Giftschrank-Jury Wie Deutschlands Sittenwächter ticken

Sex-Mangas, Metzelfilme, Nazi-Propaganda - was Jugendliche verderben könnte, kommt auf den Index. Wegen bisweilen skurriler Urteile hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien viele Feinde. Einmal im Monat treffen sich ihre Gutachter zum großen Aussieben. Christoph Gunkel war dabei.

Heute geht es um einen blutigen Amoklauf, harten Analverkehr, fehlende Schambehaarung und mordlüsterne Mutanten. Und doch wird Petra Meier am Ende des Tages sagen, es war "ein ganz normaler Tag".

Hartgesotten muss Petra Meier qua Amt sein. Seit Jahren arbeitet die blonde Juristin als stellvertretende Vorsitzende in der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" in Bonn - der obersten deutschen Sittenbehörde. Auf Antrag untersucht die Prüfstelle Bücher, Videos oder CDs auf Jugendgefährdung. Und sperrt sie bisweilen jahrzehntelang in den Giftschrank. Was die Sittenwächter indizieren, darf nicht mehr beworben und nur an Erwachsene verkauft werden.

Das macht die Prüfstelle zum vielleicht umstrittensten Amt Deutschlands: Manche loben den restriktiven Jugendschutz und verweisen auf Erfolge im Kampf gegen Kinderpornos oder Nazi-Propaganda. Andere beschimpfen die Behörde als spießige "Spaßbremse", bezweifeln ihre Kunst-Kompetenz - oder halten sie für schlicht überflüssig.

Wer zum Sitz der Prüfstelle in die Beschaulichkeit von Bonn-Duisdorf kommt, ist nervös: Die Entscheidungen bedrohen Existenzen, sie haben unmittelbar wirtschaftliche Folgen, auch wenn noch geklagt werden kann. Einmal im Monat berät ein ständig wechselndes Zwölfer-Gremium über die heikelsten Fälle, für ein Verbot ist eine Zweidrittelmehrheit nötig. Vieles erinnert an eine Gerichtsshow im Fernsehen: Verlagsvertreter bereden gedämpft mit ihren Anwälten die Verteidigungsstrategie, Handys klingeln, im Raucherzimmer glimmen Zigaretten auf.

"Auf Seite 24 ist ein abgeschnürtes Glied zu sehen"

Petra Meier eröffnet die Mai-Sitzung mit dem Manga-Comic "Finder - im Fadenkreuz". Der Vorwurf: Im Comic um die Abenteuer des Fotografen Akihito, der in die Fänge der Mafia gerät, werde "Gewalt als luststeigernd propagiert". Der Anwalt des Tokyopop-Verlages bestreitet das vehement. Die sexuellen Handlungen seien zwar "mitunter hart", aber nirgends werde "Akihito durch Gewalt erregt".

Mitunter geht es nun zu wie im Deutsch-Leistungskurs: Zitate werden gesucht, bewertet, interpretiert. Die Gutachter blättern sich eifrig durch die 178 Seiten - besonders eindeutige Textstellen hatten sie schon zu Hause mit Textmarker gelb markiert.

"Auf Seite 24 ist ein abgeschnürtes Glied zu sehen, an dem der Gangster Oralverkehr ausübt", sagt Petra Meier kühl und blickt fragend zum Anwalt. "Danach wird Akihito eine Filmdose in den After eingeführt." Der Anwalt antwortet stockend, solche Darstellungen seien wohl "stilisiert", Gewalt werde nicht als sexuell stimulierend dargestellt. Die Juristin kontert kühl: "Der Band endet aber mit der Aussage: 'Obwohl es so weh tut, wieso gebe ich mich dann so hin?'" Nach zehnminütiger Besprechung verkündet Meier die wenig überraschende Entscheidung: Akihitos Sex-Schmerzen sollen Jugendliche nicht zu Gesicht bekommen.

Nackt ist nicht gleich nackt

Es ist ein Verbot mit Tradition. Als die Bundesprüfstelle vor 55 Jahren gegründet wurde, waren Comics Hauptfeinde der Sittenwächter. Das erste Verbot erging im Juni 1954 gegen einen Band der Serie "Der kleine Sheriff" - auch weil die Prüfer sich darin am "grauenhaften Tod" eines Gauners störten, der "nach aufregenden Kampf mit Raubvögeln in eine Felsenschlucht stürzt".

Anfangs verbot die Prüfstelle alles, was "sozialethisch desorientieren" könnte - Sex, Drogen, Gewalt. Viele Entscheidungen wirken heute skurril, sie atmen den Geist einer Bewahrpädagogik, mit der die Jugend von allen schädlichen Einflüssen ferngehalten werden sollte.

"Manches würden wir heute sicher nicht mehr verbieten", sagt Petra Meier. Heute wird der Gang durch das berüchtigte Archiv der Prüfstelle zur kunsthistorischen Zeitreise. Ordentlich in hohen Regalen verstaut, findet sich hier alles, was auf dem Index stand oder geprüft wurde: erste Videospielen, alte Sexfilmchen mit absurden Titeln ("Als das Vögeln laufen lernte"), Platten bekannter Bands ("Die Ärzte", "Die Fantastischen Vier"). Und auch echte Film- und Buchklassiker. Für Jugendliche weggesperrt wurden etwa Sacher-Masochs "Venus im Pelz", Andy Warhols "Dracula", Romy Schneiders "Trio Infernal" oder Easton Ellis' "American Psycho".

Die gute alte "Bravo", ein Metzelfilm und ein Comic - "Die Bundesprüfstelle hat den Ruf eines Henkers!", sprach der Altpunk

Karl Nagel schwant nichts Gutes, als er nach dem Manga-Comic in den Sitzungsaal gerufen wird. Aber anbiedern will er sich nicht. Der Alt-Punk und Ex-Wahlkampfmanager der "Anarchistischen Pogo-Partei" kommt in weißen Turnschuhen, mit buntem Stirntuch und Captain-Spock-Hemd. Einen Anwalt hat er gar nicht erst mitgebracht, "die sind nicht so mein Ding". Dafür ruft er den Gutachtern eine klare Meinung entgegen: "Die Bundesprüfstelle hat in der Comic-Szene den Ruf eines Henkers!" Stille - tiefes Durchatmen, leichtes Murmeln, dann geht es weiter.

Sittenwächterin Meier: "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet"

Sittenwächterin Meier: "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Nagel ist Verleger von "Die! oder Wir", eines "Magazins fürs Prekariat". Die Comic-Zeitschrift sieht aus wie ein Boulevardblatt, arbeitet mit satirischen Elementen, will die Berichterstattung über Gewalt aufs Korn nehmen. Zerschossene Körper werden gezeigt, doch die schlimmsten Details verdecken Kästen mit Hinweisen wie: "Gewaltgeil sind die anderen - auf keinen Fall wir!" Hakenkreuze sind halb übermalt und so betitelt: "Zensur. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen wollen wir auf keinen Fall zeigen, dass Nazis auch gerne Nazi-Symbole verwenden."

"Wir wollen den Leser verwirren", sagt Nagel. Der Vertrieb seiner Zeitschrift wurde vom Pressegroßhandel sowieso weitgehend verhindert, den Großteil der Hefte hat Nagel angeblich vernichtet und plant kein zweites Heft. "Eigentlich bin ich nur gekommen, um zu testen, ob man mich wirklich hängen wird."

Schamhaarfreie "Bravo" lässt keinen Prüfer erröten

So viel Gelassenheit haben die Vertreter der "Bravo" nicht im Gepäck. "Soll ich mich vor dem ersten Mal selbst befriedigen?" fragt Leonie, 15, das Dr.-Sommer-Team in der "Bravo" Nr. 6/2009. Daneben räkelt sich ein junges Mädchen lasziv in einem Bettlaken, auf der nächsten Seite sind nackte Jugendliche zu sehen. Keine ungewöhnliche Ausgabe, deshalb geht es um Grundsätzliches: Posiert das Mädchen für ihr Alter in einer "unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltung", so der juristische Terminus? Versteht der Leser, dass die Models älter sind als die minderjährigen Fragesteller?

Manchmal trägt die Sitzung Züge einer peinlichen Befragung. Doch die Gutachter sind zu routiniert, um noch rot zu werden: "Warum haben Sie Models ohne Schambehaarung fotografiert?", fragt ein Prüfer mit grün-gestreiftem Hemd. "Mehr als 50 Prozent der Jugendlichen rasieren sich", klärt Marthe Knieb aus dem Dr.-Sommer-Team ihn auf. "Wir bilden Realität ab." Am Ende ist ihr die Erleichterung anzumerken, als das Gremium die "Bravo" nicht indiziert. Die Entscheidung zeigt auch den Wandel der Moralvorstellungen. 1972 war noch eine "Bravo"-Ausgabe über Selbstbefriedigung verboten worden - denn Onanie könne zu "paranoiden Reaktionen" und "Rückenmarkschwindsucht" führen.

Am Nachmittag kommt Kino-Flair auf. Im Sitzungssaal werden die Jalousien runtergelassen, Käsehappen und Brötchen gereicht; ein Flachbildschirm wird eingeschaltet, die DVD "Mutant Chronicles" eingelegt. Schon kriechen blutrünstige Mutanten über die Erde, die Menschheit ist kurz vor dem Untergang. Während religiöse Kämpfer Mutanten mit Schwertern aufschlitzen, schiebt mancher Prüfer sich verschämt eine Frikadelle in den Mund - eine Mittagspause hatte es nicht gegeben. Nach 107 Minuten hat die Menschheit gesiegt. "Endlich", stöhnt eine Gutachterin.

"Keine Angst, das ist nicht die Inquisition"

Auch dieser Horrorstreifen wird verboten, zumindest in der "uncut"-Version - trotz einer flammenden Verteidigungsrede des Anwalts Holger von Hartlieb, Dauergast in Bonn. Seit 30 Jahren vertritt er die Interessen von Film- und Videovertrieben. Die Horrorszenen in dem Film findet er "zu irreal", als dass sie Jugendliche "verrohen" könnten: "Für Hardcore-Fans ist das kalter Kaffee." Hartlieb bemängelt die "Überregulierung", in der Vergangenheit habe "sehr viele problematische Entscheidungen" der Prüfstelle gegeben.

Die Prüfer kennen diese Kritik. "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet", räumt Petra Meier ein. "Es gibt keine hundertprozentig objektiven Kriterien, da muss man mit Sachverstand und Bauchgefühl arbeiten", pflichtet eine Kollegin bei. Ein Drahtseilakt. Denn die Prüfer müssen sich für die Urteile in die Lage der Jugendlichen versetzen, Medienentwicklungen berücksichtigen und dann noch zwischen zwei Gütern mit Verfassungsrang abwägen: Jugendschutz versus Kunstfreiheit.

Doch die Prüfstelle bekommt unverhofften Beistand - ausgerechnet von Alt-Punk Karl Nagel. Seine Zeitschrift war am Nachmittag nicht verboten worden. Nun will er seinen Freunden in der Comic-Szene sagen: "Keine Angst. Das ist nicht die Inquisition, die können auch zuhören."

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