Mehr Gehalt Länder buhlen mit Geld um Grundschullehrer

In den kommenden Jahren werden Zehntausende Grundschullehrer fehlen. Im Konkurrenzkampf um die Pädagogen erhöhen einige Länder die Einstiegsgehälter - und jetzt gibt es Streit.
Zweitklässler in Bayern

Zweitklässler in Bayern

Foto: Sven Hoppe / DPA

Was er jetzt sage, kündigt der Sprecher eines Kultusministeriums mit hörbarem Ärger an, sei "off the record" und nicht zitierfähig. "Schwachsinn" seien die Pläne einiger Länder, das Gehalt für Grundschullehrer anzuheben, schimpft er, "sowas muss man doch miteinander absprechen, anstatt völlig unüberlegt diesen irren Wettbewerb loszutreten." Der Dominoeffekt sei wahrscheinlich jetzt schon nicht mehr aufzuhalten.

Was den Mann so aufregt: Einige Bundesländer haben angekündigt, ihren Grundschullehrern in Zukunft deutlich mehr zu bezahlen. Aktuell gibt es, je nach Bundesland, zwischen knapp 3100 und gut 3600 Euro brutto pro Monat zum Berufseinstieg. A12 heißt die entsprechende Besoldungsstufe im Beamtenrecht. Wer dagegen an weiterführenden Schulen unterrichtet, steigt zumeist bei A13 ein. Das kann rund 500 Euro Unterschied pro Monat ausmachen.

Weil in den kommenden Jahren aktuellen Prognosen zufolge bundesweit rund 35.000 Grundschullehrer fehlen werden, setzen einige Bundesländer auf ein höheres Einstiegsgehalt als Lockmittel. So haben unter anderem Brandenburg und Berlin beschlossen, den Grundschulpädagogen ab 2019 mehr Gehalt zu zahlen. Schleswig-Holstein will die Anhebung stufenweise bis 2026 umsetzen.

Einstiegsgehalt für Grundschullehrer*

Land Einstiegsgehalt Bemerkungen
Baden-Württemberg A 12
Bayern A 12
Berlin A 13 ab 1.8.2019; keine Verbeamtung
Brandenburg A 13 ab 1.1.2019
Bremen A 12
Hamburg A 12 bereits 40 % der Grundschullehrer auf A 13
Hessen A 12
Mecklenburg-Vorpommern A 13 geplant
Niedersachsen A 13 geplant
NRW A 13 geplant
Rheinland-Pfalz A 12
Saarland A 12
Sachsen A 13 Verbeamtung ab 1.1.2019
Sachsen-Anhalt A 12
Schleswig-Holstein A 13 schrittweise bis 2026
Thüringen A 12, höhere Besoldung evtl. geplant ab 2020
*Pläne der Bundesländer; Quelle: SPIEGEL-Umfrage

Die Schulministerien beobachten die Entwicklung genau. Zum Teil gibt es bereits fertig ausgearbeitete Pläne, um bei Bedarf mit Gehaltserhöhungen nachzuziehen. Denn es ist klar: Dauerhaft funktioniert der Lehrerarbeitsmarkt nur, wenn es bundesweit ein halbwegs einheitliches Besoldungsmodell gibt. Dass einige Bundesländer jetzt mit Gehaltserhöhungen vorpreschen, sorgt anderswo deshalb für heftiges Kopfschütteln.

"Ein Ausscheren nach oben auf die A13 als eins der ersten Bundesländer wäre angesichts der Haushaltsnotlage und der Position des Saarlandes als Nehmerland im Bund kaum durchsetzbar", heißt es etwa im saarländischen Bildungsministerium - auch wenn sich Minister Ulrich Commerçon dafür ausspricht, dass perspektivisch alle Lehrämter gleich besoldet werden sollten. Bis dahin lockt das Saarland mit direkter Verbeamtung und einer von 28,5 auf 28 Wochenstunden reduzierten Lehrverpflichtung.

Mehr Geld? Oder doch lieber mehr Entlastung?

Auch Hessen wirbt mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen: "Wir setzen auf eine Entlastung der Grundschullehrkräfte - sie sollen wieder mehr Zeit für die pädagogische Arbeit haben", erklärte ein Sprecher des Wiesbadener Kultusministeriums gegenüber dem SPIEGEL. Dafür würden zusätzliche Sozialpädagogen eingestellt und die Stellen von Konrektoren und Rektoren besser bezahlt. Andere Länder wie Sachsen-Anhalt setzen auf eine ähnliche Strategie.

In Hamburg dagegen verweist die Schulbehörde darauf, dass zwar A12 das Eingangsgehalt sei, dass aber rund 40 Prozent der Grundschullehrkräfte schon heute mehr Gehalt bekommen, weil sie auf so genannten "Beförderungsstellen" arbeiten. Dabei ist allen Beteiligten klar: Wenn sich der Lehrermangel in den kommenden Jahren verschärft, wird der Konkurrenzkampf zwischen den Bundesländern um die raren Pädagogen immer heftiger.

Die Aussichten auf eine schnelle Verbeamtung und auf mehr Geld könnten für Bewerber dann den Ausschlag geben, sich für oder gegen ein bestimmtes Bundesland zu entscheiden. "Wir hätten das koordinieren müssen, um uns nicht gegenseitig zu ruinieren", sagt der Ministeriumsprecher, der nicht genannt werden will. "Aber dazu ist es jetzt wohl zu spät, ein Land nach dem anderen wird umfallen und mehr zahlen müssen."

Neiddebatte unter Gewerkschaftern

Wenig erstaunlich: Die Gewerkschaften unterstützen die Pläne für höhere Gehälter - jedenfalls die meisten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fordern seit Längerem eine bessere Bezahlung für Grundschullehrer. Ganz anders sieht das jedoch der Philologenverband, der vor allem Gymnasiallehrer vertritt.

Man habe zwar "große Achtung vor der Arbeit der Grundschullehrer", sagt Jörg Seifert, Landesvorsitzender des Philologenverbands in Mecklenburg-Vorpommern. Aber ein gleiches Gehalt bei gleicher Stundenverpflichtung, "das ist einem Gymnasiallehrer, der gerade wochenlang täglich etliche Stunden bei der Korrektur der Abiturarbeiten sitzt und außerdem für seinen Unterricht in der Oberstufe erheblichen Vorbereitungsaufwand hat, einfach nicht zu vermitteln."

Man könne doch nicht ernsthaft bestreiten, sagt Seifert, "dass an die Arbeit eines Gymnasiallehrers deutlich höhere Anforderungen gestellt werden". Das sieht auch Cornelia Schwartz vom Philologenverband Rheinland-Pfalz so. Für sie sind die Diskussionen um eine bessere Bezahlung von Grundschullehrern "Forderungen nach dem Einheitslehrer in Bezug auf Besoldung und Stundendeputat".

Gereizte Kollegen

Und das sei schon wegen des unterschiedlichen Anforderungsniveaus nicht gerechtfertigt, so Schwartz. Sie verweist auf andere Berufsfelder: "Kein Mensch würde auf die Idee kommen, gleiches Gehalt für alle Beschäftigtengruppen im Krankenhaus oder im Rechtsbereich - beispielsweise für Rechtspfleger und Richter - zu fordern."

Eine Haltung, die wiederum bei der GEW für ziemliche Gereiztheit sorgt. Deren Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz, Klaus-Peter Hammer, giftete in Richtung des Philologenverbands zurück: "Dies ist unkollegial und macht auch keinen Sinn." Das Lehramt sei in allen Altersgruppen und Schulformen ein herausfordernder und anstrengender Beruf, die Argumentation der Gymnasiallehrer deshalb "schlichtweg Unsinn".

Video: Lehrermangel in Deutschland

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