GEW-Studie Alte Lehrer, alte Schulen

Deutsche Lehrer sind durchaus lernfreudig, aber recht alt und arbeiten in Bruchbuden - so das Ergebnis einer Lehrer-Befragung der Bildungsgewerkschaft GEW. Die deutschen Kultusminister hatten die Teilnahme abgelehnt und stellen auch den weltweiten Pisa-Vergleich in Frage.

Gut jeder zweite Lehrer in Deutschland sieht seinen Unterricht in der Schule durch bauliche Mängel beeinträchtigt. Dazu zählen zu kleine Räume für zu viele Schüler, fehlender Lärmschutz, überhitzte oder zu kalte Klassenzimmer. Dies ergab eine Online-Befragung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unter rund 3800 Lehrern, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Mit dem Bericht über Arbeitsbedingungen und Berufseinstellung der Lehrkräfte will die GEW die am Dienstag vorgelegte internationale Talis-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ergänzen. Die Kultusminister hatten sich bereits im Herbst 2005 geweigert, an der Studie teilzunehmen. Auch die USA, Japan, Frankreich und Großbritannien waren nicht dabei.

"Ein großer Teil der Lehrerschaft muss unter unwürdigen Bedingungen arbeiten", sagte die GEW-Vizevorsitzende Marianne Demmer. An jeder zweiten Schule gibt es nach Angaben der Schulleitungen zu wenig Computer. Auch wird der Zustand der Schulbüchereien und von Unterrichtsmaterialien beklagt.

Störende Schüler, lernende Lehrer

In Deutschland sind die Pädagogen besonders alt: 42 Prozent sind 50 Jahre und älter, im OECD-Mittel nur gut 25 Prozent. 72 Prozent der Schulleiter sind über 50. Eine große Mehrheit der deutschen Lehrer (82 Prozent) vermisst Unterstützung durch Schulpsychologen oder Sozialarbeiter - doppelt so viele wie in anderen Industrienationen.

Störungen durch Schüler beeinträchtigen überall in hohem Maße den Unterricht. Das geben 64 Prozent der deutschen Schulleiter an, im OECD-Vergleich sind es gut 60 Prozent. 17 Prozent der Lehrer geben an, durch die Störungen Lernzeit zu verlieren, im OECD-Durchschnitt sind es 13 Prozent.

Die Bereitschaft zur Weiterbildung ist laut GEW in Deutschland hoch: Fast alle Lehrer besuchen nach Angaben von Marianne Demmer regelmäßig Fortbildungen, 50 Prozent bezahlen die Seminare gar ganz oder teilweise selbst. In Dänemark, Slowenien und der Türkei nahm je ein Viertel der Lehrer während der 18 Monate dauernden Talis-Studie an keinerlei Fortbildung teil.

Die GEW hatte die Fragebögen der OECD-Studie verwendet, die von den Kultusministern abgelehnt worden war. "Eine Schwäche von Talis besteht darin, dass die Befunde ausschließlich auf Selbstauskünften beruhen und die unabdingbare Koppelung mit der internationalen Schulleistungsstudie Pisa unterbleibt", sagte ein Sprecher der Kultusministerkonferenz.

Verkeilt: Deutsche Kultusminister und "Mr. Pisa"

Auch die Pisa-Studie hat unter den Kultusministern keineswegs nur Freunde: Baden-Württembergs Minister Helmut Rau (CDU) machte am Donnerstag vor Beginn der Kultusministerkonferenz die weitere Teilnahme an den Vergleichstests von einem Entgegenkommen der OECD abhängig. "Es kann nicht mehr angehen, dass die OECD jedes Mal auf Basis der empirischen Ergebnisse gleich bildungspolitische Patentrezepte mitliefert", erklärte Rau.

Hintergrund seiner Kritik: Bei den bisherigen Pisa-Studien hatten sich einige Kultusminister mehrfach mit der OECD überworfen. Vor allem Andreas Schleicher, internationaler Pisa-Koordinator der OECD in Paris, hatte die Ergebnisse deutlich anders interpretiert als die Kultusminister - und mehr Bereitschaft zu Schulreformen in Deutschland gefordert: "Erster in der zweiten Liga zu sein, reicht nicht", hielt er deutschen Bildungspolitikern im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor.

Das wollen Rau und einige Ministerkollegen sich nicht länger bieten lassen. Sie wollen die Deutungshoheit und fordern mehr Zurückhaltung von der OECD. Ein Ausstieg aus den Pisa-Tests stehe derzeit zwar nicht zur Debatte, so Rau weiter: "Ich bin aber nicht länger bereit, einseitige Interpretationen der deutschen Ergebnisse durch die OECD zu akzeptieren."

Bei der Konferenz sollte endgültig über die deutsche Teilnahme an der Pisa-Erhebung im Jahr 2012 entschieden werden. Vor der Zustimmung solle das Verhältnis zwischen OECD und Vertragspartnern geklärt werden, sagte Rau. Er gehe davon aus, "dass der Dialog auch zustande kommt".

bim/dpa
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