Gewaltattacken Schule will sich selbst auflösen
Eine Schule ist zur Hölle geworden, und die Schulleitung weiß nur noch einen Ausweg: Die Rektorin einer Hauptschule in Neukölln hat wegen nicht mehr kontrollierbarer Schülergewalt um die Auflösung ihrer Schule gebeten. In einem Brief an die Behörden, den die Gesamtkonferenz einstimmig beschlossen habe, habe Schulleiterin Brigitte Pick sofortige Hilfe erbeten, "um die aktuelle Situation erträglicher zu machen", schreibt der "Tagesspiegel" in seiner heutigen Ausgabe. Es handelt sich um die Neuköllner Rütli-Schule, an der inzwischen weniger als 20 Prozent der Schüler deutscher Herkunft sind.
Dem Schreiben zufolge finde ein geordneter Unterricht nicht mehr statt. Die Stimmung sei geprägt von Zerstörung, Gewalt und menschenverachtendem Verhalten. Es würden Türen eingetreten, Knaller gezündet, Lehrer entweder attackiert oder völlig ignoriert. In bestimmte Klassen gingen die Pädagogen nur noch mit Handys, um notfalls Hilfe holen zu können, zitiert die Zeitung aus dem Brief.
Die Stimmung sei von totaler Respektlosigkeit gegenüber Erwachsenen geprägt, einziges anerkanntes Vorbild für die Schüler sei "der Intensivtäter". Sogar der Schülersprecher sei geflogen, weil er einen Mitschüler zusammengeschlagen haben soll. Kinder deutscher Herkunft, die als "Schweinefleischfresser" verspottet werden, versuchen sich in der Rütli-Schule den Gewohnheiten der Mehrheit anzupassen und sprechen zunehmen bewusst auch gebrochenes Deutsch, um weniger aufzufallen.
Die Belastung sei unerträglich geworden, die Schule sei in einer Sackgasse angekommen. Deshalb sei es auch seit zehn Jahren nicht gelungen, den Posten des stellvertretenden Schulleiters zu besetzen. Die Schulleiterin stand alleine da, jetzt ist sie so krank geworden, dass sie nicht zurückkommt, berichtet der "Tagesspiegel".
Kurzfristig werde dringend eine Kraft gebraucht, die bei Krisen eingreift. Eine Auflösung der Schule würde bedeuten, dass sämtliche Schüler getrennt in anderen Schulen untergebracht werden müssten. Die Rütli-Schule könnte später nach den Vorstellungen der Schulleiterin als neue Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung wieder eröffnet werden.
Die Schulbehörde lehne jedoch das Ansinnen der Rektorin ab, schreibt der "Tagesspiegel". Der zuständige Referent beim Bildungssenator vertrete die Meinung, dass die Schule noch eine Perspektive habe. Er verweise darauf, dass die Schule jetzt einen Sozialarbeiter bekomme. Das Bezirksamt erklärte, künftig werde mehr auf eine ausgeglichene Schülerzuweisung geachtet.
cpa/ddp