Grundschüler-Test Seemannsgarn mit Piraten-Alarm

Drittklässler bekamen es beim Vergleichstest Vera mit einem Text über Piraten zu tun. Jetzt empören sich Lehrer: "Schnurrig-romantische" Piratengeschichten eigneten sich nicht für Grundschüler - wo doch gleichzeitig Seeräuber vor Afrika Schiffe kapern.


Darf man das? Grundschüler einen Test zum Thema Piraten schreiben lassen, während Seeräuber immerfort vor der Küste Somalias Schiffe entführen? Ist es zulässig, wenn Drittklässler eine Geschichte namens "Piratenopa" lesen sollen, in der es unter anderem darum geht, wie sich Seifenblasen aus einer Kanone abfeuern lassen, Piraten ihre Holzbeine blank polieren und Piratenomas aus Seemannsgarn Pullis stricken?

Piraten-Test bei Vera: Nichts für Drittklässler?
Universität Koblenz-Landau

Piraten-Test bei Vera: Nichts für Drittklässler?

Nein, darf man nicht, findet der Grundschulverband. "Mindestens fragwürdig" nennt es der Vorsitzende Horst Bartnitzky, das Thema Piraten auf diese "schnurrig-romantisierende Art" anzugehen. Und fragt: "Verbietet sich das nicht?"

Seine Kritik richtet sich gegen den bundesweiten Vergleichstest Vera im Fach Deutsch, der am Dienstag an allen Grundschulen in der dritten Klasse geschrieben werden sollte. Die Schüler bekamen die Piratenopa-Geschichte, mussten Verständnisfragen dazu beantworten und eine Einladung zu einem Piratenfest schreiben.

Vera steht für Vergleichsarbeiten und ist für Drittklässler das, was Pisa für Neuntklässler ist oder Iglu und Timss für Viertklässler sind: Tests, mit denen der Leistungsstand von Schülern ermittelt werden soll. In diesem Jahr machen bei Vera alle 16 Bundesländer mit, in sämtlichen dritten Klassen soll der Test geschrieben werden.

Ein Stürmchen im Wassergläschen

Am Dienstag war Deutsch dran, am Donnerstag folgt Mathe. Entwickelt wurden die Aufgaben von Fachleuten in Zusammenarbeit mit den Bundesländern, geleitet wird das Projekt von einer Forschergruppe der Uni Koblenz-Landau.

Jetzt beschweren sich vereinzelt Lehrer und der Grundschulverband über die Themenauswahl. Allerdings hält sich die Empörung in sehr engen Grenzen. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Schulministeriums wandte sich gerade mal eine Schulleiterin an das Ministerium - NRW verzeichnet 3266 Grundschulen.

Dass Eltern oder Lehrer Prüfungsaufgaben, Lehrpläne oder -inhalte kritisieren, kommt immer mal wieder vor. Mitunter geht es um das moralische Gebot der politischen Korrektheit. Auf die Spitze trieb es etwa eine britische Schule, die vor Jahren ihren Schülern verbot, Schweinchen-Geschichten zu lesen - aus Rücksicht auf die Gefühle muslimischer Mitschüler. Und im Abseits stand das "Schweinchen namens Babe". In Deutschland wetterte ein Politologe gegen die Kinderhörspiele "Benjamin Blümchen" und "Bibi Blocksberg": Darin werde Anarchie propagiert.

Die Test-Entwickler sind verdutzt

Und nun die Sache mit den Piraten - aber rennen Kinder nicht schon seit Jahrzehnten immer gern mit Augenklappen, Totenköpfen, Schwertern und komischen Hüten durch die Gegend? Zählen nicht Piratenkostüme zu den beliebtesten Verkleidungen beim Kinderkarneval, tragen nicht reihenweise Kitas lustige Piratennamen?

Horst Bartnitzky vom Grundschulverband sucht keinen Platz bei den moralischen Hardlinern und erregt sich über das Piratenthema denn auch nur bedingt: "Ich will nicht sagen, das ist politisch skandalös." Aber heikel sei es eben doch, zumal das Thema Jungen bevorzuge, die mehr mit Piraten anfangen könnten, sagte Bartnitzky SPIEGEL ONLINE.

Der Grundschulverband hat vor allem grundsätzliche Probleme mit den Tests. Bartnitzky zufolge orientiert sich der Unterricht an vielen Schulen zu sehr an der "massiven Testerei" - nicht daran, die Kinder zu unterstützen. Er wirft der Politik vor, lediglich PR mit den Untersuchungen zu betreiben; die würden als "Nachweis bildungspolitischer Aktivität verkauft".

Bartnitzky kritisiert auch das Testverfahren. Es führe an den Schulen zu "Unehrlichkeit und Mogeleien". Im Gegensatz zu Pisa sind die Aufgaben bei Vera an den Schulen vorher bekannt - und mitunter gibt es Lehrer, die ihre Schüler gezielt darauf vorbereiten.

Zahlreiche Piraten in Büchern und Filmen

Die Testentwickler an der Uni Koblenz-Landau wehren sich gegen die Anwürfe, zumal die Schiffsentführungen vor Somalia noch nicht ewig ein Top-Thema der Nachrichten sind. "Zum Zeitpunkt der Entscheidung über den in diesem Jahr eingesetzten Text und die entsprechenden Aufgaben war die aktuelle Situation noch nicht absehbar", so Michael Zimmer-Müller vom Projekt Vera. Man biete aber didaktisches Material an, wie Lehrer mit dem Thema umgehen könnten.

Unverständlich ist den Bildungsforschern, wieso die Aufgabe Jungen bevorzugen sollte. Denn ansonsten wird öffentlich eher Klage darüber geführt, dass Deutschlands Schulen die Jungen benachteiligen - nicht nur, weil Grundschulen und Kitas fest in weiblicher Hand sind, auch wegen der Themenauswahl in Schulbüchern.

Johnny Depp (als Piratenchef Jack Sparrow): Darf man so was noch sehen?
Buena Vista

Johnny Depp (als Piratenchef Jack Sparrow): Darf man so was noch sehen?

"Normalerweise haben Mädchen Vorteile im Leseverständnis, besonders bei erzählenden Texten, und sind generell leichter zum Lesen zu motivieren", sagte Michael Zimmer-Müller SPIEGEL ONLINE. "Genau deshalb ist es umso wichtiger, auch Jungen zu motivieren" - am besten mit einem Text ohne Geschlechterbevorzugung.

Die Landauer Wissenschaftler verweisen auf zahlreiche Piraten-Beispiele, die Jungen und Mädchen gleichermaßen begeistern: die Piratentochter Pippi Langstrumpf, den Seefahrer und Piratenversteher Käpt'n Blaubär oder auch Filme wie "Fluch der Karibik". Wobei die Forscher hier die Schlangen der Mädchen vor den Kinos weniger auf das Piratenthema an sich zurückführen, sondern auf den Hauptdarsteller: Johnny Depp.

otr

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Seite 1
Redhalo, 05.12.2006
1.
Die Frage ist falsch formuliert. Wird der Hauptschule noch eine Zukunft gegeben? Das trifft die Sache besser. Denn gerade Hauptschulen sind oft Schauplätze sozialer Brennpunkte. Dies bedarf geschulter Lehrer (was lernt man denn schon im Lehramtsstudium... überwiegend Theorie, viel Fachwissen, wenig Praxisbezug und vor allem wenig Pädagogik). Wo sind denn die Schulpsychologen, die Sozialarbeiter oder auch die Lehrer für das Fach Deutsch als Fremdsprache? Erst wenn diese Einrichtungen fester Bestandteil von Schulen werden, gibt es die Möglichkeit auf einzelne Schüler, die Individuen, einzugehen. Jedem nach seinen Bedürfnissen zu fördern, zu unterstützen und zu lehren. Es darf einfach auch nicht passieren, dass eine Hauptschullehrerin ihren Schülern sagt, sie müssen nicht für die Abschlussprüfung lernen, da sie eh keinen Ausbildungsplatz finden werden. Das ist das genaue Gegenteil von einer hoffnungsvollen Zukunft und deutet auf eine heillos überforderte Lehrkraft hin.
wafi, 05.12.2006
2.
Quatsch! Mein Sohnemann ist auf einer Haupschule und dort sind weder mehr Aggressionen oder Gewalt, als z.B. auf dem Gymnasium meiner Tochter. Perspektivlosigkeit, ja, denn wer gibt nem Haupschüler einen Ausbildungsplatz. Perspektive kann ergo nur durch einen weiteren Schulabschluß kommen. Warum Hauptschule? Nun ja, bei Sohnemann war ne ziemlich extreme Lese-Rechtschreibschwäche und trotz versuchter außerschulischer Förderung, kam er auf seiner alten Schule einfach nicht mit. Ist halt blöd, wenn man wesentlich länger zum Lesen braucht und nen Wort lesen, schon extreme Mühe macht, ganz zu schweigen, das gelesene hinterher noch zu kapieren. Sohnemann hat aber, nun 8te Klasse, eben wegen des langsameren Lernens in der Hauptschule sein Problem ziemlich gut in den Griff bekommen, hat sogar gestern nen Diktat mit ner 3 wieder bekommen, worauf er ... und ich ... echt stolz sind. Insofern gibt es eben Gründe, warum Hauptschule für manchen wichtig ist. Idealer wären natürlich Gesamtschulen ... aber da steht die Politik vor ...
Pnin, 05.12.2006
3.
---Zitat von sysop--- Aggression, Gewalt, Perspektivlosigkeit - hat die Hauptschule noch Zukunft? ---Zitatende--- Nur wenn sie komplett umgestaltet wird: - Kleine Klassen, die Individualförderung ermöglichen - Praxisorientierte Lerninhalte - Betriebsanbindungen als Unterstützung zur Ausbildungsplatzsuche - Stärkere Durchmischung der Schülerschaft - Zusätzliches qualifiziertes Betreuungspersonal für verhaltensauffällige Schüler - Stärkere "Durchlässigkeit" hin zu anderen Schulformen - schulinterne Freizeitangebote undundund
bernhard 05.12.2006
4.
"Die vorhandenen Lehrer passten nicht zu den Schülern.", der Satz hört sich so an, wie wenn der Politiker ein neues Volk fordert, wenn das bestehende nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Würde man hier mehr sagen, wie die inneren Verhältnisse in Berlin sich insbesondere unter dem alten inzwischen abgelösten Schulsenat entwickelt haben, wie insbesondere eine machtlose und amateurhafte GEW durch die Landschaft tänzelt, seit an seit mit ihrem Liebling Wowi, dann würde man wahrscheinlich einem Eintrag in die Personalakte nicht entgehen können! So ist die Lage: angstbesessen, weil ideologisierende Theoretiker das Sagen haben.
darkzone, 05.12.2006
5. Hauptschule noch Zukunft?
Die Hauptschule hat - wir ihre Kinder - die Zukunft schon lange hinter sich! Es gibt unzählige wissenschaftliche Studien darüber, die das immer wieder belegen. Inzwischen mahnt die UNO eine Veränderung an, weil das System eklatant gegen das Gleichheitsprinzip verstößt. Das wissen unsere Politiker. Aber dann müssten sie etwas ändern. Sie müssten den oberen Schichten etwas wegnehmen und denen "unten" etwas mehr geben. So wie das alle anderen Staaten machen. Alle Kinder auf EINE Schule. Undenkbar! Was würden die Ärzte, Rechtsanwälte und Gymnasiellehrer dazu sagen! Es bleibt alles beim Alten. Die Diskussion muss hier nicht geführt werden.
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