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01. März 2019, 19:25 Uhr

Schwedische Klimaaktivistin bei Demo in Hamburg

Greta sind viele

Von , Martin Jäschke und Katharina Zingerle (Video)

Für ihre Klimaschutz-Demonstration bekamen Hamburger Schüler prominente Hilfe: Greta Thunberg. Während Kameraleute die schwedische Aktivistin belagerten, blieben die Jugendlichen ganz cool.

Plötzlich steht sie da in der Hotellobby. Ein kleines, zerbrechliches Persönchen mit dem großen Schild im Arm: "Skolstrejk För Klimatet" - Schulstreik für das Klima. Niemandem ist aufgefallen, dass sie gerade die Lobby betreten hat. Die Kameraleute und Fotografen brauchen eine Weile, um sie zu bemerken. Dann richten sie ihre Objektive auf die junge Frau mit den zwei Zöpfen.

Greta Thunberg blinzelt. Gerade war es noch so ruhig. Jetzt geht wieder der Hype los.

Halb neun Uhr morgens an diesem Freitag. Soeben hat die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin ihr Zimmer in einem Hotel hinter dem Hamburger Hauptbahnhof verlassen. Jetzt drängen sich alle um sie: zwei Kamerateams, fünf Fotografen, eine Handvoll Journalisten sowie etwa ein halbes Dutzend Freiwillige und Mitarbeiter von deutschen Umweltorganisationen, die Greta heute in Hamburg betreuen sollen.

"Could you please come here?", fragt ein Fotograf. Greta Thunberg geht hinein ins Scheinwerferlicht. Sie setzt sich auf den ihr zugewiesenen Platz auf einem Sofa. Lässt sich ablichten, dreht den Kopf nach links, nach rechts. Aber sie lächelt nicht.

Als ihr die Mikrofonpuschel zu nahe kommen, zuckt Greta zusammen

"Wir müssen jetzt los", ruft die Pressekoordinatorin. "Der Fußweg dauert 16 Minuten." Und ohne Greta geht nichts auf der heutigen "Friday For Futures"-Kundgebung in Hamburg. Greta Thunberg, Schülerin aus der Nähe von Stockholm, war die Erste, die diese Idee hatte. Am 20. August fing sie an, die Schule zu schwänzen, um stattdessen vor dem schwedischen Reichstag für Klimaschutz zu demonstrieren. Ein gutes halbes Jahr später folgen Zehntausende Schüler rund um die Welt ihrem Beispiel.

Greta läuft los, heraus aus dem Hotel, hinaus auf die Straße. Der Tross setzt sich mit ihr in Bewegung. Einige Journalisten versuchen im Gehen ein Interview mit ihr zu machen. Als ihr die Mikrofonpuschel zu nahe kommen, zuckt Greta zusammen. "Don't know", antwortet sie den Fragestellern. Ihre Stimme wird immer leiser. Dann blinzelt sie wieder. Es ist zu viel.

Die Journalisten nehmen Abstand. Greta bleibt stehen, mitten auf dem Gehweg, auf halber Strecke zur Demo. Sie blickt ins Leere.

Ein paar hundert Meter weiter am Hamburger Gänsemarkt skandiert ein Aktivist durch seinen Lautsprecher: "Streik in der Schule, Streik in der Fabrik. Das ist unsere Antwort auf eure Politik". Und viele Demonstranten rufen mit. Die Polizei wird später von 3000 Teilnehmern sprechen.

Daheim in Schweden ist alles anders. Wenn Greta freitags nicht zur Schule geht, um zu demonstrieren, brüllt sie keine Parolen, tanzt nicht, singt nicht. Sie steht einfach nur da vor dem Stockholmer Reichstag. Mit ihrem Schild und ein paar Dutzend anderen Klimaaktivisten. Das passt besser zu ihr, die im SPIEGEL-Interview gesagt hat: "Normalerweise bin ich das stille Mädchen, das ganz hinten sitzt."

Nun muss sie nach ganz vorne. Als Galionsfigur einer internationalen Jugendbewegung für den Klimaschutz. Um 9.25 Uhr taucht sie auf in der Menge. Ihr Gesicht ist blass, sie blinzelt. "Greta, come to the front!" ruft ein Aktivist. Und Greta geht langsam nach vorne in die erste Reihe. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", brüllen die Demonstranten. Greta schweigt.

Der Zug marschiert los. Rund um die Binnenalster, Hunderte Meter lang zieht sich die Menschenschlange. Die meisten Teilnehmer sind Jugendliche: zwischen 12 und 17, ein paar Studenten und Grauhaarige sind auch mit dabei. Viele haben aus Pappkartons Schilder gebastelt. "Es geht um unsere Welt und nicht um Euer Geld" steht darauf, oder: "verzichten statt vernichten". Oder "Fehlstunden kann man verkraften. Den Klimawandel nicht."

"Wofür sollen wir lernen, wenn wir keine Zukunft haben?"

"Ein unentschuldigtes Fehlen im Unterricht wird im Zeugnis eingetragen", hat die Hamburger Schulbehörde vorab erklärt. "Verpasste Prüfungen/mündliche Leistungen werden mit null Punkten gewertet". Johannes und Celine, beide 13, beide im 8. Schuljahr an einer Stadtteilschule, sind trotzdem hier. "Die Politiker kümmern sich nicht genug um die Umwelt. Wofür sollen wir lernen, wenn wir keine Zukunft haben?", sagt der Junge. Am Wochenende zu demonstrieren bringe wenig. "Erst wenn wir nicht zur Schule gehen, werden die Erwachsenen aufmerksam."

Die beiden haben Greta schon erspäht. Aber näher ran an sie wollen sie nicht. "Sie macht doch das Gleiche wie wir alle", sagt Celine. Und so verhalten sich die meisten Demonstranten. Sie machen keine Selfies von sich mit Greta, drängen sich nicht um sie, bitten sie nicht um Autogramme. Und Greta läuft einfach mit den anderen Schülern mit. Sie fühle sich wohl, wenn sie mit anderen Aktivisten zusammen sei, hat sie einmal gesagt.

"Vertraut den Erwachsenen!! Die haben den Planeten im Griff", steht auf dem Pappschild, das ein älterer Mann am Straßenrand in die Höhe hält. Die fünf Neuntklässler, die an ihm vorbeilaufen, haben daran ihre Zweifel. "Die Politiker interessieren sich nur für ihre Wähler, und wir können nicht wählen", sagt der 15-jährige Gymnasiast Nick. "Aber jetzt sorgen wir dafür, dass sie uns hören."

Die Demonstranten biegen auf den Rathausmarkt ein. Vom Rednerpodest auf dem Platz herunter trompetet eine Schüler-Big Band "Rock You Like a Hurricane" herunter. Ein paar Demonstranten tanzen dazu, die Stimmung ist entspannt. Bald treten die ersten Redner auf: Schüler aus Pinneberg und Hamburg, der Klimaforscher Mojib Latif. Und dann kommt Greta an die Reihe.

Es wird merklich ruhiger auf dem Rathausmarkt, denn Greta redet normalerweise ziemlich leise. Aber heute ist sie für ihre Verhältnisse fast schon laut. "Ihr könnt stolz auf Euch sein", sagt sie mit ernster Miene in die Menge, und ihre Stimme ist dabei viel fester als am frühen Morgen im Hotel. "Wir werden den Schulstreik fortsetzen. Wenn die Politiker nichts tun, dann werden wir etwas tun." Dann legt sie das Mikrofon weg, die Menge klatscht und jubelt.

Als der Applaus abebbt, rufen ein paar Schüler: "Greta! Greta!" . Und dann lächelt sie doch noch.

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