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14. April 2011, 15:02 Uhr

Große Bildungsumfrage

Bürger fordern neue deutsche Einheit

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In einer großen Umfrage geben Deutschlands Bürger dem Bildungssystem schlechte Noten. Sie fordern von Politikern Reformen: Schüler sollen länger gemeinsam lernen, Abschlussprüfungen sollen einheitlich sein - dafür würden sie sogar mehr Steuern zahlen.

Deutschlands Bürger durften das Bildungssystem benoten und gaben ihm ein "Ausreichend". Sie fordern von Politikern, die Schulen und Abschlüsse zu reformieren. Das sind die zentralen Ergebnisse der Bildungsumfrage "Zukunft durch Bildung - Deutschland will´s wissen", die am Donnerstag in Berlin präsentiertet wurde.

Zu der Umfrage hatte die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Unternehmensberatung Roland Berger, der "Bild"-Zeitung und der türkischsprachigen Zeitung "Hürriyet" aufgerufen. 480.000 Menschen nahmen teil, allerdings füllten nur 130.000 Teilnehmer den kompletten Fragebogen aus. Nur deren Antworten wurden bei der Auswertung berücksichtigt. Die Umfrage sei "somit nach Teilnehmerzahl die größte Umfrage zum Thema Bildung, die es je in Deutschland gab", schreiben die Initiatoren in ihrer Zusammenfassung der Umfrage.

Im Zeitraum vom 14. Februar bis zum 9. März konnte sich jeder online oder per Post an der Umfrage beteiligen. Weil die Befragten nicht zufällig ausgewählt wurden, ist die Befragung allerdings nicht repräsentativ.

Die Botschaft der Befragten ist deutlich: Bildungsförderalismus in seiner derzeitigen Form wird abgelehnt, die Teilnehmer fordern mehr Einheitlichkeit. Allerdings fehlt der Politik nach Ansicht der Befragten der Mut, etwas zu verändern.

Zu einer immer wieder heiß diskutierten Frage ergab die Umfrage ein überraschendes Stimmungsbild: Zwei Drittel der Befragten sind für einen späteren Wechsel auf weiterführende Schulen. Im vergangenen Sommer war in Hamburg eine Schulreform, die genau das zum Ziel hatte, im Volksentscheid gescheitert. Zumindest die Hamburger bleiben bei ihrer Meinung: Zusammen mit den Saarländern votierten sie als einzige mehrheitlich für eine vierjährige Grundschule.

"Die meisten Befragten sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Bildung und sozialen Aufstiegschancen", schreiben die Autoren. Die Mehrheit der Befragten wäre bereit, für bessere Bildung mehr Steuern zu zahlen.

Zentrale Thesen und Forderungen

Die Teilnehmer mussten rund 30 Fragen beantworten, sie sollten beispielsweise auch Fragen zum Geburtsjahr, zur Staatsbürgerschaft und zum Einkommen beantworten. Bei dem Fragebogen konnten sie zwischen Deutsch, Türkisch und Russisch wählen. Aus den Ergebnissen formulierten die Initiatoren zehn Thesen und Forderungen.

Bildungspolitiker zeigten sich über die Unzufriedenheit der Teilnehmer wenig überrascht. "Wacht endlich auf, hört mit den Strukturdebatten auf und kümmert euch um unsere Kinder", so interpretiert der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Meinhardt, die zentrale Botschaft der Umfrage. "Es muss endlich Schluss damit sein, dass Ländergrenzen zu Bildungshürden werden", sagt er. Bund, Länder, Städte und Gemeinden müssten sich auf verbindliche Standards einigen.

Auch der stellvertretende bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Swen Schulz, kommt zu dem Ergebnis: "Die Menschen haben die Kleinstaaterei in der Bildung satt. Und zwar zurecht!" Das Kooperationsverbot aus dem Grundgesetz müsse gestrichen werden. Denn der Bund müsse den Ländern bei der Schulpolitik helfen dürfen. Das Verbot schließt Zahlungen des Bundes "für bedeutsame Investitionen der Länder und Gemeinden" dort aus, wo allein die Länder die Gesetzgebungskompetenz haben.

Bereits am Mittwoch stellten die Initiatoren der Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Ergebnisse vor. In einer Diskussionsrunde betonte auch sie die Bedeutung von einheitlichen Bildungsstandards. Den Lehrkräften käme dabei eine Schlüsselrolle zu. Deswegen wolle die Ministerin eine "Exzellenzinitiative für Lehrerbildung" initiieren.

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