Gewalt unter Mädchen "Die kann mehr als Luschen vermöbeln"

Dass sie nicht zimperlich ist, hat Schülerin Linda im Münchner Problemviertel Hasenbergl schon oft bewiesen. Jetzt argumentiert die 16-Jährige nicht mehr mit den Fäusten. Sie kämpft mit anderen Mitteln um Anerkennung.

Von Sophia Seiderer


Das Haus, in dem Linda wohnt, ist gelb gestrichen. Es leuchtet durch die grauen Wohnblöcke und blassen Straßenzüge am nördlichen Rand Münchens. Hier gibt es nur wenige Farbtupfer, im Stadtteil Hasenbergl wohnt niemand freiwillig. Statt gläsernen Fassaden und schmucken Einfamilienhäusern stehen hier Betonklötze. Dazwischen gelegentlich ein Spielplatz oder ein Basketballfeld mit einem schmalen Grünstreifen und viele kahle Hinterhöfe.

Linda sitzt auf ihrer Couch im Wohnzimmer. Von ihrem Platz kann sie durch das Fenster auf den Hof hinaus sehen. Wenn sie von ihrer Vergangenheit da "draußen" spricht, von der Zeit, als sie noch regelmäßig prügelte, dann macht sie eine Handbewegung Richtung Fenster. "Ich war ganz tief unten", sagt die 16-Jährige. "Eigentlich sah es nicht danach aus, dass da ein Weg wieder herausführt." Während sie spricht, wickelt sie die zwei Kordeln ihres Kapuzenpullis um ihre Finger. Als sie das erste Mal zugeschlagen hat, war sie zwölf Jahre alt. Damals wollte sie sich Respekt verschaffen. Sie wollte stark sein. "Andere Kinder konnten Mama oder Papa holen, wenn sie sich mit anderen gestritten haben. Ich musste das selbst regeln", sagt Linda - ihre Mutter ist taubstumm.

Die Gebärdensprache hat die Mutter nie gelernt. Mit ihren vier Kindern kann sie sich nur über Zeichen verständigen. Der Vater ist ausgezogen, als Linda noch ganz klein war. "Ich war sechs Jahre alt, als ich das erste Mal Formulare ausgefüllt und Behördengänge erledigt habe", erzählt Linda. "Ich musste einfach früh erwachsen werden."

"Prügeln ist wie Ping-Pong"

Und weil sie Argumente von zu Hause nicht kannte, wehrte sich Linda mit ihren Fäusten, wenn sie sich verletzt fühlte. "Prügeln ist wie Ping-Pong. Wenn du einmal jemanden geschlagen hast, dann kommen immer stärkere Gegner nach", sagt das Mädchen. Dass sie nicht zimperlich ist, hat Linda früher oft bewiesen. "Einmal hat sich meine beste Freundin mit einem Mädchen aus dem Viertel geklatscht. Da habe ich halt eingegriffen", erzählt Linda. "Das Mädchen war mindestens zwei Köpfe größer als ich. Aber ich bin einfach hochgesprungen und habe ihren Kopf heruntergezogen. Dann habe ich ihr ins Gesicht getreten." Es sei ganz gut, wenn die anderen wüssten: "Hey, die kann nicht nur Luschen vermöbeln, sondern die hat es echt drauf."

Jahrelang verschaffte sich Linda auf diese Art Respekt, oft mussten Freunde eingreifen, wenn es zu schlimm wurde. "'Mensch Linda, du hast schon so viel Mist am Hals, hör auf', haben sie zu mir gesagt", erzählt Linda.

Dann aber traf Linda Susanne, und "das hat viel verändert". Susanne Korbmacher ist Vorsitzende des Vereins "Ghettokids" und engagiert sich seit vielen Jahren für die Kinder und Jugendlichen vom Hasenbergl. "Bisher haben diese jungen Menschen die Erfahrung gemacht, dass sie am Rande der Gesellschaft leben und kaum Perspektiven haben", sagt Korbmacher. "Sie haben das Gefühl: Ich bin nichts wert." Das zu ändern, ist ihr Ziel. In Korbmachers Projekten darf jeder, der etwas kann, anderen Kindern etwas beibringen.

Linda tanzt und rappt in der Projektgruppe von Susanne Korbmacher. Und Linda ist gut. Deswegen unterrichtet sie inzwischen schon die anderen Jugendlichen. "Vorher hatte keiner Einfluss auf mich", erinnert sich Linda. "Doch Susanne hat nicht aufgegeben. Sie hat mir nie gesagt, dass ich etwas tun muss – nur, dass ich es kann."

Seit einem Jahr clean

Im Mai beginnt Linda mit dem Berufsvorbereitungsjahr. "Ich gehe wieder zur Schule. Danach will ich Schauspielerin werden." Sie hat Pläne und glaubt wieder an sich. Seit einem Jahr hat sie nicht mehr zugeschlagen. "Jetzt weiß ich, dass ich verantwortlich bin für das, was ich tue", erklärt Linda und muss ein bisschen lachen, weil das so vernünftig klingt. Ihre zwei älteren Geschwister sind inzwischen ausgezogen. "Nur auf meine kleine Schwester pass ich noch auf", erzählt Linda. Nicht mehr so streng wie früher, aber wenn sie die Schule schwänzt, reagiert Linda autoritär und droht der Jüngeren mit Strafen. Damit der Schwester nicht dasselbe passiert wie ihr selbst.

Linda ist ein Kämpfertyp, stellten die Richter auf der letzten Gerichtsverhandlung fest. Ein Kind hatte Linda wegen Körperverletzung angezeigt. "Das Mädchen behandelte mich, als müsste man Angst vor mir haben", berichtet Linda. "Aber so bin ich nicht. Und wenn mir was nicht passt, dann sag ich das auch." Also hat Linda sich selbst verteidigt. Doch der Richter sagte nur, sie solle sich benehmen, sie sei schließlich nicht bei Barbara Salesch im Fernsehen. Linda wurde zu 40 Sozialstunden verurteilt, die sie in der Hausaufgabenbetreuung im Hasenbergl ableistete. Die Arbeit mit Kindern fand Linda dann gar nicht so schlimm: "Das hat mir eigentlich Spaß gemacht."

Am Abend ist wieder Training in der Rap-Gruppe. "Wir müssen üben, weil wir doch bald nach Holland fahren", erzählt Linda. Auch das ist ein Projekt von Susanne Korbmacher. 25 Jugendliche aus dem Hasenbergl bringen holländischen Schülern vom St. Ludgercollege in Doetinchem Breakdancen, Rappen und Bauchtanzen bei. "Wir haben die ganze letzte Woche jeden Tag geprobt. Das ist total anstrengend", findet sie. Dann grinst sie und sagt: "Weißt du, nach drei Stunden Tanzen haust du niemandem mehr auf die Nase."

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