Groteske Massen-Ausmusterung Willkür statt Wehrpflicht

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6. Teil: Philipp flirtet mit der Psychologin, sie schickt ihn heim


"In der Schule kursierten schon lange Gerüchte: Der Jan hatte einen Freund, den Michi, der ausgemustert wurde, weil er sich den Oberschenkel gezerrt hatte. Und der Cousin vom Christian hatte, so erzählte man sich, vor der Musterung so viel Kaffee getrunken, dass er ebenfalls für untauglich befunden wurde.

Ich konnte diese Geschichten nie wirklich glauben. Musterungsgeschichten, dachte ich, sind wie Saufgeschichten – nie so ganz wahr, immer übertrieben. Ich fuhr also durchaus mit Respekt zur Musterung ins Deggendorfer Kreiswehrersatzamt – und ohne große Erwartungen. Eigentlich war der Zivildienst beschlossene Sache, denn zum Bund wollte ich nicht, körperliche Gebrechen hatte ich nicht, und zu tricksen traute ich mich nicht - nicht bei einer deutschen Behörde.

Der medizinische Check verlief demnach wie erwartet: Die Ärztin sah mir in die Ohren und griff mir an den Hoden. Sie befand mich für tauglich, warum auch nicht? "Sprechen Sie jetzt noch mit unserer Psychologin', sagte sie.

Auch das Routine. Die Psychologin war nett. Sie fragte mich, ob ich Angst in engen Räumen habe, jemals in psychiatrischer Behandlung war, nachts schlecht schlafe – ich verneinte.

Dann sprachen wir über Tennis. Ich spielte Tennis, ihr Sohn spielte Tennis, wir hatten gemeinsame Bekannte. Irgendwann fragte mich die Psychologin, ob ich nach dem Abitur nicht lieber gleich studieren wolle. 'Klar', antwortete ich, 'wenn der Zivildienst nicht wäre.' 'Das kann man ändern', erwiderte sie und verließ das Zimmer.

Zehn Minuten später kam sie zurück und sagte: 'Ich habe mit der Ärztin gesprochen, du bist ausgemustert und kannst heimgehen.' Ich habe an diesem Tag den Glauben an die Verlässlichkeit deutscher Behörden verloren."

Philipp*, 21, aus Passau

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delta058 29.08.2007
1.
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden derzeit aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Tja, mein Bruder wurde als T1 gemustert und am Tag meiner Vereidigung wurde er arbeitslos und blieb es für die nächsten 9 Monate (mit kleinen Unterbrechungen). Es wundert mich bis heute warum der nie eingezogen wurde, ich meine wie oft hat man schon einen T1?
San Juan, 30.08.2007
2. Politik
Bei allem, wo Politiker ihre Dreckspfoten reinstecken, kann nur noch Dreck rauskommen. Warum sollte es bei der Wehrgerechtigkeit anders sein. Es gibt genügend Juristen in der Politik. Da wird man doch eine Vergewaltigung schon mal eine Wohltat nenen dürfen.
ax0l0tl 30.08.2007
3.
Fuer maennliche Studenten, die ihr Studium vor Einfuehrung der Studiengebuehren begonnen haben und Wehrpflicht oder Ersatzdienst, also einen Dienst zum Wohle der Allgemeinheit, getaetigt haben ist die Tatsache, dass Gleichaltrige nicht zum "Bund" mussten, sprich ein Jahr laenger umsonst studieren konnten, ein Schlag ins gesicht.
teuton1c 30.08.2007
4. Da wundert sich einer?
Es ist doch völlig logisch, dass die Bundeswehr, die ohnehin chronisch unterfinanziert ist, zusieht, dass sie sich keine vorbelasteten Halbinvaliden holt. Kann sich hier überhaupt jemand vorstellen, wie Bundeswehrärzte, Zahnärzte etc. von Wehrpflichtigen belagert werden, die noch schnell einen kostenlosen Zahnersatz brauchen? Oder von Rekruten, die sich am Wochenende beim Fußball die Knochen kaputt treten lassen und dann montags freudestrahlend im Bundeswehrkrankenhaus sitzen? Ich kann dieses ganze gemeckere nicht nachvollziehen. Ich wollte den Grundwehrdienst als unverbindliche Probezeit nutzen, um herauszufinden, ob ich die Offizierlaufbahn einschlagen will. Ich bin während meiner Ausbildung T1 gemustert worden, weil ich gesagt hab 'nein, nein, gegen den Heuschnupfen brauch ich keine Medikamente, so wild ist das nicht' und dann hab ich mich bis zum Ende der Ausbildung zurückstellen lassen. Mit bestandener Prüfung habe ich mich beim KWE gemeldet und konnte mir einen Ort zum Dienst und die damit verbundene Tätigkeit AUSSUCHEN! Ich bin als Informatikkaufmann mit offenen Armen empfangen worden! Da geblieben bin ich zwar doch nicht, aber das hatte nichts mit den Strukturen der Bundeswehr zu tun. Ich wüsste nicht worüber man sich in dieser ganzen Angelegenheit beschweren sollte. Ich kann ganz gut verstehen, dass die BW sich geeignete GWDL rauspickt, von denen sie profitiert und wo sie nicht nur Geld hinterherschmeißt. KNT
SHODAN_NET, 30.08.2007
5.
Vor paar Jahren wurde ich auf T2 gemustert. Gab auch noch T7er. Aber was heute praktiziert wird, ist ja doof. Dann sollte man die Wehrplficht gleich abschaffen und einen sozialen Dienst für Frauen und Männern einführen. Die bestehende Regelung diskriminiert Männer ohnehin!
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