Grünen-Innenansicht Das Treffen der Tierfreunde

Er kämpft für Legehennen: Nils May, 19, will männlichen Küken das Leben retten und besucht deshalb zum ersten Mal den Bundeskongress der "Grünen Jugend". Doch wer hätte das gedacht: Er stößt bei den Tierfreunden und Vegetariern auf wenig Unterstützung.

Von Mathias Hamann, Potsdam


Nils weiß genau, warum er hier ist: "Alle männlichen Küken werden bei der Zucht von Legehennen getötet", sagt der 19-jährige Student aus Mannheim - deshalb ist er zum ersten Mal auf einen Bundeskongress der "Grünen Jugend". Der tagt in einem alten Hörsaal der Universität Potsdam. Ein Schild am Eingang heißt alle "Herzlich Willkommen" - und durch die Tür dürfen, anders als bei den gelben oder roten Kollegen, nicht nur Delegierte oder Mitglieder der "Grünen Jugend" treten - grünes Indianer-Ehrenwort.

Das grüne Glasnost gefällt auch Sonja Hummel aus Biberach. Die 18-Jährige will allerdings nicht nur die Welt verbessern, sondern auch ihre Schulnoten: "Ich mach bald ein Referat über Agrarsubventionen und habe nicht so viel Ahnung." Auch bei ihr gehört die Abneigung gegen Fleisch zur Standardausstattung, mit zwölf verzichtete sie erstmals auf Fleisch, interessierte sich für Tierrechte und wurde zur Aktivistin im kleinen Kreis: Ihre Mutter isst ebenfalls seit drei Jahren vegetarisch.

Nils May verzichtet nicht auf Fleisch, aber eben auf Eier, wegen der toten männlichen Küken. Zusammen mit seiner Ortsgruppe bringt der Informatik-Student nun einen Antrag ein. Die "Grüne Jugend" soll sich gegen das Töten der Tiere aussprechen. "Die könnten doch wenigstens aufgezogen werden." Und später dann gegessen. Doch der Tod auf Raten für die niedlichen Quietsche-Küken stößt auf wenig Gegenliebe beim grünen Nachwuchs. Der Antrag wird abgeschmettert. Begründung: Man ist gegen jeglichen Fleischverzehr.

Konversations-Kuddelmuddel

Nach der Küken-Debatte geht es um ein grünes Alphatier: Cem Özdemir ist gekommen, um für seine Kandidatur um den Parteivorsitz zu werben. Sonja steht auf und will wissen: "Was hältst Du von EU-Agrarsubventionen?" Und der Profi-Grüne steht offenbar nicht auf Konversations-Kuddelmuddel: Cem Özdemir sammelt alle Fragen und antwortet dann jedem. Sonja erklärt er in fünf Sätzen: Subventionen bleiben ein schwieriges Thema.

Grünen-Politiker Cem Özdemir: "Subventionen bleiben ein schwieriges Thema."
DPA

Grünen-Politiker Cem Özdemir: "Subventionen bleiben ein schwieriges Thema."

Anschließend teilt sich die Versammlung: Alle Frauen können zu einem Frauenforum, alle anderen zu einem Gendertreffen – das hieß früher Männerforum. Sonja geht nicht zum Forum der Frauen. Dort muss erstmal in geheimer Abstimmung festgestellt werden, ob Medienvertreter erwünscht sind. Dann reden sie über ihre Erfahrung mit Frauenquoten und ohne. "Wir haben das bei uns in der grünen Jugend abgeschafft," berichtet Ska Keller aus Guben und gibt zu: "Ich habe es dann später bereut." Mittlerweile leitet die 26-jährige die Grünen in Brandenburg mit verordnetem Frauen-Anteil. Zwang kann manchmal auch gut sein, findet Keller: "Sonst gäbe es weniger Frauen in der Politik."

Frauen kommen auch ohne Quote

Im Männerforum sitzt derweil auch Sonja und redet – ebenfalls über die Quote: "Egal, mit was man hier anfängt, bei Geschlechterfragen landen wir immer bei der Quote." Die Schülerin unterstützt die Frauenförderung, ebenso wie Nils: "Wenn wir nur Freunde sagen würden, fühlen sich die Freundinnen doch nicht angesprochen." Deshalb werden bei den jungen Grünen Binnen-I und Gleichberechtigung groß geschrieben. Übrigens liegt der Frauenanteil beim Bundeskongress bei 43 Prozent – ganz ohne Quote.

Jetzt ist aber erstmal Schluß, Nils und Sonja nehmen Schlafsack und Isomatte und gehen schlafen – in eine Turnhalle. "Das spart Kosten," sagen Sonja und Nils und fragen: "Andere schlafen in Hotels?" Oh ja, sie tun. "Das Geld könnte man sinnvoller verwenden", sind sich die beiden einig.

Küken-Keulung: "Da werden Männer diskriminiert"

Um neun Uhr am nächsten Morgen huschen die jungen Grünen in verschiedene Fachforen. Nils und Sonja lauschen Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Der Bio-Landwirt und Europaabgeordnete erzählt von den Subventionen der EU für die Landwirtschaft. Nils diskutiert mit dem promovierten Politiker-Bauern noch über die Tötung der männlichen Küken. Der Landwirt grinst verschmitzt: "Ja, da werden Männer diskriminiert. Tut was dagegen." Viele lachen und nicken.

Dann gibt es endlich Essen, natürlich ohne Fleisch. In der Uni-Mensa tummeln sich die Teilnehmer und es fällt auf: Die Grünen sind bunt, von einzelnen Anzugträgern bis zum Dreadlockkopf zeigt sich ein lebender Katalog der Jugendmode. Viele quatschen über die nächsten Anträge. Die gibt es natürlich auf Ökopapier, ganz sparsam. Bei den Jusos bedruckten acht Kopierer 170.000, bei den JuLis zwei Drucker 15.000 Seiten - bei der grünen Jugend steht im Vorraum des Tagungssaals nur ein einsamer Kopierer, der zum Ende 8000 Blatt Papier bedruckt hat.

Es gibt um den Drucker herum auch keine Lobbyisten, die gegen Sponsorgeld Jungpolitiker umgarnen. Während woanders private Krankenkassen bunte Infos, Schokoriegel und Sonderkonditionen für den Parteinachwuchs bereit legen und der Verband der Automatenwirtschaft zum Dauer-Daddeln einlädt, treffen sich in einer original grünen Pause die Delegierten mit Bio-Limo und quatschen locker. Was würde wohl die FDP-freundliche Krankenkasse zu verqualmten Foyers sagen?

Sonja etwa sieht liberale Drogenpolitik kritisch, Nils ist lieber öko als high. Deswegen gibt es abends bei der Party Bio-Bier. Auch zur Party kann jeder kommen, anders als bei Jusos oder Julis. Trotz Party bis zum Morgengrauen sitzen beide am nächsten Morgen wieder in den Hörsaalstühlen. Auch wenn die Grünen tausendmal gechillter sind als die Liberalen, die sich bereits betont locker geben und zum SPD-Nachwuchs abgrenzen wollen - ein bisschen Ordnung muss auch bei den Grünen sein.



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