Grundschullehrer-Vorurteile Kevins bekommen schlechtere Noten

Jungen mit dem falschen Vornamen haben es schwer: Lehrer trauen kleinen Kevins und Justins nicht nur weniger zu als Kindern, die Alexander oder Maximilian heißen. Die Pädagogen benoten sie mitunter auch schlechter - bei gleicher Leistung.
Grundschule in Hannover: Wie ungerecht sind die Lehrer?

Grundschule in Hannover: Wie ungerecht sind die Lehrer?

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Der Vorteil von Rechtschreibfehlern ist: Man kann sie zählen. Sieben Rechtschreibfehler sind sieben Rechtschreibfehler, daran ist nicht zu rütteln. Allerdings bewerten Grundschullehrer sieben Rechtschreibfehler mitunter sehr unterschiedlich. Mal halten sie sieben Fehler für eine Tragödie, mal finden sie sieben Fehler nicht so dramatisch.

Ob Drama oder nicht - das hängt auch davon ab, ob das Kind, das die Fehler macht, Maximilian heißt oder Kevin. Das legt eine neue Studie der Uni Oldenburg  nahe, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Offenbar haben Grundschullehrer nicht nur Vorurteile gegen bestimmte Vornamen, was eine vorangegangene Studie schon im vergangenen Sommer zeigte. Offenbar haben diese Vorurteile auch Einfluss auf die Notengebung, zumindest bei Jungen.

Die Vorgängerstudie aus Oldenburg, eine Master-Arbeit, kam im Sommer 2009 zu dem Ergebnis, dass viele Grundschullehrer einen Jungen mit dem Namen Kevin als verhaltensauffällig abstempeln. Als eher freundlich und leistungsstark sahen die Lehrer hingegen Jungen mit den Namen Alexander, Maximilian, Simon, Lukas und Jakob. Positiv bewertete Mädchennamen waren Charlotte, Nele, Marie, Emma und Katharina. Auf der Negativliste standen Mandy, Chantal und Jaqueline. "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose", kommentierte ein teilnehmender Lehrer damals.

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Sieger und Verlierer: Wie der Vorname den Erfolg bestimmt

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Die Studie sorgte für viel Aufsehen und Aufregung, Lehrer fühlten sich angegriffen. Offen blieb aber die Frage: Führen solche Vorurteile tatsächlich zu ungerechter Bewertung? Hängen die Noten auch von den Vornamen ab, wie die betreuende Professorin Astrid Kaiser damals warnte?

Die Nachfolgestudie legt das jetzt zumindest nahe. Allerdings sei der Zusammenhang weniger deutlich als befürchtet, sagt Kaiser. So zeige die neue Untersuchung vor allem, wie subjektiv es bei der Bewertung von Schülerleistungen generell zugehe, unabhängig vom Vornamen. Doch durch den Namen würden die Ergebnisse "noch zusätzlich modifiziert", so Kaiser.

Lehrer sind alles andere als objektiv

Die neue Untersuchung ähnelt in einigen Punkten der Kevin-Studie des letzten Jahres: Wieder ist es eine Master-Arbeit, die sich mit den Vorurteilen auseinandersetzt, wieder wurde sie von Kaiser betreut, und wieder wurden die beteiligten Lehrer online befragt.

In drei Kategorien sollten Lehrer die Leistungen von Schülern bewerten. Zum einen achteten sie auf die Rechtschreibung und den Inhalt von Texten, zum anderen auf die Sauberkeit von Zeichnungen. Die befragten Lehrer bekamen echte Schülerantworten aus dem Sachunterricht zu sehen, so zum Beispiel einen Text mit sieben Rechtschreibfehlern, verfasst in krakeliger Kinderschrift. Mal stand Kevin darunter, mal Maximilian - oder eben Mandy oder Katharina. Alle Kindernamen stammten aus der Vorgängerstudie, konnten also eindeutig als Gewinner- oder Verlierernamen definiert werden. Die Lehrer sollten dann Punkte vergeben, wobei ein Punkt für eine sehr schlechte Leistung stand und zehn Punkte für eine sehr gute.

Mehr als 900-mal klickten Lehrer aus dem ganzen Bundesgebiet den Fragebogen an, 228 haben ihn vollständig ausgefüllt. Tatsächlich verwertbar für die Auswertung waren allerdings nur 168 Fragebögen. Als wie belastbar sich die Ergebnisse erweisen, wenn sie in Folgestudien überprüft werden, wird sich also erst noch zeigen.

Starke Vorurteile, schwache Bewertungsunterschiede

Auffällig sind die Ergebnisse aber auch bei dieser kleinen Stichprobe: Kleine Justins, Cedrics, Marvins und Kevins bekommen im Schnitt weniger Punkte als Kinder, die Jakob, Lukas oder Alexander heißen. "Die negativ etikettierten Jungennamen wurden durchweg schlechter bewertet", heißt es in der Studie. "Aber dieser Zusammenhang ist nur schwach", so Astrid Kaiser. Während sich bei der letzten Kevin-Studie noch zeigte, wie stark die Vorurteile gegen bestimmte Vornamen sind, fiel der Einfluss auf die Bewertung in der neuen Studie eher gering aus.

Deutlicher zeigte sich, was fast jeder aus seiner eigenen Schulzeit kennt: Lehrer sind alles andere als objektiv. Mal vergaben sie für eine Antwort nur einen Punkt, mal für dieselbe Antwort neun Punkte, ganz unabhängig vom Vornamen. Das bestätige bisherige Untersuchungen zur Notengebung, sagt Kaiser.

Bei den Mädchennamen ließ sich die These der Forscher überhaupt nicht belegen. Hier hatten Namen aus dem Negativ-Pool (Mandy, Chantal, Celina) sogar einen kleinen Vorteil: Bei der Rechtschreibung wurden sie etwas besser bewertet als Mädchen, die Katharina oder Charlotte heißen.

Warum aber sollten die Vorurteile von Lehrern bei der Bewertung von Jungen eine Rolle spielen, bei Mädchen aber nicht?

Kaiser erklärt das unter anderem damit, dass auch die Vorurteile gegen weibliche Vornamen weniger deutlich ausgeprägt seien. In der Studie selbst heißt es etwas umständlich: "Für den tatsächlichen Nachweis der differenten Bewertung einer Textgrundlage in Abhängigkeit des Schülergeschlechts wäre eine Replikationsstudie unter cross-gendered Kriterien zwingend erforderlich." Kurz: Wir wissen es nicht, wir müssen weiter forschen.

Kaiser, die früher selbst als Grundschullehrerin arbeitete, kündigt genau das an. Ihr Lehrstuhl werde sich weiter mit dem Thema befassen. Obwohl sie selbst warnt: "Man macht sich unbeliebt." Sie beschäftige das Thema schon lange, habe aber über Jahre niemanden gefunden, der das genauer untersuchen wollte. "Eine Habilitandin lehnte das Thema ab, weil sie Angst hatte, dass man ihr Lehrerschelte vorwirft."

Auch die Autorin der aktuellen Kevin-Studie will anonym bleiben. Sie habe weder Lust auf Journalistenanrufe noch auf Anfeindungen von Lehrern. Ihre Arbeit soll deshalb unter einem Decknamen erscheinen.

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