nerven am Ende sind. "Viele machen sich selbst den Druck, ein Einser-Abi zu schaffen, dann sofort ein Studium aufzunehmen, um dann mit 21 ins Berufsleben zu starten. Dabei wissen sie gar nicht, was sie überhaupt studieren sollen", erzählt Karin Wilcke.

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Leistungsdruck unter Schülern: Bin ich gut genug?

Foto: Lisa-Marie Schmidt

Und weil sich die meisten Schüler unsicher sind, entscheiden sie sich für die sichere Bank: BWL oder Jura. Dabei machen ihnen diese Fächer vielleicht gar keinen Spaß. Aber vernünftig ist es halt. Klar, wer Geschichte oder Politikwissenschaft studiert, bei dem stellt sich mehr als einmal im Semester die unangenehme Frage: Wie willst du damit später mal Geld verdienen? Dabei kann man auch mit Fächern wie Soziologie, Germanistik oder Kunstgeschichte tolle Berufe ergreifen. Die liegen vielleicht nicht auf der Straße - aber es gibt sie. Wenn man ein paar Praktika macht, mit Dozenten spricht, offen für Neues bleibt.

Was viele unserer "Generation Leistungsdruck" nicht checken: Das Leben ist mehr als eine sichere Zukunft in einem soliden Job. Und einen Job kann man nur dann richtig gut machen, wenn man Begeisterung und Leidenschaft für ihn hat. Wie wäre es also, erst herauszufinden, was man liebt - und dann den passenden Beruf zu wählen? "Manche studieren Medizin nur deshalb, weil sie ein sehr gutes Abi in der Tasche haben. Das ist ein ganz falscher Ansatz. Denn die persönlichen Interessen zählen, nicht der NC", findet Karin Wilcke.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Zeitdruck. Wir glauben, möglichst früh fertig sein zu müssen. Aber wer stellt allen Ernstes einen 21-jährigen Uni-Absolventen ein? "Unternehmen nehmen lieber den, der Lebenserfahrung und Interessen hat und sich in der Welt ein bisschen umsehen konnte. Ein Studium schnell und effizient durchzuziehen, das allein zählt nicht", sagt Karin Wilcke.

Aber wie den Druck von sich nehmen, wenn er einmal da ist? "Ich lass mich nicht verrückt machen. Dann schreibe ich halt mal keine Eins", sagt Sabrina. Die 16-Jährige nimmt sich bewusst Zeit für sich, in der sie nicht an die Schule oder den nächsten Test denkt. Und sonst? "Man sollte das, was einem wirklich Spaß macht, nicht aufgeben - nur um mehr Zeit zum Lernen zu haben", meint Karin Wilcke. Weil wir einen Ausgleich zum leistungsorientierten Leben brauchen.

Also weiterhin zum Fußballtraining gehen oder Geige spielen. Das machen, was der Seele guttut. Und immer wieder klarmachen: Wir sind mehr als unsere Noten. Jeder von uns ist eine Persönlichkeit mit eigener Meinung, Neigungen und einzigartigen Talenten. Wir müssen uns nur die Zeit geben, diese zu entdecken. Und das schafft man eben nicht, wenn man von der Schule an die Uni und gleich weiter in den ersten Job hetzt. Daran sollten wir vielleicht nächstes Mal denken, wenn wir beim Chillen am Baggersee wieder ein schlechtes Gewissen bekommen.

Das Jugendmagazin "Yaez" sprach mit den Schülern Sabrina, 16, Daniel, 18, und Sophie, 18, über Stress - und wie sie ihn bewältigen. (Klicken Sie auf die Überschrift, um die Interviews zu lesen.)

"Dann wurde mir klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann"

Foto: Lisa-Marie Schmidt

Sabrina, 16, besucht die 10. Klasse an der Realschule und legt gerade die Abschlussprüfungen ab.

Du steckst gerade mitten im Realschulabschluss. Wie stark spürst du da den Leistungsdruck?

Schon sehr stark. Die Lehrer machen extremen Druck. Jeder denkt, es gibt nur sein Fach, da spricht sich keiner ab. Es kommt vor, dass wir an einem Tag drei Tests schreiben. In Englisch schreiben wir jeden Montag eine Prüfung. Das ist wirklich sehr großer Stress für mich. Und auch von meinen Eltern kommt viel Druck, obwohl meine Mutter genau weiß, dass ich lerne.

Kannst du da überhaupt noch entspannen?

Nur ganz selten, höchstens am Wochenende, wenn ich mit mir oder meinem Freund allein bin. Sonst habe ich eigentlich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich jede Minute zum Lernen nutzen sollte.

Wie geht es für dich nach der 10. Klasse weiter?

Ich will auf eine weiterführende Schule gehen und mein Fachabi machen. Da hatte ich auch schon wieder Stress, weil ich mich für die Fachoberschule im Bereich Kunst beworben habe. Ich musste eine Mappe abgeben und einen Test machen. Natürlich habe ich mich da selbst total unter Druck gesetzt und war bei der Prüfung sehr aufgeregt.

Wünschst du dir weniger Leistungsdruck?

Ja, auf jeden Fall. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann nicht mal mehr am Wochenende richtig entspannen, weil es am Montag schon wieder losgeht mit den Tests. Aber manchmal sage ich mir dann: Jetzt scheiß ich auf die Prüfung, dann lerne ich erst Sonntagnacht. Ich will einfach auch mal Zeit für mich haben und sehe nicht ein, immer nur zu lernen.

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Daniel, 18, besucht die 12. Klasse und lernt gerade fürs Abitur. Nebenher hat er sein eigenes Modelabel gegründet.

Kennst du so etwas wie Leistungsdruck?

Ja, natürlich. Ab der 11. Klasse zählt ja jede Note, da muss man in jedem Test gut sein. Der ganze Unterricht hat sich verändert, plötzlich ist es viel stiller. Weil alle wissen, dass es um was geht und dass wir ständig Leistung abrufen müssen. Und jetzt stehe ich kurz vorm Abi. Wenn ich dran denke, geht mir echt die Pumpe.

Wie viel tust du momentan für die Schule?

Ich bin auf einer Ganztagsschule. Von 8.15 Uhr bis 17.15 Uhr ist also Standard. Manchmal sogar länger. Ich bin meistens spät zu Hause. Am Abend lerne ich dann für die Klausuren. Für mich ist das gerade ein Fulltime-Job. Und dann gehe ich noch fünfmal die Woche ins Fitnessstudio.

Hast du auch noch einen Nebenjob?

Ich habe mein eigenes Modelabel gegründet, die Klamotten verkaufe ich über meinen Online-Shop dellamor.de. Ich finde es toll, schon mit 18 mein eigenes Ding zu machen, selbstständig zu sein. Auch wenn ich damit vielleicht nicht reich werde, habe ich zumindest Erfahrungen gesammelt und konnte Geschäftsbeziehungen knüpfen.

Möchtest du später was in dem Bereich machen?

Modedesign würde mich schon interessieren. Aber man muss halt abwägen - könnte ich damit überhaupt Geld verdienen? Ich werde wahrscheinlich BWL studieren. Damit habe ich die meisten Perspektiven und kann mich hinterher immer noch spezialisieren.

Du siehst das ja ganz schön nüchtern…

Für mich ist der berufliche Aufstieg auf jeden Fall ein Ziel. Ich würde nie Erzieher werden, auch wenn ich gerne mit Kindern arbeiten würde. Da fehlen mir einfach die Aufstiegschancen. Ich will später mal eine gute Position haben, dafür tue ich aber auch was.

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Sophie, 18, besucht die 11. Klasse am Gymnasium und macht nächstes Jahr Abitur. Sie hat zwei Nebenjobs in der Gastronomie.

Du schreibst nächstes Jahr Abi. Spürst du schon jetzt den Leistungsdruck?

Ja klar. Ich habe versucht, mir den Druck zu nehmen, weil ich gemerkt habe, wie schlecht es mir geht, wenn ich mich wegen der Schule so fertigmache. Ich konnte eine Zeitlang mein Leben gar nicht mehr genießen, weil ich nur noch an meine Noten dachte.

Wie hat sich der Leistungsdruck ausgewirkt?

Ich hatte totale Konzentrationsprobleme, habe kaum noch was mitbekommen. Und irgendwann habe ich im Unterricht total abgeschaltet. Dann wurde mir klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann.

Wie hast du es geschafft, den Druck loszuwerden?

Ich versuche, mir meine Freizeit schön zu gestalten und mich von Lehrern nicht so runtermachen zu lassen. Ich gönne mir bewusst Pausen, damit es mir wieder besser geht - zum Beispiel beim Klavierspielen.

Kam der Druck aus deiner Umgebung oder hast du ihn dir selbst gemacht?

Ich habe gemerkt, wie viel meine Freunde für die Schule tun und wie gut ihre Noten sind. Da ich nicht gerade eine Einser-Schülerin bin, hat sich in mir dieser große Druck aufgebaut. Ich dachte, ich muss da mithalten.

Hast du das Gefühl, dass deine Freunde und du auch Leistungsdruck durch Facebook haben?

Total! Es ist der Wahnsinn, Facebook ist immer Thema in der Schule. Wer hat welches Foto eingestellt? Ich finde das total schrecklich und oberflächlich. Da macht man sich schon viele Gedanken drüber - und das kann auch in Druck ausarten.

Von Kira Brück (Text) und Lisa-Marie Schmidt (Fotos) für das Jugendmagazin "Yaez" 

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