Merve Kayikci

Kopftuchverbot an Schulen Diskutiert das bitte woanders

Ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahre sei zulässig, heißt es in einem neuen Rechtsgutachten. Aber allein die Debatte darum ist schon diskriminierend - und in Deutschland völlig fehl am Platz.
Mädchen mit und ohne Kopftuch

Mädchen mit und ohne Kopftuch

Foto: FatCamera/ Getty Images

Im September wird meine kleine Schwester zwölf Jahre alt. Sie hört gern koreanische Popmusik, ist beliebt in ihrem Freundeskreis, kommt in die sechste Klasse - und möchte jetzt anfangen, ein Kopftuch zu tragen. "Das arme Kind!", denke ich. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ihr Steine nicht nur in den Weg gelegt, sondern regelrecht vor die Füße gebaggert werden.

Es wird Leute geben, die sie auf der Straße merkwürdig anschauen. Manche Freunde werden sich von ihr abwenden, weil sie ihr Kopftuch uncool finden. Lehrer werden sie seltener zu Wort kommen lassen und sie schlechter bewerten als vorher. Wenn sie sich das erste Mal verliebt, wird der Junge sich vielleicht nicht trauen, zu ihr zu stehen. Und wenn sie sich nach der Schule um einen Job bewirbt, wird womöglich jemand fragen: "Können Sie das Kopftuch am Arbeitsplatz abnehmen?"

All das wünsche ich meiner kleinen Schwester nicht. Ich will sie vor den Debatten in der Politik und den Medien schützen, in denen hoch und runter diskutiert wird, ab wann Frauen wie viel Stoff auf ihren Köpfen mit sich herumtragen dürfen. Aktuell hat der Tübinger Verfassungsrechtler Martin Nettesheim ein Gutachten vorgelegt, wonach ein Kopftuchverbot für Mädchen bis 14 Jahre rechtlich zulässig sei. Er hält es zudem für sinnvoll, weil es angeblich vor Diskriminierung schützt. Wie bitte?

Solche Verbote verstärken nur Ängste, rassistische Strukturen und verhindern Integration. Und sie kriminalisieren Menschen, die ein Kleidungsstück tragen, das ohnehin schon mit zahlreichen Vorurteilen belegt ist. Die ewige Debatte darum ist ermüdend, entmündigend und sie schubst einen immer wieder aus dem Gefühl der Normalität heraus. Die Botschaft, die ankommt: "Mit dir stimmt etwas nicht!" Dabei liegt der Fehler nicht bei meiner Schwester.

Ich wusste sehr wohl, was ich will

Ich habe selbst Kopftuch getragen, als ich so alt war wie meine Schwester - und tue es bis heute. Ich wollte das damals unbedingt. Als ich damit anfing, freute sich mein Vater. Meine Mutter machte sich Sorgen. Heute kann ich sie sehr gut verstehen. Sie trägt auch ein Kopftuch und wollte ihr Kind beschützen. Aber ich habe mich damals nicht wie ein Kind gefühlt. Ich wusste sehr wohl, was ich will und was nicht. Ich konnte das gegenüber Erwachsenen äußern, für mich eintreten, diskutieren - und rebellieren.

Wenn ein junges Mädchen anfangen möchte, ein Kopftuch zu tragen, ist das anders, als sich ein Piercing stechen zu lassen oder die Haare pink zu färben. Auf andere wirkt es oft so, als würden die Eltern ihr Kind dazu zwingen. Als würden sie ihr Kind nicht lieben. Nicht das Beste für ihr Kind wollen, sondern es unterdrücken und quälen.

Denn das Kopftuch wird noch oft mit der Unterdrückung der Frau assoziiert. Verständlich, denn in vielen Ländern, in denen Frauen mehrheitlich Kopftuch tragen, haben sie nicht die gleichen Rechte wie Männer. Es gibt sogar Länder, in denen Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen und bestraft werden, wenn sie es nicht tun. Das muss bekämpft werden, denn Frauen und Männer sollten überall auf der Welt die gleichen Rechte haben und frei darüber bestimmen, wie sie ihr Leben gestalten möchten.

In Deutschland ist das in fast allen Bereichen der Fall. Wenn Kinder hier in die Schule kommen, lernen sie spätestens dort, dass sie ein Recht auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben, Frauen und Männer gleichberechtigt sind und frei ihre Meinung äußern und ihre Religion ausleben können.

Meine Eltern wollten mir ihren Glauben mitgeben

In Deutschland leben Kinder also in einem geschützten Umfeld. In einem Rechtsraum, in dem der Staat im Zweifel die Verantwortung für sie übernimmt, wenn ihre Eltern ihnen zu sehr schaden. Aber der Staat schützt auch die Familie, weil es als das Beste für die Kinder gilt, wenn deren Pflege und Erziehung in den Händen der Eltern liegt.

Natürlich machen Eltern auch Fehler. Wenn sie es mit Klavierstunden quälen, zum Leistungssport nötigen, nur mit Fastfood füttern oder ihm verbieten, Freunde zu besuchen. Doch wenn man ein Kind in die Welt setzt, hat man nun mal nicht nur die Pflicht, sich darum zu kümmern, sondern auch das Recht, das Kind nach den eigenen Vorstellungen zu erziehen. Der Staat mischt sich da nicht ein, so lange das Kind nicht misshandelt oder verwahrlost wird. Und das ist auch gut so!

Meine Eltern halten es für wichtig, ihren Kindern ihren Glauben mitzugeben. Sie sind beide religiöse Muslime. Damit bin ich aufgewachsen. Das hat nie bedeutet, dass ich unter Zwang in die Moschee mitgehen oder gegen meinen Willen beten musste. Sie haben mir vorgelebt, dass es ihnen wichtig ist und was es für sie bedeutet. Und ich habe vieles davon mitgemacht und manches nicht. Das Kopftuch gehört für sie - neben Beten, Fasten, Spenden und demütig sein - einfach zu ihrem Leben. Und ich habe für mich entschieden, dass es für mich auch dazugehört.

Verbot würde nicht gegen Zwang helfen

Sicher gibt es vereinzelt auch muslimische Eltern, die sehr konservativ und streng sind, deren Töchter sich womöglich nicht trauen würden, zu sagen, dass sie kein Kopftuch tragen wollen. Aber für diese kleine Gruppe ein Verbot einzuführen, wäre absurd. Das würde gerade diesen Kindern überhaupt nicht weiterhelfen.

Eltern, denen es so wichtig ist, dass ihr Kind ein Kopftuch trägt, würden sich von so einem Verbot kaum abschrecken lassen - und ihre Töchter im Zweifel außerhalb der Schultore nötigen, ihren Kopf zu bedecken. Es könnte sein, dass die Kinder ihr Kopftuch dann nur im Klassenzimmer ausziehen, wie es in der Türkei oft gemacht wurde, als es dort noch verboten war.

Mit so einer Maßnahme würde man muslimischen Mädchen in Deutschland also gar nicht helfen - sondern nur dazu beitragen, dass sie sich zwischen ihrem Elternhaus und der deutschen Schule noch zerrissener fühlen. Ein anstrengender Spagat zwischen den Kulturen. Im schlimmsten Fall könnte ein Kopftuchverbot bei sehr konservativen Eltern sogar dazu führen, dass sie ihre Kinder in Privatschulen schicken oder sogar ins Ausland, in ihre Heimatländer.

Die Organisation "Terre des Femmes" hat das neue Gutachten bei Martin Nettesheim in Auftrag gegeben und plädiert seit Jahren für Kopftuchverbote. Wenn sie etwas gegen Kopftücher tun will, dann bitte in Ländern, in denen kein ausgefeiltes Rechtssystem und eine offene und demokratische Gesellschaft das Wohlergehen von Frauen wie mir sicherstellen.

Jede Frau muss selbst entscheiden, ob sie das Kopftuch tragen will oder nicht. Niemand sollte dazu gezwungen werden. Und niemand sollte dazu gezwungen werden, es abzulegen. Auch nicht meine kleine Schwester.

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