Gruppenzwang bei Vorschulkindern Kleine Opportunisten

Früh fangen Kinder an, sich der Mehrheit zu beugen: Schon Vierjährige rücken von ihrer Meinung ab, sobald mehrere Altergenossen andere Ansichten vertreten, zeigt eine Studie. Selbst wenn die Kleinen wissen, dass sie im Recht sind, stehen sie oft nicht dazu - offenbar aus Angst vor Konflikten.
Kinder in München: Ab wann beugen sich die Kleinen dem Gruppendruck?

Kinder in München: Ab wann beugen sich die Kleinen dem Gruppendruck?

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Wer mit seiner Meinung in der Minderheit ist, hat es nicht immer leicht. Und manch einer neigt dazu, seine Ansichten der Mehrheit anzupassen. Jetzt zeigt eine Studie: Bereits Vorschulkinder beugen sich dem Gruppendruck Gleichaltriger, selbst wenn sie es besser wissen.

Wie Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen herausfanden, unterstützen auch Kinder mitunter öffentlich selbst dann eine Mehrheitsmeinung, wenn sie diese eigentlich für falsch halten. Die Ursache dafür vermuten die Forscher in grundlegenden sozialen Erwägungen, etwa dem Wunsch, von der Gruppe akzeptiert zu werden. Die Studie wurde in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Child Development" veröffentlicht.

An der Studie nahmen 96 Vierjährige teil, Jungen wie Mädchen, es gab zwei Experimente. Im ersten Teil erhielten jeweils vier Kinder scheinbar identische Bücher, in denen Tierfamilien dargestellt waren: So waren zum Beispiel auf der linken Buchseite drei verschieden große Tiger zu sehen (Vater, Mutter, Junges), auf der rechten nur einer dieser drei. Drei Kinder hatten Bücher, in denen rechts dieselbe Tigergröße zu sehen war; ein Kind sah rechts eine andere Größe.

Die Kinder dachten jedoch, dass sie alle die gleichen Bücher vor sich hatten. "Das Kind, welches das abweichende Buch erhalten hatte, wurde mit der aus seiner Sicht völlig falschen Einschätzung dreier Gleichaltriger konfrontiert", so Daniel Haun, einer der Autoren der Studie. "Von 24 Kindern passten sich 18 in einem oder mehreren Fällen dieser mehrheitlichen Einschätzung an, obwohl sie es eigentlich besser wussten."

Warum die Kinder nicht öffentlich zu ihrer Meinung stehen

Warum dieser Opportunismus? Das untersuchten die Forscher im zweiten Teil der Studie. Abhängig davon, ob eine Lampe leuchtete oder nicht, sollten die Kinder nun die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder still auf das entsprechende Tier zeigen, so dass nur der Studienleiter, nicht aber die anderen Kinder die Antwort sehen konnten. Bei brennender Lampe mussten sie also vor den anderen Kindern zu ihrer Meinung stehen, bei ausgeschalteter Lampe nur vor dem Erwachsenen. Von 18 Kindern, die nicht der Mehrheit angehörten, übernahmen laut Studie 12 in einem oder mehreren Fällen die Mehrheitseinschätzung, wenn sie ihre Antwort laut aussprechen mussten. Sollten sie hingegen still auf die richtige Antwort zeigen, übernahmen nur 8 von 18 Kindern die Mehrheitsmeinung.

Die Kinder passten also in der Regel ihre öffentliche nicht aber ihre private Antwort an die Mehrheit an. Das deute darauf hin, dass die Anpassung soziale Gründe hat, so die Forscher. "Bereits vierjährige Kinder unterliegen einem gewissen Gruppenzwang und beugen sich diesem zum Teil aus sozialen Beweggründen", schlussfolgert Haun.

Die Forscher schreiben, eine mögliche Ursache für den vorschulischen Opportunismus könnte die Angst vor Streit und Auseinandersetzung sein: "Sie könnten aus früheren Erfahrungen gelernt haben, dass der beste Weg zur Konfliktvermeidung ist, zu sagen was jeder sagt." Die Ursachen müssten jedoch genauer untersucht werden. Es zeige sich aber, dass Vierjährige nicht nur dem Einfluss von Erwachsenen ausgesetzt sind, sondern auch dem sozialen Druck durch Gleichaltrige.

otr/dapd/AFP