Großbritannien Schulen dürfen Fingerabdrücke von Fünfjährigen nehmen

Hände, Finger, Handschrift, Gesichtsform, Augen - britische Schulen dürfen alle möglichen Daten ihrer Schüler erfassen, ohne die Eltern zu fragen. Bürgerrechtler und Politiker befürchten: Die Informationen könnten in die falschen Hände gelangen.


Eine Erlaubnis der Eltern ist nicht nötig, britische Schulen dürfen Schülern auch so Fingerabdrücke abnehmen und archivieren - sogar von Fünfjährigen, berichtet die englische Tageszeitung "Daily Mail". Britische Minister fertigten eine Leitlinie aus, die es Schulleitern erlaubt, die biometrischen Daten der Schüler fast uneingeschränkt zu verwenden.

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Die Netzhaut der Schüler darf gescannt, ihre Stimme aufgenommen, die Gesichtsform und die Hände gemessen, ihre Handschrift und das Schriftbild erfasst werden. Die Daten sollen für Klassenlisten, Essensrechnungen und die Bibliotheksbenutzung verwendet werden. Außerdem sollen Schüler vom Schwänzen abgehalten werden.

Bürgerrechtler warnen davor, dass die Daten an Behörden übermittelt werden könnten, ohne dass die Eltern davon erfahren - oder dass sie sogar gestohlen werden. Die Schulcomputer seien vor Hacker-Angriffen nicht ausreichend geschützt.

Regierungsbeamte wenden ein, dass nicht die Fingerabdrücke, sondern nur einzelne Zahlenketten gespeichert werden, die aus den Abdrücken abgeleitet werden. Sie seien unbrauchbar, nur die jeweilige Schule selbst könne die Daten verwenden.

Schulausflüge nur mit Einverständnis der Eltern

Der "Daily Mail" zufolge ergab eine Erhebung, dass es inzwischen an mindestens 258 Schulen Fingerabdruck-Scanner gebe. Weniger als ein Fünftel hat nach Angaben der Liberal-Demokraten zunächst die Eltern um Erlaubnis gebeten.

"Es ist sehr unerfreulich, dass es keine Auflage gibt, wonach das Einverständnis der Eltern eingeholt werden muss, bevor die biometrischen Daten erfasst werden", sagte Parlamentsmitglied und Liberal-Demokrat Greg Mulholland. Das sei inakzeptabel. "Eine Schule würde niemals einen Schüler auf einen Ausflug mitnehmen, ohne die Eltern zu fragen - aber Fingerabdrücke abzunehmen ist kein Gesprächsthema."

Nick Gibb, Schulsprecher der konservativen Tory-Partei, bezeichnete die Leitlinie als "unbefriedigend". Laut "BBC News" sagte er: "Das Vorgehen ist haltlos, weil es weder die Erlaubnis der Eltern erfordert noch berücksichtigt, was auf dem Spiel steht, wenn die Fingerabdrücke von Kindern zur Überwachung dienen."

David Coulter von der Interessengruppe "Leave Them Kids Alone" bezeichnete es als "Verletzung der Freiheit", ohne Erlaubnis Fingerabdrücke abzunehmen. "Diese Systeme speichern Fingerabdruck-Schablonen, die von der Polizei benutzt werden." Es bestehe die Gefahr, dass die Daten der Kinder an Identitäts-Schwindler gelangen.

"In China verboten, in England verbreitet"

Auch aus dem britischen Oberhaus kam Kritik: "Die Praxis, Fingerabdrücke von Kindern zu nehmen, wurde in China verboten, weil es in die Rechte der Kinder eingreift. Hier ist es neuerdings weit verbreitet", sagte Baroness Walmley laut "BBC News".

Die Zeitung "Telegraph" berichtet, dass der Schulminister Jim Knight das biometrische System verteidigte. "Ich habe gesehen, wie gut es funktioniert. Es sorgt dafür, dass Essensschlangen verkürzt werden." Die Kinder bräuchten kein Geld mehr mit sich herum zu tragen, und wer das Essen gespendet bekomme, werde nicht länger stigmatisiert. "Außerdem können Schulen ihre Schüler leichter erfassen, wenn sie von einer Klasse zur anderen wechseln."

Die Leitung der britischen Bildungs-, Kommunikations- und Technik-Agentur Becta gab an, dass es Schulen nicht erlaubt sei, Informationen an Dritte weiterzugeben. Die Informationen müssten gelöscht werden, wenn die Schüler die Schule verlassen.

kat/jad

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