Martinschule in Greifswald Mit radikaler Inklusion zu Deutschlands bester Schule

Plattenbauten drumrum, viele Inklusionskinder, aber auch Hochbegabte: Die Absolventen der Greifswalder Martinschule zeigen überdurchschnittlich gute Leistungen - einer der Gründe, warum die Schule den Deutschen Schulpreis erhält.
Englischunterricht an der Martinschule in Greifswald, Gewinnerin des Deutschen Schulpreises 2018

Englischunterricht an der Martinschule in Greifswald, Gewinnerin des Deutschen Schulpreises 2018

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Der Greifswalder Stadtteil Schönwalde 1 ist ein typisches DDR-Plattengebiet. Die meisten Häuser sind inzwischen saniert, dennoch sind die Mieten vergleichsweise niedrig. Schönwalde 1 ist kein sozialer Brennpunkt, aber auch kein Stadtteil der Reichen. Seit Montag ist das Viertel obendrein Standort von Deutschlands bester Schule.

Das evangelische Schulzentrum Martinschule, mitten in Schönwalde 1 gelegen, hat bei einer Feierstunde in Berlin den Deutschen Schulpreis 2018 erhalten. In der freien Schule lernen körperlich und geistig behinderte Kinder mit Durchschnittsschülern und Hochbegabten. Knapp die Hälfte der Schüler sind Inklusionskinder. An den Türen der Unterrichtsräume hängen Fotocollagen der Klassen, die ab der 5. Jahrgangsstufe "Stammgruppen" heißen. Auf einer Fotocollage steht: "Die Welt ist voller Wunder und wir sind 11 davon."

"Während manche die Inklusion für gescheitert erklären, beweist die Martinschule mit ihrem außergewöhnlichen Inklusionsmodell das Gegenteil", sagt Michael Schratz, Erziehungswissenschaftler an der Universität Innsbruck und Sprecher der Schulpreis-Jury: "Hier lernen alle Kinder und Jugendlichen erfolgreich unter einem Dach - ganz gleich, ob mit oder ohne Handicap, Förderbedarf oder besonderer Begabung."

Zehntklässler in der Greifswalder Martinschule

Zehntklässler in der Greifswalder Martinschule

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Ein Konzept, das die Jury überzeugt habe: "Inklusion ist anstrengend, aber sie lohnt sich." In der Laudatio hervorgehoben wurden jahrgangsübergreifende Unterrichtskonzepte, der Verzicht auf Ziffernoten bis zur neunten Klasse, die Existenz von Schülerfirmen sowie "der unbedingte Wille, das Anderssein der Kinder und Jugendlichen radikal zu akzeptieren und wertzuschätzen".

Für die Schule ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld von 100.000 Euro verbunden. Fünf weitere Preise in Höhe von je 25.000 Euro gehen an die Gesamtschule Bremen Ost, die Franz-Leuninger-Schule im hessischen Mengerskirchen, die Integrierte Gesamtschule Hannover-List, das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster und die Matthias-Claudius-Schule in Bochum.

Vergeben und finanziert wird der Deutsche Schulpreis seit 2006 von der Robert-Bosch-Stiftung. Deren Jury bewertet die Schulen in den Kategorien Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulklima, "Schulleben und außerschulische Partner" sowie "Schule als lernende Institution".

Nicht reformierbares Schulsystem?

Der Greifswalder Schulleiter Benjamin Skladny erinnert sich an die Vorurteile, die der 1992 gegründeten Privatschule zu Beginn entgegenschlugen, weil sie Gebühren nimmt: "Da gründet ihr hier eine Schule, zu der die Reichen ihre Kinder mit fetten Autos kutschieren." Heute schmunzelt der 56-Jährige darüber. Inzwischen gingen viele Kinder aus dem Viertel in die Schule. Es gebe Eltern, die sparten das Schulgeld zusammen. Manchmal legen Oma und Opa etwas dazu. Wessen Eltern nicht mehr zahlen können, der fliege nicht von der Schule. In der Grundschule zahlen Eltern 95 Euro, in der Gesamtschule 170 Euro pro Monat. Für Geschwisterkinder gelten Rabatte.

Schulleiter Skladny verschweigt nicht, dass Inklusion für die Lehrer in den höheren Klassen zur Herausforderung werden kann, wenn die Schere der individuellen Lernniveaus auseinandergeht. Die Klassenverbandsstrukturen sind ab der 5. Klasse aufgelöst. Nach dem Morgenkreis suchen sich die Schüler ihre Lerngruppen innerhalb der Jahrgangsstufe. Für alle gilt der gleiche Stundenplan, doch wird in den Gruppen verschieden gelernt: mal schneller, mal praktischer. Die Abiturstufe sei frontaler als die unteren Klassenstufen, sagt Skladny. "Noch!" Ansatz der Lehrer sei, Menschen zu unterrichten und keine Fächer.

Ob es an der Martinschule besser ist als woanders? "Es ist bei uns grundsätzlich anders als das gesamte Schulsystem in Deutschland, das ich für fast unreformierbar halte", sagt Benjamin Skladny. Ausgehend von einer Behindertenschule seien an der Martinschule alle daran gewöhnt gewesen, im Team zu arbeiten. "Inklusion kann gelingen, sie muss aber aus den Schulen wachsen und kann nicht von oben verordnet werden."

Martina Rathke/dpa/him