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23. August 2019, 17:50 Uhr

Klimaaktivistin ignoriert Kritik

Greta Thunbergs souveränes Schweigen

Ein Kommentar von

Ihre Reise in die USA sei klimaschädlich, so ein Vorwurf. Und in den sozialen Medien wird sie offen angefeindet. Greta Thunberg sagt dazu: nichts. Indem sie sich auf die Provokationen nicht einlässt, zeigt sie wahre Größe.

Es war ein Sturm, der da zu Beginn der Woche über Greta Thunberg hinwegzog. Die Tageszeitung "taz" hatte nachgerechnet, wie viel CO2 Thunbergs Reise über den Atlantik tatsächlich verursachte - inklusive der Flüge für die Crew, die die Jacht wieder zurücksegeln sollte. Das Ergebnis: Wäre Thunberg selbst geflogen, wäre das klimafreundlicher gewesen.

Die Häme in den sozialen Medien war groß: Rechte Verschwörungstheoretiker meinten, endlich den Beweis gefunden zu haben, dass hinter dem Greta-Hype nur eine riesige PR-Maschinerie stecke - mit dem Ziel, möglichst viel Profit zu machen. Es kursierten Bilder von SUV mit dem Aufkleber "Fuck off, Greta", an der Heckklappe eines Geländewagens hatte jemand Thunbergs ikonische Zöpfe befestigt - dazu die Aufschrift: "Problem gelöst". Andere Nutzer sendeten Fotos von Flugzeugen und schrieben dazu, wie sehr sie sich gerade auf ihren Langstreckenflug freuten. "Danke, Greta". Und der britische Ukip-Finanzier Arron Banks warnte Thunberg vor "schrecklichen Jacht-Unfällen", die gerade im August vorkommen könnten. Später erklärte er in einer Talkshow, dass es sich um einen Witz gehandelt habe.

Thunberg sagt zu alldem: nichts.

Auf Twitter postet sie Updates zum Fortschritt ihrer Reise, ansonsten hört man zurzeit nicht viel von ihr. Die 16-Jährige schweigt zu den Vorwürfen zur CO2-Bilanz ihrer Reise, die Kritik aber lässt nicht nach. Dabei zeugt Thunbergs Verhalten von einer Größe, die sie erwachsener dastehen lässt als all diejenigen, die sie in der Debatte angehen.

Keine Wut, nur das Wesentliche

Denn Thunbergs Schweigen ist Strategie. Während ihre Kritiker sie anfeinden, bleibt die Schwedin beim Thema. Am Donnerstag sendet sie einen Tweet zu den verheerenden Feuern im Amazonas-Regenwald. "Unser Krieg gegen die Natur muss enden", schreibt sie dazu. Eine Reaktion auf den Hass, der ihr entgegenschlägt, findet sich nirgendwo.

Während Greta Thunberg über den Atlantik segelt, zeigt sie so ganz nebenbei, wie man Populismus und ungerechtfertigter Kritik auch begegnen kann - und mit Leichtigkeit über sie siegt. Thunberg nimmt sich selbst und ihre Emotionen in der Debatte komplett zurück. Jegliche Wut, die sie empfinden mag, bleibt außen vor. So gelingt es ihr, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und mit Fakten zumindest Wohlmeinende zu überzeugen. Diese Diskussionskultur würde wohl so mancher Debatte in der heutigen Zeit zu mehr Substanz verhelfen.

Bei der Auswahl ihrer direkten Gesprächspartner hat Thunberg denn auch klare Anforderungen. Ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump bezeichnete sie als Zeitverschwendung. "Wenn er nicht bereit ist, der Wissenschaft und Experten zuzuhören, wie soll ich ihn dann überzeugen?", sagte sie im Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Schweizer Sender RTS vor Beginn ihrer Reise. Sie wolle lieber die Menschen vor Ort ermutigen, mehr Druck auf ihren Präsidenten auszuüben.

Thunbergs Haltung ist klar: Sie will den mächtigsten Populisten der Welt nicht treffen, ihre Zeit ist ihr dafür zu kostbar. Mit dieser Attitüde begegnet sie auch ihren Kritikern. In den Anfängen der "Fridays for Future"-Bewegung, als Thunberg noch Woche für Woche allein vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm saß, wurde sie von vielen verlacht. Ihren Protest würde sie kaum durchhalten, hieß es damals, und ohnehin: Das seien doch die Eltern, die da die Fäden in der Hand hielten. Einer 16-Jährigen traute man nicht zu, für weltweite Großdemonstrationen verantwortlich zu sein.

Eine wirkungsvolle Strategie

Thunberg blieb schon damals gelassen. Sie könne ja "verstehen, dass viele Menschen denken, dass es merkwürdig wirkt, was ich und Tausende von Schülern da tun", schrieb sie in einem Tweet. "Wenn du dir nicht der Konsequenzen der Klimakrise bewusst bist, macht ein Schulstreik fürs Klima natürlich keinen Sinn. Mich überrascht das nicht." Thunberg nimmt ihre Gegner erst ernst, wenn sie tatsächliche, wissenschaftlich belegbare Fakten vorweisen können - alle anderen straft sie mit Nichtbeachtung.

Einige Monate später hat sie bewiesen: Im Kampf gegen den Klimapopulismus fährt sie damit eine wirkungsvolle Strategie. In wenigen Tagen wird Greta Thunberg in New York eintreffen, sie will dort am UN-Klimagipfel teilnehmen. In der Vergangenheit nutzte die Schülerin solche Veranstaltungen für mahnende Auftritte, bei denen sie mit aller Deutlichkeit darauf hinwies, wie es um unseren Planeten steht - desaströs nämlich, um es vorsichtig zu sagen.

Thunbergs Kritiker stehen schon bereit. Patrick Moore, Vertreter der Lobbygruppe "CO2-Coalition" twitterte vor Kurzem: "Greta=Evil". Thunberg sei eine "Teenager-Marionette" und ein "Klima-Bettnässer", befand Steve Milloy, ein Kommentator für Fox News. Bis jetzt hat sich Thunberg noch nicht zu den Anfeindungen geäußert.

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