Christlich-muslimische Kita in Gifhorn "Wir werden die Kinder nicht alle drei Stunden auf einen Teppich legen"

Sie heißt "Abrahams Kinder": Die bundesweit erste christlich-muslimische Kita will in Gifhorn zum Leuchtturmprojekt der Integration werden. Ein Anruf bei Initiator Martin Wrasmann.
Kita-Kinder

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Georg Wendt/ picture alliance/dpa

Im niedersächsischen Gifhorn wird am Donnerstag eine christlich-muslimische Kita eröffnet - laut Initiatoren eine bundesweit einmalige Einrichtung. 15 Kinder werden hier ab Anfang August betreut. Jeweils rund ein Drittel der Plätze ging an Muslime, Christen und Kinder ohne Konfession.

"Eine Kindertagesstätte ist grundsätzlich unpolitisch", sagt Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der frühe Austausch sei besonders in Zeiten wichtig, in denen Populisten das Trennende betonen. Doch dass die muslimische Ditib-Moschee in Gifhorn, die katholische St. Altfrid-Gemeinde und die evangelische Dachstiftung Diakonie hier zusammenarbeiten, hat zu viel Resonanz geführt.

So wurde das Projekt von der AfD wegen zunächst schleppender Anmeldungen schon im Vorfeld als gescheitert bezeichnet. Mittlerweile sind aber längst alle Plätze belegt. Ein Anruf beim Bistum Hildesheim.

Zur Person
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Martin Wrasmann ist Pastoralreferent im niedersächsischen Gifhorn und gehört zu den Initiatoren des christlich-muslimischen Kindergartens, der Ende Juli 2018 eröffnet wird.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wrasmann, dass Sie rechten Gegenwind bekommen würden, war zu erwarten. Sind Sie gescheitert, wie manche Populisten schon argwöhnen?

Martin Wrasmann: Unsinn, wir fangen ja gerade erst an. Die Freude ist groß, dass es jetzt losgeht! Die Idee kam uns während der Flüchtlingskrise, als die Moscheegemeinden hier in Gifhorn Probleme hatten, den Wunsch der Muslime nach einer eigenen Kita zu erfüllen. Deshalb haben wir gemeinsam ein christlich-muslimisches Angebot entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer war der Brückenbau zwischen den Religionen?

Wrasmann: Wir wollten ein Haus der Toleranz gründen. Beiden Seiten war schnell klar: Wir haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. So kamen wir auch auf den Namen "Abrahams Kinder". Wir verstehen unsere interreligiöse Kita als Beitrag zur Versöhnung. Wir sind nicht einfach nur eine Versorgungseinrichtung, sondern wollen einen gesellschaftlichen Impuls setzen.

SPIEGEL ONLINE: Kann eine Kita das überhaupt leisten?

Wrasmann: Wir setzen darauf, dass Eltern beider Religionen sich in der Kita eher begegnen, als man das sonst im Alltag tun würde - und auch Muslime der verschiedenen Glaubensrichtungen untereinander. Die größte Herausforderung ist für uns die gesellschaftliche und politische Akzeptanz - wir werden hier sehr stark beobachtet. Auch das Vertrauen der Eltern müssen wir gewinnen. Und es ist wichtig, dass die beiden christlichen und die beiden muslimischen Erzieherinnen sich auf einen gemeinsamen pädagogischen Weg verständigen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret? Beten die Kinder dann immer gemeinsam?

Wrasmann: Wir sind keine Missionsschule. Wir wollen niemanden bekehren und wir werden die Kinder auch nicht alle drei Stunden auf einen Teppich legen. Das Gebet nimmt bei uns nicht mehr Platz ein als in anderen Kindergärten. Wir werden Lieder singen, die die Inhalte beider Religionen transportieren. Und wir werden Gebete finden, die alle sprechen können. Der Unterschied zu anderen Kitas wird im Alltag gar nicht so groß sein.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Weihnachten, Ostern, dem Opferfest?

Wrasmann: Unser Kita-Konzept besteht nicht in der Verdoppelung der Feiern, deshalb werden wir auch nicht alle Feste von vorn bis hinten durchzelebrieren. Das heißt, dass wir die Anlässe auswählen, die wir gemeinsam begehen können. Eins ist wichtig: Dabei werden wir immer gut essen. Viele regen sich jetzt schon auf, dass wir hier spezielles Halal-Essen anbieten würden. Das heißt aber nur, dass wir einmal in der Woche Fleisch haben und das wird natürlich so zubereitet, dass das alle essen können. Wir kaufen das Fleisch auch in einem ganz normalen Supermarkt.