Thunbergs Skipper "Natürlich verändert sich nicht die Welt, weil Greta über den Atlantik segelt"

Die CO2-Bilanz von Greta Thunbergs Atlantiküberquerung wurde scharf kritisiert. Im Interview erzählt Skipper Boris Herrmann, wie Thunberg und seine Crew damit umgingen.

"Greta ist sehr tapfer und tüchtig gewesen während ihrer Reise", sagt Skipper Boris Herrmann (rechts)
Kirsty Wigglesworth/ AFP

"Greta ist sehr tapfer und tüchtig gewesen während ihrer Reise", sagt Skipper Boris Herrmann (rechts)

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Die Vereinten Nationen haben eine fulminante Begrüßung mit 17 Segelschiffen angekündigt: 14 Tage lang waren Greta Thunberg, ihr Vater und die Crew der Rennyacht Malizia II auf dem Atlantik unterwegs. An diesem Mittwoch sollen sie in New York eintreffen, dort will Thunberg an einer Klimakonferenz teilnehmen und später zur Uno-Klimakonferenz weiterreisen.

Im Vorwege war Thunberg scharf kritisiert worden, weil sie ihre Überfahrt als emissionslos angekündigt hatte. Sie entschied sich ausdrücklich gegen eine Flugreise - dann aber stellte sich heraus, dass Crewmitglieder in die USA fliegen müssen, um die Mailizia II wieder zurückzusegeln.

Der SPIEGEL hat Herrmann am Abend vor der Ankunft in New York an Bord der Malizia II erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Herrmann, Sie sind nur noch wenige Seemeilen von Ihrem Ziel entfernt. Wie war die Reise?

Boris Herrmann: Die Stimmung an Bord ist gut, wir haben heute ruhige See und eine leichte Brise, kommen gut voran. In den vergangenenTagen war das Wetter sehr unbeständig, wir brauchten an einem Tag Handschuhe und Mütze, und dann wieder die Badehose. Aber jetzt gerade ist wirklich ein schöner Moment. Außerdem haben wir eben zu Mittag gegessen.

SPIEGEL ONLINE: Was gab es?

Herrmann: Wir essen hier an Bord Astronautennahrung, man öffnet die Tüte und schüttet warmes Wasser drüber. Das schmeckt manchmal sogar ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Greta Thunberg während der Überfahrt erlebt?

Herrmann: Wir sind der Natur hier sehr ausgesetzt, aber Greta ist sehr tapfer und tüchtig gewesen während dieser Reise. Sie hat sich nie beklagt und hatte keine Anzeichen von Seekrankheit, was absolut erstaunlich ist. Wir sind sehr stolz auf sie.

SPIEGEL ONLINE: Im Vorfeld der Reise haben Journalisten die CO2-Bilanz von Thunbergs Reise nachgerechnet - mit dem Ergebnis, dass ein Flug nach New York insgesamt klimafreundlicher gewesen wäre. Wie sind Sie mit dieser Kritik an Bord umgegangen?

Herrmann: Wir können hier auf dem Boot unsere Satellitentelefone einfach ausschalten, dann sind wir abgeschnitten vom Rest der Welt. Das tut manchmal ganz gut. Wir haben natürlich von unserem Team erzählt bekommen, dass es gewisse Kritik gab. Die Diskussion über die Flüge der Crew ist aber sehr auf Deutschland beschränkt. In anderen Ländern wird da nicht so viel drüber geredet.

SPIEGEL ONLINE: Die Überfahrt mit dem Segelboot sollte ein Zeichen dafür sein, dass emissionsfreies Reisen möglich ist. Stattdessen werfen Kritiker Ihnen nun vor, dass für die Crew mehr klimaschädliche Flüge anfallen, als wenn Greta Thunberg allein in ein Flugzeug gestiegen wäre.

Herrmann: Ach, das sind im Grunde alte Kamellen, dazu ist alles gesagt. Da geraten zwei Dinge durcheinander. Zum einen ist da Gretas Reise von England nach New York, die ist CO2-frei. Und dann sind da wir als Crew der Malizia II, ein professionelles Regattateam. Wir können nicht komplett emissionslos agieren. Wir müssen fliegen und machen da keine Kompromisse. Aber Greta ist nicht Team Malizia, sie hat keine Verantwortung dafür, was wir machen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen sehen genau das anders - in den Augen ihrer Kritiker trägt Greta die Verantwortung.

Herrmann: Wir haben diese Kritik hier nicht so mitbekommen. Wir finden es gut, dass über das Thema diskutiert wird. Diese Diskussion zeigt ja auch, wie schwierig es für Menschen ist, emissionsfrei zu leben. Ich kann natürlich nicht für Greta sprechen. Ihr Kernpunkt ist aber, anderen Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie sich verhalten sollen. Sie will ein Exempel statuieren, eine politische Botschaft senden. Natürlich verändert sich die Welt nicht, weil Greta Thunberg über den Atlantik segelt, das sieht sie relativ realistisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Greta verändert die Welt nicht. Trotzdem haben Sie sich auf diese Reise eingelassen. Kritiker sprechen von einem PR-Coup.

Herrmann: Nein, darum geht es überhaupt nicht. Ich glaube, der Einfluss, den Greta Thunberg und die Bewegung, die hinter ihr steht, auf unser Bewusstsein für Klimaschutz haben, ist enorm. Das gilt auch für mich. Dass wir überhaupt diese Reise unternehmen, ist unglaublich. Wenn man mich vor zwei Jahren gefragt hätte "Macht ihr eine politisch motivierte Reise zum Klimaschutz?", hätte ich wohl geantwortet: "Nein, wir sind ein Rennteam, das ist sehr weit weg." Greta ist ein unglaublicher Katalysator für diese Ideen. Diese politische Bewegung hat eine Stärke, die es so in den vergangenen Jahren nicht gegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie im Nachhinein gern etwas anders gemacht, etwas an Ihrer PR-Strategie verändert?

Herrmann: Nee, wir haben keine PR-Strategie, wir sind einfach nur ein Rennteam. Wir helfen Greta, wir wollen ihre Botschaft weitertragen. Aber wir wollen nichts beschönigen, sondern ehrlich sagen, wie es ist. Für viele Leute ist die Klimabewegung ein ganz neues Thema, sie müssen erst entscheiden, wie sie die Sache bewerten. Da ist es wichtig, dass man miteinander spricht.



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petergasser 28.08.2019
1. genau
jeder halbwegs denkende Mensch fühlt sich durch eine solche Aussage für dumm verkauft: "Ach, das sind im Grunde alte Kamellen, dazu ist alles gesagt. Da geraten zwei Dinge durcheinander. Zum einen ist da Gretas Reise von England nach New York, die ist CO2-frei. Und dann sind da wir als Crew der Malizia II, ein professionelles Regattateam. Wir können nicht komplett emissionslos agieren. Wir müssen fliegen und machen da keine Kompromisse. Aber Greta ist nicht Team Malizia, sie hat keine Verantwortung dafür, was wir machen". Genau diese Einstellung zur Wirklichkeit bedingt das derzeitige Drama ums Klima.
j.c.nolte 28.08.2019
2. Albern
Diese ganze Diskussion über die Flüge war an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Ein gefundenes Fressen für von der Ölindustrie bezahlte Mietforisten, um hier Stimmung gegen Greta zu machen, sie zu denunzieren.
HansHuckebein 28.08.2019
3. Hut ab!
Eines ist sicher: Greta Thunberg hat das Bewusstsein der Welt bezüglich des Klimawandels so stark geprägt wie keine Einzelperson oder Organisation vor ihr! Eine ganz außergewöhnliche Frau, die unbeirrt ihr Ziel verfolgt. Ich wünsche mir, dass ihre Botschaft nicht langsam untergeht sondern noch mehr Beachtung findet […]
xxyxx 28.08.2019
4. Diese Flüge wäre auch ohne Gretas Reise entstanden....
In einem Interview mit einer anderen Zeitung hat B. Herrmann erläutert, dass das Rennteam im Moment in der Vorbereitung einer großen Regatta ist. Hätten sie Greta nicht über den Atlantik gebracht, dann hätten sie woanders trainiert, aber es wäre die gleiche Anzahl an Flügen entstanden. Gretas Reise endet mit der Ankunft in NYC. Ihr eine Verantwortung für die folgenden Flüge des Teams Malizia zuzuweisen, ist genau so unsinnig, als wollte man einen Vegetarier dafür kritisieren, daß der Taxifahrer, der ihn zum vegetarischen Restaurant gefahren hat, hinterher woanders ein Steak isst.
KaraBenFasel 28.08.2019
5. Greta
Es ist verstörend, wie ein junges Mädchen - sicherlich im besten jugendlichem Glauben - die halbe Welt aufwühlt. Allerdings: Das Klima wird sich ändern und höchstwahrscheinlich sogar kippen. Es wird dann aber kaum noch jemand stören, weil wir vorher an unserer Umweltzerstörung (wie Plastikmüll) zugrunde gegangen sind oder noch daran ersticken. Leute, bitte, bitte, denkt erst einmal an die Umwelt jetzt und heute, dann nützt es auch dem Klima. EE wie Biogas (Energiemais), giftige Akkus etc. helfen unserem Klima nur sehr bedingt, schädigen aber unser Jetzt und Heute.
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