Gewalt unter Jugendlichen Schüler-Martyrium vor laufender Kamera

Zwei neue Fälle von Misshandlungen sorgen für Aufsehen: Im bayerischen Ort Creußen soll eine Clique von Jugendlichen einen 13-Jährigen verprügelt haben, im sächsischen Delitzsch erlitt ein 15-Jähriger Brandwunden durch einen Mini-Flammenwerfer. In beiden Fällen filmten die Täter ihre Opfer offenbar.

Nürnberg - Es klingt nach einem schlimmen Martyrium vor laufender Kamera, was einem 13 Jahre alten Schüler aus dem oberfränkischen Städtchen Creußen bei Bayreuth widerfahren sein soll. Eine Gruppe von vier Jugendlichen hat den Volksschüler nach einem Zeitungsbericht über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder gefesselt und geschlagen und die Misshandlungen per Handy gefilmt. Erst am Donnerstag war eine ähnliche Attacke auf einen sächsischen Gymnasiasten bekannt geworden, der mit Flammen aus einem umfunktionierten Deo-Spray gequält worden sein soll.

Polizei und Staatsanwaltschaft Bayreuth bestätigten den erneuten Misshandlungsfall in Creußen, hielten sich mit Details aber aus ermittlungstaktischen Gründen noch zurück. Dass die 15- und 16-Jährigen auf ihr Opfer uriniert hätten, wies der Bayreuther Polizeisprecher Thomas Schmidt jedoch zurück. Die Taten hätten nicht auf dem Schulgelände stattgefunden. Die Ermittler halten es jedoch für möglich, dass die gefilmten Quälereien auf CDs gebrannt und auf dem Schulhof verkauft worden sind.

Nach Informationen des "Nordbayerischen Kuriers" hatte die Clique für ihre Attacken auf den 13-jährigen extra ein leer stehendes Haus ausgespäht. Mit Gewalt innerhalb der Schulmauern hatte der Creußener Fall offenbar nur bedingt etwas zu tun: Nur einer der mutmaßlichen Täter habe die gleiche Schule wie das Opfer besucht, erklärte Schmidt.

Mit Mini-Flammenwerfer attackiert

Offensichtlich ein Opfer von monatelangem Mobbing in der Schule ist dagegen ein 15 Jahre alter Gymnasiast aus dem sächsischen Delitzsch geworden. Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" hatten Kameraden ein Deo-Spray mit einem Feuerzeug zum Mini-Flammenwerfer umfunktioniert und dem Jungen damit Brandwunden an den Schienbeinen zugefügt. Auch diese Quälerei soll gefilmt worden sein. Der Täter erhielt demnach einen Schulverweis, das Opfer musste ebenfalls die Schule wechseln, da die Hänseleien selbst nach der grausamen Feuerattacke nicht aufhörten.

Einer Studie des Erlanger Psychologieprofessors Friedrich Lösel zufolge ist brutale Gewalt in der Schule selten, jedoch keine Ausnahme. In einer Befragung von 1000 Schülern hätten immerhin 13 Prozent ein Raub- oder Erpressungsdelikt zugegeben, acht Prozent räumten ein, schon einmal ein Kind mit Messer oder Pistole bedroht zu haben. Die Ursachen der Gewaltbereitschaft sind demnach vielfältig, einen sehr deutlichen Einfluss habe aber der Konsum gewalthaltiger Video-, Fernseh- und Fernsehfilme.

Für bedeutsam hält der Erlanger Wissenschaftler auch das Schul- und Klassenklima: Insbesondere das Verrohen des Umgangstons hat nach Einschätzung der Psychologen eine Signalfunktion, da verbal aggressive Jugendliche Gewalt nicht nur billigten, sondern auch öfter anwendeten. Großen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft habe die Zugehörigkeit zu Cliquen: Das Forscherteam machte die Gruppe der so genannten "Bullies" aus - Jugendliche, die andere regelmäßig attackieren und quälen. Kinder von Arbeitslosen oder Geschiedenen werden demnach leichter zu Bullies, deutlich stärker wirke sich jedoch eine strenge oder widersprüchliche Erziehung ohne emotionale Wärme aus.

Verhaltenstraining gegen schulische Gewalt

So vielfältig wie die Gründe sind auch die Gegenstrategien gegen Gewalt: Die Forscher halten dabei Verhaltenstraining wie Rollenspiele und Streitschlichtung und die Einhaltung gemeinsam aufgestellter Regeln für sinnvoll. Dazu gehöre auch die "konsequente, aber nicht feindselige Reaktion bei Regelverstößen und Erwachsene, die auch als Autoritäten handeln", heißt es in der Untersuchung weiter.

Hart geahndet hat ein Hildesheimer Jugendrichter vor einem Jahr den bisher spektakulärsten Fall von Schülermisshandlung. Ein damals 17-Jähriger war über drei Monate lang jeden Mittwoch und Donnerstag mit Tritten, Faustschlägen sowie Schlägen mit Stöcken oder Kabelbindern gequält worden, musste Zigarettenkippen kauen und wurde sexuell gedemütigt. Zwei der Haupttäter wurden zu 18 Monaten Jugendhaft verurteilt, ein weiterer zu einem Jahr und drei Monaten. Sechs weitere Angeklagte kamen für die langwierigen Quälereien mit milderen Strafen davon.

Wie lange das Martyrium des 13-Jährigen in Creußen gedauert hat, konnten die Ermittler am Freitag noch nicht sagen. Laut Polizeisprecher müssen zahlreiche Dateien auf beschlagnahmten Computern sowie die sicher gestellten Handys ausgewertet werden. Das könne auf Grund der Masse an Datenmaterial einige Zeit in Anspruch nehmen.

Von Lukas Grasberger, AP

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