Groteske Massen-Ausmusterung Willkür statt Wehrpflicht

Raus bist du. Und du. Und du. Von einem Jahrgang junger Männer rückt nicht einmal jeder Sechste in eine Kaserne ein, fast die Hälfte wird ausgemustert. Willkür hat die allgemeine Wehrpflicht ersetzt. Sieben Wehrpflichtige erzählen, wie leicht sie dem Militär entkamen.

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Deutschlands Jugend wird immer fetter, kränker, labiler. Die Lage ist beängstigend, bald kann das Land nicht mehr verteidigt werden. Wenn man dem Ergebnis der letzten Musterungen glaubt, hat die Bundeswehr kaum noch fitte Wehrpflichtige: Im ersten Halbjahr 2007 haben die Kreiswehrersatzämter fast jeden zweiten aussortiert. Von den 223.000 vorgeladenen Wehrpflichtigen wurden 103.000 endgültig oder vorübergehend ausgemustert - untauglich zum Dienst an der Waffe.

Bundeswehr-Rekruten: So tun, als herrsche Wehrgerechtigkeit
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Bundeswehr-Rekruten: So tun, als herrsche Wehrgerechtigkeit

Tatsächlich kann der Nachschub für den Wehr- und Zivildienst nicht ernsthaft an der körperlichen und geistigen Verfassung der jungen Männer kranken. Denn die Aussiebquote ist binnen weniger Jahre auf absurde Höhen geschnellt: Noch vor fünf Jahren wurden lediglich 16,9 Prozent aller Wehrpflichtigen ausgemustert - inzwischen sind es satte 46,2 Prozent. Das geht aus Statistiken hervor, die auf Angaben des Bundesverteidigungsministeriums beruhen und jetzt von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer veröffentlicht wurden.

Hinter der enormen Untauglichkeitsquote steckt offensichtlich politisches Kalkül. Im politischen Gerangel um die Zukunft der Bundeswehr hat sich der Staat de facto von der allgemeinen Wehrpflicht leise verabschiedet: Die Bundeswehr weiß nicht mehr, was sie mit den jungen Männern anfangen soll. Also sortieren die Kreiswehrersatzämter kräftig aus und senken so künstlich die Zahl der tauglichen Wehrpflichtigen. Verteidigungsministerium und Bundeswehr können weiter so tun, als herrsche Wehrgerechtigkeit in Deutschland.

Tauglichkeitstest als Rekrutenlotto

Tatsächlich regiert bei der Auswahl der jungen Männer längst Willkür. Die Zahlen sind deutlich: Etwa 440.000 Männer pro Jahr werden in Deutschland in einem Jahr volljährig. Die Bundeswehr ließ im vergangenen Jahr rund 71.000 Rekruten einrücken; weitere 81.000 Männer entschieden sich 2006 für den Zivildienst.

Andersherum gerechnet: Um die 300.000 junge Männer eines Altersjahrgangs müssen weder ins Grünzeug springen noch Essen auf Rädern ausfahren. Es sind nicht immer vermeintliche körperliche Gebrechen, die sie der Dienstpflicht entrinnen ließen. Eine Reihe anderer Gründe führt ebenfalls zur Freistellung - etwa weil jemand verheiratet ist, studiert, eine Ausbildung macht, im Ausland ist oder gar nicht erst vorgeladen wird.

Es gibt auch Männer, die tauglich und willig sind, den Wehrdienst abzuleisten - aber es fehlt der Platz beim Heer. "Es ist inzwischen überhaupt nicht mehr klar, wer gezogen wird und wer nicht", sagt Herbert Schulz von der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer. Für die rund 130.000 Männer, die im vergangenen Jahr als tauglich gemustert wurden, gibt es kaum Planungssicherheit. Die Einberufung kann sehr kurzfristig kommen - oder eben nicht.

Schon 2004 klagte der 21-jährige Bonner Student Christian Pohlmann gegen den Einberufungsbescheid. Seine Begründung: Die Wehrgerechtigkeit sei nicht mehr sichergestellt, wenn nur noch etwa einer von sieben Männern zum Bund muss. Die Einstufung habe nichts mit der Gesundheit oder Vernunft des Einberufenen zu tun, die gesamte Musterung gerate zunehmend zur Farce.

Das Kölner Verwaltungsgericht hob seine Einberufung auf, die Bundesregierung wehrte sich dagegen. Seit April 2005 liegt die Sache beim Bundesverfassungsgericht. Eine Entscheidung in letzter Instanz steht bis heute aus.

Regierung will weiter mustern

Das Grundproblem: Seit Jahren braucht die Truppe immer weniger Soldaten. 1990 zählte sie 490.000, heute sind es gerade noch 250.000. Die Bundeswehr hat sich von einer Verteidigungsarmee zur Interventionstruppe im Ausland gewandelt. Für Einsätze wie in Afghanistan werden gut ausgebildete Profis benötigt, nicht wehrpflichtige Abiturienten. Grüne und FDP haben mehrfach die Aussetzung oder gleich die Abschaffung der Wehrpflicht gefordert. Die Idee des "Staatsbürgers in Uniform" wäre dann jedoch endgültig gestorben - die Bundeswehr würde zu einer Berufsarmee.

Die Bundesregierung hat bisher vereinbart, an der Wehrpflicht festzuhalten und weiter jedes Jahr alle jungen Männer eines Jahrgangs zur Musterung zu schicken. Aber der Konsens der Koalition wackelt. Die SPD schlägt inzwischen vor, die Wehrpflicht in eine Art freiwilligen Dienst umzuwandeln - nur wenn sich zu wenige Soldaten melden, würde dann wieder einberufen.

Der Bundeswehrverband nannte den Vorschlag "unausgegoren" und verfassungswidrig. Auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) will von dem SPD-Plan nichts wissen: So lange er etwas zu sagen habe, werde die Wehrpflicht bestehen bleiben, sagte er. Im Herbst 2005 kritisierte er zwar selbst noch, dass es nicht sein könne, "dass weniger als die Hälfte der jungen Männer Wehr- oder Zivildienst leistet". Im Februar 2007 schloss Jung indes aus, "dass sich Wehrpflichtige mit fragwürdigen Krankheiten herausmogeln". Und für 2008 habe er angeordnet, die Zahl der Stellen für Grundwehrdienstleistende um 5000 auf 35.000 aufzustocken.

An der grotesken Lage vieler junger Männer ändert das nichts - für sie ist und bleibt der Bundeswehr-Eignungstest ein unergründliches Aussiebverfahren. SPIEGEL ONLINE dokumentiert sieben Geschichten aus Deutschlands Kreiswehrersatzämtern, die belegen, wie schnell selbst höchst sportive Wehrpflichtige heute ausgemustert werden.

Die mit Sternchen gekennzeichneten Namen sind der Redaktion bekannt - wurden aber geändert, um den Betroffenen etwaige Nachteile zu ersparen.

insgesamt 624 Beiträge
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Seite 1
delta058 29.08.2007
1.
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden derzeit aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Tja, mein Bruder wurde als T1 gemustert und am Tag meiner Vereidigung wurde er arbeitslos und blieb es für die nächsten 9 Monate (mit kleinen Unterbrechungen). Es wundert mich bis heute warum der nie eingezogen wurde, ich meine wie oft hat man schon einen T1?
San Juan, 30.08.2007
2. Politik
Bei allem, wo Politiker ihre Dreckspfoten reinstecken, kann nur noch Dreck rauskommen. Warum sollte es bei der Wehrgerechtigkeit anders sein. Es gibt genügend Juristen in der Politik. Da wird man doch eine Vergewaltigung schon mal eine Wohltat nenen dürfen.
ax0l0tl 30.08.2007
3.
Fuer maennliche Studenten, die ihr Studium vor Einfuehrung der Studiengebuehren begonnen haben und Wehrpflicht oder Ersatzdienst, also einen Dienst zum Wohle der Allgemeinheit, getaetigt haben ist die Tatsache, dass Gleichaltrige nicht zum "Bund" mussten, sprich ein Jahr laenger umsonst studieren konnten, ein Schlag ins gesicht.
teuton1c 30.08.2007
4. Da wundert sich einer?
Es ist doch völlig logisch, dass die Bundeswehr, die ohnehin chronisch unterfinanziert ist, zusieht, dass sie sich keine vorbelasteten Halbinvaliden holt. Kann sich hier überhaupt jemand vorstellen, wie Bundeswehrärzte, Zahnärzte etc. von Wehrpflichtigen belagert werden, die noch schnell einen kostenlosen Zahnersatz brauchen? Oder von Rekruten, die sich am Wochenende beim Fußball die Knochen kaputt treten lassen und dann montags freudestrahlend im Bundeswehrkrankenhaus sitzen? Ich kann dieses ganze gemeckere nicht nachvollziehen. Ich wollte den Grundwehrdienst als unverbindliche Probezeit nutzen, um herauszufinden, ob ich die Offizierlaufbahn einschlagen will. Ich bin während meiner Ausbildung T1 gemustert worden, weil ich gesagt hab 'nein, nein, gegen den Heuschnupfen brauch ich keine Medikamente, so wild ist das nicht' und dann hab ich mich bis zum Ende der Ausbildung zurückstellen lassen. Mit bestandener Prüfung habe ich mich beim KWE gemeldet und konnte mir einen Ort zum Dienst und die damit verbundene Tätigkeit AUSSUCHEN! Ich bin als Informatikkaufmann mit offenen Armen empfangen worden! Da geblieben bin ich zwar doch nicht, aber das hatte nichts mit den Strukturen der Bundeswehr zu tun. Ich wüsste nicht worüber man sich in dieser ganzen Angelegenheit beschweren sollte. Ich kann ganz gut verstehen, dass die BW sich geeignete GWDL rauspickt, von denen sie profitiert und wo sie nicht nur Geld hinterherschmeißt. KNT
SHODAN_NET, 30.08.2007
5.
Vor paar Jahren wurde ich auf T2 gemustert. Gab auch noch T7er. Aber was heute praktiziert wird, ist ja doof. Dann sollte man die Wehrplficht gleich abschaffen und einen sozialen Dienst für Frauen und Männern einführen. Die bestehende Regelung diskriminiert Männer ohnehin!
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