Silke Fokken

Jeden Tag "Girls' Day" Mütter, wechselt öfter mal den Reifen

Bisher ist der "Girls' Day" vor allem eines: gut gemeint. Jetzt gilt es, starre Rollenbilder bei der Berufswahl noch mal ganz neu zu überwinden.
Reifen wechseln - und Vorbild sein

Reifen wechseln - und Vorbild sein

Foto: Guido Mieth/ Getty Images

Wieder ist ein "Girls' Day" vorbei, ein Tag für Mädchen also. Das hatte meine Tochter, 11, wörtlich genommen und sich einen Traum erfüllt: Sie war einen ganzen Tag im Reitstall. Mit ihren Freundinnen. Stall putzen. Fegen. Pferde pflegen. Die Mädchen hatten alles allein organisiert, Eltern und Lehrer nur noch in Kenntnis gesetzt. Nach mehreren Stunden Arbeit taten die Füße weh - und meine Tochter war begeistert: "So cool!"

Schön, wenn Kinder so selbstständig sind und ihnen harte Arbeit in so positiver Erinnerung bleibt. Aber zugegeben: Mit der ursprünglichen Idee des "Girls' Day" hatte die Aktion wenig zu tun. Macht nichts. Manches an dem Tag erscheint ohnehin zweifelhaft.

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Themenseite: Ganz harte SchuleHier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Eigentlich ist der "Girls' Day" ja dazu gedacht, dass sich Mädchen abseits von Geschlechterklischees über Berufe informieren. Sie sollen mal überlegen, ob nicht Kfz-Mechatronikerin, Zerspanungsmechanikerin, Physikerin, Landwirtin oder IT-System-Kauffrau etwas für sie wäre. Alle diese Berufe stehen auf einer Liste auf der "Girls' Day"-Website. Als Vorschläge, was Mädchen alles werden könnten, um starre Rollenbilder aufzubrechen.

Das ist an sich natürlich eine gute Idee. Wenn der Tag tatsächlich dazu führt, dass Kinder freier und mutiger in der Berufswahl werden - großartig! Aber dass im Jahr 2019 überhaupt noch gefeiert werden muss, wenn Kinder Jobs kennenlernen, die für ihr Geschlecht als untypisch gelten, ist auch irgendwie traurig - und trägt vielleicht sogar dazu bei, dass sich manches Klischee in Kinderköpfen festigt.

"Was ist denn ein typischer Männerberuf?", wollte meine Tochter wissen. Tja, schwierig. "Köchin" steht zum Beispiel auch auf der Berufsliste der "Girls' Day"-Website. Kochen gilt also als männlich, solange es sich um eine erwerbsmäßig durchgeführte Tätigkeit handelt - zu Hause und gratis erledigt, nicht.

Klarere Antworten liefern dagegen die Pressefotos, die am "Girls' Day" geschossen wurden, zum Beispiel von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die sich bestimmt in bester Absicht mit 30 Mädchen in einem Berliner IT-Dienstleistungszentrum ablichten ließ. Mädchen sollen gern irgendwas mit Technik machen, so die Botschaft.

Franziska Giffey am Girls' and Boys' Day 2019 bei Siemens

Franziska Giffey am Girls' and Boys' Day 2019 bei Siemens

Foto: Michelew Tantussi / REUTERS

"Vorurteile abbauen"

Dahinter steckte ursprünglich allerdings auch ein Gedanke, der mit Gleichberechtigung wenig zu tun hat: Frauen sollen/dürfen dann in Männerdomänen vordringen, wenn dort gerade Mangel herrscht - und Lücken gefüllt werden müssen. Allerdings: Die eine oder andere Firma muss noch überzeugt werden, dass Frauen dafür die nötige Kompetenz mitbringen. Auch das sei ein Argument für den "Girls' Day", heißt es auf der Website. Er trage dazu bei, "Potenziale sichtbar zu machen" und "Vorurteile abzubauen".

Dass das tatsächlich nötig ist, bewies am Donnerstag etwa der Autobauer Audi. Der fühlte sich ernsthaft bemüßigt, in einer Pressemitteilung festzustellen: "Was Jungs können, können Mädchen mindestens genauso gut." Das hätten 194 Schülerinnen "eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Audi lobt, die Mädchen hätten sich handwerklich betätigt und unter anderem "besondere Osterhasen" gefertigt. Schön.

Der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass der "Girls' Day" seit einigen Jahren auch ein "Boys' Day" ist. Jungen sollen ebenfalls ermutigt werden, geschlechtsuntypische Berufe zu ergreifen. Am besten Erzieher, Grundschullehrer, Alten- oder Krankenpfleger, weil auch da dringend Leute fehlen. Giffey hatte einen Pressetermin mit 20 Jungen in einer Berliner Klinik, die wohl nicht alle zu einer Chefarztkarriere bewegt werden sollten, sondern der Idee nach zu einer typisch weiblichen Tätigkeit.

Franziska Giffey in einer Berliner Klinik

Franziska Giffey in einer Berliner Klinik

Foto: Michele Tantussi / REUTERS

Neben den PR-Fotos gibt es alljährlich ein weiteres Ritual zum "Girls' and Boys' Day": Das Statistische Bundesamt und andere Analysten veröffentlichen Zahlen, die belegen, dass der Anteil an Frauen in typischen Männerberufen in den vergangenen Jahren durchaus gestiegen - im Vergleich aber immer noch niedrig ist.

"Jungs streben auf dem Ausbildungsmarkt verstärkt in naturwissenschaftliche und technische Berufe, Mädchen eher in den Bereich der Pflegeberufe", teilte das Bundesamt am Mittwoch mit. Demnach lag der Anteil männlicher Auszubildender in Pflegeberufen zuletzt bei 22 Prozent, der Anteil weiblicher Auszubildender im Bereich "Naturwissenschaft, Geografie und Informatik" bei 17 Prozent.

Penetrante Rollenklischees

Eine ernüchternde Bilanz, aber wenig überraschend. Wie soll ein einziger Tag ausbügeln, was den Rest des Jahres schiefläuft?

Kindern werden in unserer bunten Warenwelt sehr frühzeitig und oft penetrant genderspezifische Interessen und Vorlieben unterstellt - sei es bei Klamotten oder Spielzeug. Stichwort Gender-Marketing. Gleichzeitig belegen Studien, dass in Kitas und Schulen - und auch Elternhäusern - geschlechtstypische Interessen oft unbewusst deutlich gefördert und tradierte Rollenbilder vorgelebt werden.

Was wäre, wenn Lehrkräfte Jungen öfter unterstellen würden, sie seien besonders fürsorglich, sozial und an Büchern interessiert? Wenn sie bei Mädchen öfter davon ausgehen würden, sie seien richtig gut in Mathe und sehr durchsetzungsfähig? Was wäre, wenn nachhaltige, genderneutrale Unterrichtsansätze viel breiter diskutiert und besser gefördert würden?

Was wäre, wenn Mütter öfter Reifen wechseln und Überstunden machen würden? Und Väter öfter mit zum Schulausflug kämen, in der Mensa die Brötchen schmierten und im Reitstall die Ponys striegelten? Und zwar an den kommenden 364 Tagen? Vielleicht würde das Kinder viel mehr dazu bewegen, sich zu gegebener Zeit über Rollenklischees hinwegzusetzen als ein Aktionstag?

Der 26. März 2020 könnte dann ohne große Versprechen an den Start gehen. Er wäre einfach ein cooler Ausflug ins Arbeitsleben.

Zur Person
Foto: privat

Silke Fokken, Jahrgang 1972, ist Journalistin und lebt mit Mann und vier Kindern (3,11,19 und 22 Jahre) in Hamburg. So sammelte sie einschlägige Erfahrungen an diversen Schulen: von der Einschulung bis zur Abifeier. Ihr Lebensmotto: Zuhören und Verständnis haben - aber nicht vor dem ersten Kaffee.

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