Gewalt gegen Lehrer Angstschweiß beim Anblick der Schule

"Wir kriegen dich, du wirst hier nie wieder unterrichten": Ein Berliner Schüler schikaniert seinen Mathelehrer, bis der nicht mehr unterrichten kann. Ein anderer Pädagoge wird krankenhausreif geschlagen. Wenn Lehrer Opfer werden: Nahaufnahme einer verhängnisvollen Entwicklung.

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Berlin - Die Angst packte Eckart Bruhns* mit Verspätung. Als ihn ein Kollege vor einem Schüler warnte, der Bruhns fertig machen wollte, dachte der 50-jährige Lehrer: "Ich bin doch in der Schule, das ist doch kein rechtsfreier Raum." Bruhns war erst gutgläubig - und dann, drei Wochen danach, war es zu spät. Zu spät, um einfach normal weiterzumachen. Jeden Morgen in die Schule zu gehen, zu unterrichten, wie er es über 20 Jahre lang, seit 1984, gemacht hatte.

Vorsicht, Schüler: Werden Schulen zum Hort der Gewalt?
DPA

Vorsicht, Schüler: Werden Schulen zum Hort der Gewalt?

Eine Berufsschule im Berliner Osten, September 2005: Das neue Schuljahr hatte gerade begonnen, Bruhns kam als Mathe- und Sozialkundelehrer in eine neue Klasse. Es passierte während einer Mathematikstunde. Die Schüler sollten in den nächsten Wochen Referate halten. Aber Ali*, 18, wollte nicht. "Ich habe alles versucht, ihm mehrere Hilfsangebote gemacht, aber er weigerte sich", sagt der Lehrer.

Das war nur der Anfang. Drei Wochen später sollte die Klasse eine Arbeit schreiben. Bruhns hatte die Schüler auseinander gesetzt, damit sie nicht abschreiben konnten. Auf dem Tisch sollten nur Lineale und Stift liegen. Als Bruhns Ali aufforderte, seinen Rucksack vom Tisch zu nehmen, rastete Ali aus: "Er kam nach vorn gerannt, nah an mich ran, bedrohte mich."

Eine Klassenkonferenz sollte den Vorfall klären und beschloss, Ali müsse sich entschuldigen, er sollte in die Parallelklasse versetzt werden. "Ich dachte, damit sei die Sache geregelt, aber offenbar hatte ich eine falsche Wahrnehmung." Als Bruhns zusammen mit Kollegen das Schulgelände verlassen wollte, stand Ali vor dem Tor.

Der Schüler ging, die Angst des Lehrers blieb

Bruhns sah, wie der Englischlehrer auf den Schüler einredete. "Dann riss er sich los, rannte auf mich zu und schrie: 'Ich fick dich, wir kriegen dich, du wirst nie wieder an dieser Schule unterrichten'." Nach diesem Septembertag tauchte Ali nie wieder in der Berufsschule auf. Aber für Bruhns wurde der Weg zur Schule dennoch zur Qual. Sobald er vor die Klasse trat, brach ihm der kalte Schweiß aus. "Ich habe gemerkt, dass es nicht mehr geht, auch wenn ich wollte." Bruhns ließ sich für vier Monate krank schreiben und versuchte dann, wieder zu unterrichten. "Aber nach drei Wochen musste ich wieder hinschmeißen." Die Angst war noch da.

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Lehrer als Opfer
"Neue Qualität" der Angriffe"
Heute sitzt Lehrer Bruhns in einem Berliner Café, graumelierte Haare, Brille, Dreitagebart, hellbraune Lederjacke. Seine Geschichte erzählt er leise. Die anderen Schüler seiner Schule wussten nicht, warum ihr Lehrer ab September 2005 fast ein Jahr lang nicht da war.

Die massiven Drohungen des Schülers hatten ein Trauma bei ihm ausgelöst. Er suchte Hilfe bei einer Therapeutin des schulpsychologischen Dienstes. Erst vor kurzem wurde eine Strafanzeige gegen den Täter gestellt, wegen Bedrohung. Bruhns hofft, dass er dem Schüler vielleicht irgendwann noch einmal gegenüberstehen kann. "Es geht mir nicht um Bestrafung, sondern darum, dass der Täter wahrnimmt, dass es falsch war, was er gemacht hat."

374 Fälle von Gewalt gegen Lehrer hat der Berliner Senat im Schuljahr 2005/2006 verzeichnet - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. "Dass Lehrer zusammengeschlagen werden, sind aber Einzelfälle", sagte Bettina Schubert von der Senatsverwaltung bei der Vorstellung des Berichts im vergangenen Winter.

Einzelfälle, die umso heftiger sind: Oft werden Lehrer Opfer von verbalen Attacken und Bedrohungen, aber manchmal auch von schweren körperlichen Angriffen. Wie bei der 61-jährigen Lehrerin, der Schüler im Juni mit der Faust ins Gesicht schlugen. Wie bei dem 53-jährigen Rektor einer Berliner Grundschule, der von mehreren Jugendlichen getreten und geschlagen wurde. Und wie bei Detlev B., Lehrer an der Röntgen-Oberschule in Berlin-Neukölln.

insgesamt 483 Beiträge
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Seite 1
oddu 02.07.2007
1.
Zitat von sysopSeit Jahren nimmt die Gewalt unter Schülern zu. Gegeninitiativen und politische sowie pädagogische Maßnahmen brachten wenig. Wie sollten effiziente Rezepte gegen die Gewalt an Schulen aussehen?
Gesangsunterricht?
bekennerschraiben, 02.07.2007
2. der direktor ist ein ignorant
Zitat von sysopSeit Jahren nimmt die Gewalt unter Schülern zu. Gegeninitiativen und politische sowie pädagogische Maßnahmen brachten wenig. Wie sollten effiziente Rezepte gegen die Gewalt an Schulen aussehen?
ich bin tatsaechlich fuer so etwas wie pruegelstrafe; lehrer, schueler, eltern sind gegenueber jungs wie im artikel beschrieben dauernd in der defensive, da nuetzt es dem direx nix wenn er grossmuetig sagen kann dass die eltern nur von hartz vier leben, wenn der spiegel sagt es handelt sich bei den jungs nur um loser mir als betroffenem schueler oder eltern betroffener schueler kann es egal sein, ob der schlaeger ein versager ist; was zaehltist dass er seine aggression an anderen auslaesst und gesetze aus prinzip ignoriert um damit protzen zu koennen - da holt er sich dann seine erfolgserlebnisse - und cih denke solchen gehoert ganz was ordentlich von staatswegen auf die muetze, denn dafuer ist der staat da - wir wollen ja keine lynchjustiz ...
Jarg Gerdes, 02.07.2007
3. Verharmloser und Schönredner
Abwiegeln, Schönreden, Aussitzen und auf die Pension warten, was anderes durfte man von der älter werdenden Lehrergeneration im /68 Rollkragen Outfit auch nicht erwarten. Oder sollte man lieber sagen, mehr darf man nicht mehr erwarten. Aber immerhin, es wird ein Alibi HipHop-Workshop angeboten, was ja auch eine nette Zerstreuungstherapie für Gangmitgliedern und angehende Drogendealern bedeutet.
Ostseeküste 02.07.2007
4. voll krass ey
Zitat von odduGesangsunterricht?
cool: v.a. HipHop und Gangstarap. Da lernen die was fürs Leben. Um die zukünftige Elite (O-Ton Hundt: Migranten sind die zukünftige Elite Deutschlands oder O-Ton U. Weidenfeld, stellvertretende Chefredakteurin des Tagesspiegels: Ausländer, ob legal oder illegal sind die größten Schätze Deutschlands) wirklich auf ihre zukünftigen Karrieren vorzubereiten, fehlt noch krasser Boxunterricht. So hat die Schule Zukunft! P.S. Kann man dem Direx mal ne Brille verschreiben? Genauso wie Hans-Gebt-das-Hanf-frei-Muhammad-Ströbele, der ja auch behauptet, in X-Berg gäbe es gar keine Moslems.
wissuz 02.07.2007
5.
punkt 1: so schlimm ist mümmelmannsberg auch nicht. bin selbst dort auf die gsm gegangen und habe dann woanders meine abi auf einem gymnasium gemacht. die schule dort hat sich schon immer viel mühe gegeben und aufgepasst, dass die gewalt nicht eskaliert. punkt 2: die eltern müssen einfach viel mehr mit einbezogen werden...wenn nicht sogar mitbestraft werden. wie kann es sein, dass 14jährige nachts auf dem kiez rumlaufen??? also ich saß in dem alter zu hause. punkt 3: die meisten lehrer sind dem beruf überhaupt nicht gewachsen. schaue man sich doch nur viele der studenten an, die auf lehramt studieren. viele graue mäuse oder gutmenschen. man braucht auch lehrer, die sich in den gegenden auskennen bzw. selbst dort zur schule gegangen sind. es bringt nichts wenn man einen lehrer bzw. einen frisch gebackenen lehrer aus einer 1000 seelen-gemeinde mit viel grün und kühen auf eine gesamtschule in einer großstadt schickt!! punkt 4: der staat... wurde schon genug drüber diskutiert!!!
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