Graffiti Ich spraye, also bin ich

Sie "bomben" die Stadt zu und liefern sich Katz-und-Maus-Spiele mit der Polizei. 50 Millionen Euro gibt allein Berlin jährlich für Graffiti-Bekämpfung aus. Die Sprayer juckt das wenig. Schüler Paul Wencke erzählt von nächtlichen Streifzügen und dem Ruhm der Straße.

Paul Wencke* ärgert sich heute noch, dass er nicht zurück in den U-Bahn-Tunnel flüchtete. Der 19-Jährige hatte den Streifenwagen ja gesehen. Doch statt hinab in den Notausgangsschacht zu klettern, aus dem er gekommen war, rannte Paul vermummt über die Kreuzung in Berlin-Kreuzberg. Seine Hände rochen noch nach Farbe, als ihm die Polizisten Handschellen anlegten und die Sonderkommission Graffiti informierten.

Paul war 18 Jahre alt und hatte gerade eine U-Bahn "gebombt", so nennen es die Sprayer, wenn sie ihre Bilder an illegalen Stellen hinterlassen. Er hatte sich nach Betriebsschluss im Tunnelsystem einsperren lassen, auf einem unterirdischen Abstellgleis einen passenden Waggon ausgewählt und diesen 45 Minuten lang bearbeitet. Sorgfältig hatte er mit grüner und weißer Farbe einen grimmigen Comic-Polizisten gemalt und die Konturen mit schwarzem Lack nachgezogen. Das war vor einem Jahr. Pauls Anwalt riet ihm später, "auf intelligenter Abiturient zu machen". Weil er vorher nicht auffällig geworden war, kam er ohne Strafe davon.

Wenn Paul nachmittags in einem Café sitzt, wirkt er wie ein ganz normaler Schüler, der gerade sein Abi macht. Nur kleine Farbspritzer auf Kapuzenpulli und Cargo-Hose verraten etwas über seine Nachtschichten. "Philo" hat er sich auf den Handrücken gekrakelt, denn er muss noch die Grundzüge des Buddhismus für die Klausur am nächsten Tag lernen. An seinem Gymnasium wissen die wenigsten etwas von seinem zweiten Leben als Sprüher. "Einmal habe ich nachts den Schornstein der Schule bemalt", sagt er. Doch das fiel kaum jemandem auf.

Einige ziehen mit "Hass-Maske" los

Schule und Sprühen, das geht eigentlich nicht zusammen, denn die meisten "Writer" leben nachts und schlafen tagsüber, erzählt Paul. Sie wollen überall mit ihren Bildern präsent sein, damit der Szene der eigene Name geläufig wird. Es geht um "Fame", wie Paul sagt, Ruhm und Bekanntheit. Dass seine Bilder meist sofort wieder entfernt werden, stört ihn nicht: "Man hat das Foto und die Action."

Vor drei Jahren zog Paul zum ersten Mal los, um sein Kürzel zu verbreiten. Bald lernte er die Sprüher-Crew "Stadt-Mitte-Club", kurz SMC, kennen. Mit den befreundeten Sprayern beobachtet Paul nachts Rangierbahnhöfe, fachsimpelt über Techniken und Farbpigmente, diskutiert über Malstile. "Ohne das soziale Umfeld lässt man Sprühen schnell wieder bleiben", sagt Paul.

Die Sprüher-Szene, eine friedliche Familie? Natürlich nicht. Paul betont, kein festes Mitglied von SMC zu sein, schließlich gehörten auch gewaltbereite Leute dazu, mit denen er nichts zu tun haben will. Vor einigen Jahren noch zogen Sprayer regelmäßig mit einer das Gesicht bedeckende Strumpfmaske ("Hass-Maske"), Totschläger oder K.o.-Gas los, denn es wurde erzählt, dass die Sicherheitsdienste ebenfalls bewaffnet seien. Bei manchen Begegnungen prügelten sich Sprayer und Wächter krankenhausreif. Heute habe sich die Aggression gelegt, sagt Paul. Nicht wenige in der Szene sind Dealer. "Plötzlich kennt man Menschen, die 20 Kilo Gras zu Hause haben", behauptet Paul.

Vor dem Gesetz gilt auch Paul als Krimineller. Seit 2005 können Sprayer in Berlin ohne Gutachten rechtlich verfolgt werden und bis zu zwei Jahre ins Gefängnis kommen. Reduziert hat das den "Farbvandalismus" bisher nicht. Kein Wunder, liegt doch der Reiz gerade darin, etwas Verbotenes zu tun und schlauer zu sein als Sicherheitskräfte und Polizei. Das führt zu Rauschzuständen wie beim Extremsport. Paul weiß, dass er sich mit der Sachbeschädigung gehörig verschulden kann. Doch in der Anonymität der Großstadt kommt ihm das eigene Handeln wirkungslos vor. "Wenn man sieht, wie respektlos die Menschen hier miteinander umgehen – wie soll man dann Respekt vor Gegenständen haben?", fragt er.

Weil in Kreuzberg einige Jugendliche so denken, sieht der Stadtteil aus wie ein dreidimensionales Schmierblatt. Begabte Maler und aufmüpfige Zwölfjährige verewigen sich hier gleichermaßen; an den Wänden der Kneipen, Wohngebäude und Dönerläden rund um Oranienstraße und Kottbusser Tor ist keine Hauswand mehr ohne Kritzeleien. Paul kennt die Urheber: Hier hat sich ein Kumpel an einem Dachgiebel mit "SO 36" verewigt, der alten Postleitzahl des Bezirks. Dort hat ein bekannter Writer aus New York seine Spuren hinterlassen. Einmal seilte sich Paul mit seiner Kletterausrüstung von der Hochbahntrasse der Skalitzer Straße ab, seitdem blickt einer seiner Polizisten über die Kreuzung.

Schmier oder Zier?

Die Stadt Berlin kostet das Katz-und-Maus-Spiel mit den Sprayern viel Geld: 50 Millionen Euro pro Jahr geben Stadt und Verkehrsbetriebe für Graffiti-Bekämpfung aus, im letzten Jahr setzte die Polizei gar Hubschrauber mit Infrarotkameras an Bord ein. Jährlich tagt ein internationaler Anti-Graffiti-Kongress im Rathaus. Dort erklären Graffiti-Beauftragte aus Skandinavien, wie sie ihre Städte mit der "Null-Toleranz-Strategie" sauber halten; Politiker und Pädagogen sprechen über "gut organisierte Banden", Gewaltbereitschaft in der Szene und Graffiti als Einstiegsdelikt zur Schwerstkriminalität. "Graffiti sind doof, weil sie doof machen", findet Karl Hennig, 58, Vereinsvorsitzender von "Nofitti".

Tobias Langer, 28, ist das jüngste der insgesamt 50 Mitglieder im Anti-Graffiti-Verein, der diese Kongresse organisiert und sich den dramatischen Untertitel "Initiative zur Rettung des Berliner Stadtbildes" gibt. "Ich fühle mich schlicht gestört", sagt CDU-Mitglied Langer über Graffiti (siehe Video). "Die Verunstaltungen beeinträchtigen die Lebensqualität." Deshalb rückt Langer ehrenamtlich mit Reinigungsmitteln an, wenn frische Farbe auf Kinderspielplätzen und Denkmälern zu sehen ist. Für ihn hat das nichts mit Saubermann-Mentalität, sondern mit sozialem Engagement zu tun.

Die Szene juckt das wenig. Viele können den Ärger über verschmierte Hauseingänge sogar verstehen. Dass die meisten "Tags", mit dicken Filzschreibern hingefetzte Kürzel, hässliche Hinterlassenschaften sind, weiß auch Robert, der seit drei Jahren in Kreuzberg den Graffiti-Shop "Overkill" betreibt. Trotzdem fühlt er sich vom Nofitti-Verein zu Unrecht verteufelt: "Jugendlichen fehlt die Möglichkeit, sich künstlerisch auszudrücken." Er kann gut vom Geschäft mit den teuren Sprühdosen leben: Eine Nacht mit sechs Farben kostet mehr als 20 Euro. Im Laden verkauft Robert auch die passenden Turnschuhe, T-Shirts, Filme und Bücher. Die Jugendkultur hat ihre eigene Ökonomie.

"Gesellschaft hat andere Probleme als bunte Wände"

Die deutschen Sprayer befürchten nun, dass sich Berlin an New York ein Beispiel nehmen könnte. Dort dürfen seit diesem Jahr Jugendliche unter 21 keine Sprühdosen oder breite Filzmarker mehr besitzen. Der Berliner Informatikstudent Felix engagiert sich darum gemeinsam mit sieben amerikanischen Designern gegen das neue Gesetz, das ihrer Ansicht nach die freie Meinungsäußerung einschränkt. "Graffiti ist in den USA ein demokratisches Medium mit Tradition. Diese Kunstform darf nicht kriminalisiert werden", sagt der 25-Jährige, der die Graffiti-Webseite reclaimyourcity.net  betreibt.

Als Antwort auf den Nofitti-Kongress organisiert er in Berlin Workshops zur Herstellung von Sprühschablonen, während Aktivisten des Bündnisses "Profitti" zur Gegen-Demo auf dem Alexanderplatz aufrufen. "Unsere Gesellschaft hat andere Probleme als bunte Wände", findet Profitti-Sprecher Arian Wendel (siehe Video). HipHop-Musik schallt aus den Boxen, eine Gruppe Neuköllner Schüler tanzt Breakdance auf einem Stück PVC, ein Banner hängt zwischen den Bäumen: "Graffiti ist kein Verbrechen".

Paul beteiligt sich nicht an Aktionen und Bündnissen. Für ihn hat Graffiti wenig mit Politik zu tun. Nach seinem Abi wird er sich noch ein paar Monate seinem Hobby widmen, danach vielleicht Zivildienst in Südamerika machen, später irgendwas studieren. Dann werden Jüngere weitersprühen - egal, welche Druckmittel und Gesetze es geben wird.

"Graffiti gehören seit mehr als 20 Jahren zu großen Städten. Sie sind eine etablierte Ausdrucksform der Jugend", sagt Paul. "Warum sollten sie plötzlich verschwinden?"

*Name geändert

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.