Google, Lego, Apple im Klassenraum Die wollen doch nur helfen - oder?

Virtuelle Klassenausflüge und selbstgebaute Roboter - Firmen wie Lego, Google und Apple bieten Lehrern an, was der Staat ihnen verwehrt. Ist das ehrenwertes Engagement? Oder dreiste Werbung?
Google bietet für Schulen virtuelle Klassenreisen an - per VR-Pappbrille

Google bietet für Schulen virtuelle Klassenreisen an - per VR-Pappbrille

Foto: Google

Martin Engels hat das Weltall mitgebracht. Das Poster ist so groß, dass es über vier zusammengeschobene Schultische reicht. Links oben ist der Mars abgebildet, rechts unten die Erde. Und darauf: eine Spielwelt aus Lego mit Mini-Satellitenschüsseln, Männchen in Raumanzügen und einer Rakete, die auf Knopfdruck von der Erde Richtung Mars düst. Die Lehrer, die an diesem Tag wieder Schüler sind, schauen skeptisch.

Sie sollen an diesem Morgen lernen, wie sie Lego im Informatik- und Physikunterricht einsetzen können. Der ganztägige Workshop ist für sie kostenlos - ein Gutschein dafür lag den acht Lego-Baukästen bei, die die Nelson-Mandela-Schule in Hamburg-Wilhelmsburg für knapp 3000 Euro erstanden hatte.

541 Bauteile sind in jedem Kasten, Herzstück ist ein kleiner programmierbarer Computer, der sich mit Servomotoren, Ultraschall-, Berührungs- und Farbsensoren kombinieren lässt. Aber wie?

Martin Engels (links) beim Lehrer-Workshop in Hamburg-Wilhelmsburg

Martin Engels (links) beim Lehrer-Workshop in Hamburg-Wilhelmsburg

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Sie sollen hier heute herauskommen mit dem Wissen: So kann ich morgen in den Unterricht gehen", verspricht Engels. Er arbeitet als "Master Trainer" für Lego Education, eine Abteilung des Spielwarenherstellers, die Materialien für den Schulunterricht entwickelt.

Was er erst später verraten wird: Die so liebevoll aufgebaute Spielwelt muss extra erworben werden. 226 Euro kostet das Mars-Set, also fast so viel wie ein Baukasten. Und schon an denen hat die Schule gespart: Optimal sei, so Engels, wenn immer zwei Schüler mit einem Kasten arbeiten. An der Nelson-Mandela-Schule müssen vorerst acht Bausätze für eine ganze Klasse, und damit im Schnitt für 24 Schüler, reichen.

Von dem fünf Milliarden Euro schweren Digitalpakt, den Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vor rund einem Jahr angekündigt hatte, ist hier - wie an allen Schulen - noch nichts angekommen. Und viele Lehrer müssen Fächer unterrichten, die sie gar nicht studiert haben. Da kommt in Häppchen vorbereiteter Unterricht gerade recht.

Mit der "Mars Mission" soll der Physik- und Informatikunterricht Spaß machen

Mit der "Mars Mission" soll der Physik- und Informatikunterricht Spaß machen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Mehrere hundert Unterrichtsstunden haben Engels Kollegen erarbeitet, samt Aufgaben für die Schüler, Bauanleitungen und Erklärvideos. Sogar Kriterien für die Notenvergabe haben sie sich überlegt.

Ein Spielwarenhersteller, der den Unterricht mitgestaltet - ist das noch begrüßenswertes Engagement? Kinder sind für Unternehmen eine beliebte Zielgruppe. Bundesweit boomt das Sponsoring an Schulen. Chips- und Schokocreme-Hersteller sponsern Sporttage, Versicherungen und Banken veranstalten Börsenspiele, Pharmakonzerne verteilen Unterrichtsblätter zur Gentechnik. Und gerade beim Thema Digitalisierung sind viele Schulen für jede Hilfe dankbar.

"Wir haben weder genug Lehrer noch genug Geld, um den Schülern das Wissen in den Mint-Fächern zu vermitteln, das sie benötigen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir nun die Lehrmaterialien von SAP haben, die wir für die Weiterbildung von Lehrern und Schülern nutzen können", wird ein stellvertretender Schuldirektor eines Gymnasiums aus Konstanz auf der Homepage des Softwarekonzerns SAP zitiert .

Die Lage an deutschen Schulen sei "ernüchternd", konstatierte vor kurzem die Bertelsmann Stiftung. Das didaktische Potenzial digitaler Medien werde nicht ausgenutzt, es fehle an Konzepten, Weiterbildung, Ausstattung. Und dieses Vakuum füllen kommerzielle Unternehmen nur zu gern.

"Wir beobachten eine massive Zunahme von Lobbyismus an Schulen", sagt René Scheppler von der Lehrergewerkschaft GEW. "Vor allem IT-Firmen nutzen die Unterfinanzierung des Bildungssystems für Marketingzwecke. Sie haben erkannt, dass hier ein Milliardenmarkt erschlossen werden kann, und jetzt werden gerade die Claims abgesteckt, nach dem Motto: Wird das eine Apple- oder eine Microsoft-Schule?"

Scheppler vergleicht das Engagement der Konzerne mit der "Quengelzone" im Supermarkt: Den Kindern werden Produkte schmackhaft gemacht, die diese dann von den Eltern gekauft haben wollen.

Und selbst Politiker lassen sich mit gesponserten Schul-Events leicht beeindrucken, hat der Gemeinschaftskundelehrer aus Hessen beobachtet: "Wenn eine Schule bei einem Programmierwettbewerb gewinnt, sind erstmal alle glücklich. Da stellt man sich als Politiker gern mit aufs Foto, und schon sind die ersten Kontakte geknüpft." Umgekehrt fungierten Politiker auch als Türöffner an Schulen: Für die "Code your Life"-Initiative von Microsoft haben 14 Bundestagsabgeordnete eine Schulpatenschaft übernommen, für "Erlebe IT" des Branchenverbands Bitkom sogar 140 Abgeordnete.

Wer hinter den Mint-Förderprogrammen mit den markigen Namen steckt, ist oft erst auf den zweiten Blick erkennbar. Die GEW fordert deshalb, dass eine unabhängige Monitoringstelle geschaffen wird, die Lehrern und Eltern bei der Einordnung von gesponserten Schulprojekten hilft.

Ob ein Event pädagogisch wertvoll oder eine reine Werbeveranstaltung ist, müsse in einer bundesweiten Datenbank erfasst werden, sagt Scheppler. Denn es vergehe kaum eine Woche, ohne dass er von einem neuen Sponsoring-Angebot erfahre - "und die alle zu überprüfen, ist auf der Ebene der Schule nicht mehr zu leisten. Dafür haben die Lehrer gar keine Zeit".

Mündige Bürger - oder lieber fähige Arbeiter?

Mit Macht drängt vor allem Google weltweit in Klassenzimmer. Mit günstigen Laptops und gratis Apps habe der Konzern den Schulunterricht in den USA schon "googlifiziert", schreibt die "New York Times" . Der Konzern sei dabei, die Bildung umzuwälzen: Kinder sollen nicht mehr zu mündigen Bürgern, sondern zu fähigen Arbeitern erzogen werden. Statt ihnen allgemeines Wissen zu vermitteln, gehe es verstärkt darum, ihre Fähigkeiten zu Teamarbeit oder Problemlösungen zu schulen.

Fast sieben Millionen Euro hat Google nach eigenen Angaben seit 2011 in Lehrer- und Schüler-Workshops, den für den Informatikunterricht entwickelten Kleinstcomputer Calliope und in die Programmierplattform Open Roberta gesteckt. In Hamburg, München und Berlin hat Google dauerhafte Schulungszentren eröffnet, zwei Millionen Menschen will der Konzern bis 2020 in Deutschland mit kostenlosen Trainings weiterbilden.

Und seit diesem Schuljahr bietet Google bundesweit virtuelle Klassenausflüge an: Auf Wunsch kommt ein Google-Mitarbeiter in die Klasse, baut dort ein WLAN-Netz auf und nimmt die Schüler per Pappbrille und Smartphone mit auf eine Virtual-Reality-Reise, zum Beispiel ins Frankfurter Senckenbergmuseum oder in die Unterwasserwelt vor den Galapagos-Inseln.

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Welche Fragen die Lehrer während des Ausflugs stellen können, steht im Begleitmaterial. Auch für die Vor- und Nachbereitung gibt es passende Arbeitsblätter mit Karten, Lückentexten und Bastelideen. Diese wurden allerdings nicht von Google, sondern von der Stiftung Lesen erstellt.

In die Inhalte wolle man sich ja gar nicht einmischen - das sagen alle Firmen, die sich in Schulen engagieren. Es gehe vielmehr darum, Wissen zur Verfügung zu stellen, gemeinsam etwas zu bewegen, sich für eine bessere Zukunft einzusetzen. Aber natürlich haben auch sie etwas davon, wenn Kinder in der Schule mit ihrer Marke oder auch nur mit ihren Themen in Berührung kommen - nämlich im besten Fall künftige Mitarbeiter. Oder Kunden.

Denn wer in der Schule mit Google Docs oder Garage Band von Apple arbeitet, wird dies wahrscheinlich auch nach der Schule noch tun. Gerade bei Technologieunternehmen gilt: Wer einmal das Vertrauen der Kunden gewonnen hat, behält sie oft ein Leben lang.

Und wie subtil sich das Sponsoring in die Köpfe der Kinder schleicht, zeigt eine Szene am Rand der Eröffnung von Googles neuer Zukunftswerkstatt in München: Als ein kleiner Junge die Musiknote G in einem Programm auswählt, sagt er ganz selbstverständlich: "Ich nehme jetzt das G wie Google."

Haben Sie Sponsoring an Schulen erlebt?
Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa

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