Global City Hamburg Die Welt-Schüler

Mehrsprachig erzogen, global einsetzbar: Das Helene-Lange-Gymnasium in Hamburg-Eimsbüttel führt seine Schüler zum Internationalen Abitur - und verwandelt so Abiturienten in Exportartikel.

Von


Selim klappt seinen schwarzen Terminkalender auf, mal sehen. Die Ferien, er blättert, enden am 22. August. Er muss bis dahin zwei Romane für Deutsch lesen, sich für den Englisch-Essay ein Thema ausdenken, zwei Kapitel im Bio-Buch durcharbeiten, für die Theaterstunde ein Bühnenkonzept schreiben. Abgabe für das Mathe-Portfolio ist übermorgen, genau wie für den Bio-Laborbericht. Könnte zu schaffen sein.

Drei Tage vor den Sommerferien im Helene-Lange-Gymnasium. Selim Ben Amara, 18, schwarze Haare, dunkle Haut, trägt Trainingshose, Kapuzenpulli und Turnschuhe. Beim Sprechen webt er englische Wörter in seine Sätze. Mit seinem Mathe-Lehrer und einigen Mitschülern überlegt er gerade, wie sie die Ferienwochen so geschickt wie möglich für die Schule nutzen können. Sie lernen schon jetzt für das "International Baccalaureate" im nächsten Jahr, kurz IB, das Internationale Abitur zusätzlich zum deutschen Abi. Zwei große Aufgaben gleichzeitig, sie werden viel tun müssen, sie brauchen Disziplin. "Work ethics", sagt Selim.

Der durchschnittliche deutsche Schüler, man hört es häufig, ist international nicht konkurrenzfähig. Er ist ein durchschnittlich begabter Exportartikel, miserabler im Lesen und Rechnen als beispielsweise seine Altersgenossen in Finnland und Australien. Deshalb steht der deutsche Schüler unter Druck - und mit ihm die Bildungsstätten. Das Helene-Lange-Gymnasium hat eine eigene Antwort darauf.

Rund tausend Schüler der Klassen 5 bis 13 besuchen diese Schule in Hamburg-Eimsbüttel, eines von 65 staatlichen Gymnasien der Stadt. Viele Fächer werden hier auf Englisch unterrichtet, der Muttersprache der Globalisierung. Der ideale Schüler kann sich nach dem Abitur mit Gleichaltrigen aus Finnland und Australien messen, das IB wird an tausend Schulen in hundert Ländern mit denselben Prüfungen abgelegt, eine Art weltweites Zentralabitur.

Es ist der Prototyp des globalisierten Schülers, der hier erzogen wird, mehrsprachig, in der ganzen Welt zu Hause. Aus diesem Grund ist Selim hier.

Die Räume sind kahl, die Wände beschmiert mit Filzstift. Es ist die globale Schule unter deutschen Voraussetzungen.

Er spricht fließend Deutsch, Arabisch und Englisch, ist geboren im schleswig-holsteinischen Städtchen Heide, aufgewachsen in Kairo, Dschibuti und Damaskus. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Tunesier, er arbeitet als Entwicklungshelfer bei den Vereinten Nationen. Bis zur neunten Klasse besuchte Selim die amerikanische Schule in Damaskus, dann kehrte er mit seinen Eltern zurück nach Deutschland. Sie inspizierten viele Schulen, in Hamburg, in Berlin, sie suchten nach der besten, der internationalsten. Am Ende meldeten sie ihren Sohn auf dem Helene-Lange-Gymnasium an, keiner Privatschule, sondern einer, die für alle zugänglich ist. Wegen des guten Rufs, sagt Selim. Viele Schüler haben neben Deutsch noch eine zweite Muttersprache, Englisch, Russisch, Chinesisch, Spanisch. Die 46 Nationen unter einem Schuldach gewöhnen sich früh an den Mischmasch der Kulturen. Alle lernen in der fünften Klasse sieben Stunden Englisch pro Woche, zwei Stunden mehr als anderswo. Ab der sechsten Klasse sprechen die Kunst-Lehrer mit ihnen Englisch, später die Lehrer in Geschichte, Geografie, Chemie, Physik, Biologie. Ein IB-Schüler hat dann in der Oberstufe sämtliche Schulstunden von Mathematik bis zum Pflichtfach Erkenntnistheorie in englischer Sprache - außer Deutsch natürlich. Es ist der Versuch der globalen Schule.

In der Oberstufe ziehen die Schüler vom frisch renovierten Schulgebäude in der Eimsbütteler Bogenstraße in einen grauen Altbau 500 Meter weiter. Sie werden hier zusammen mit der Oberstufe des Kaiser-Friedrich-Ufer-Gymnasiums unterrichtet. Die Räume sind kahl und leer, die Wände beschmiert mit Filzstift, hier ist auch Selim jeden Morgen, es sieht aus wie in Berlin-Neukölln. Es ist die globale Schule unter deutschen Voraussetzungen.

Selim ist es ziemlich gleichgültig, wie sein Klassenzimmer aussieht. Wenn er die Prüfungen bestanden hat, will er in Oxford oder Cambridge International Business Management studieren. Das IB ist für ihn eine zusätzliche Qualifikation für die spätere Karriere. Die Schule soll ihn möglichst gut auf das Studium vorbereiten, sie muss nicht sein wie aus dem Ikea-Katalog.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.