Haariges Hobby Simon, 16, teilt sein Zimmer mit 50 Vogelspinnen

Chromatopelma cyaneopubescens oder Psalmopoeus cambridgei sind seine Lieblinge - Simon Weiland züchtet Vogelspinnen. Mit dem Arachno-Hobby verdient der Gymnasiast sogar Geld. Nur leider sind manche Achtbeiner "sehr aggro".

Von Kathrin Streckenbach


Simon nimmt eine Pinzette in die Hand und stupst langsam und ganz vorsichtig die Vogelspinne an. Kaum berührt das Metall die Härchen an ihrem Körper, richtet sie sich drohend auf und streckt die Beine in die Luft. "Eine Lasiodora parahybana", sagt Simon und spricht den komplizierten Namen aus, als sage er ihn hundertmal am Tag. "Kein Problem", sagt er, "Englischvokabeln finde ich schwieriger."

Simon Weiland, blonde Haare, gestreifter Pulli, lebt in Wangen im Allgäu und geht aufs Wirtschaftsgymnasium. Wenn man ihn fragt, was er später mal machen will, zuckt er grinsend mit den Schultern: "Noch alles offen."

Doch wenn Simon von seinen Vogelspinnen spricht, klingt er wie ein erfahrener Profi, kennt Namen, Arten, Preise, Trends - von Ratlosigkeit keine Spur.

Der 16-Jährige greift nach der nächsten Box im Regal und öffnet den Deckel. "Das ist eine Chromatopelma cyaneopubescens, ein Weibchen." Die Schachtel ist voll mit Efeublättern, ein dichtes Netz aus Spinnweben zieht sich von einer Seite auf die andere. Und in der Ecke sitzt sie: die Vogelspinne. Rund fünf Zentimeter lang, mit schwarzen Haaren, grünblauen Beinen und einem rotem Hinterteil - sie sieht ein wenig angespannt aus, als läge sie auf der Lauer.

Dass sich andere vor den Spinnen ekeln oder gar fürchten, kann Simon kaum nachempfinden. Auch wenn manche Tiere "aggro" sind, wie Simon sagt, die Bisse sind in der Regel harmlos - nur eben schmerzhaft. Für die Tiere begeistert er sich sichtlich: Sein Zimmer hängt voller Spinnenposter, auf dem Schrank vor seinem Bett stehen zwei kleine Holzkästen mit alten Spinnenhäuten. Und im Regal neben dem Schreibtisch reiht sich Terrarium an Terrarium.

Erst ein Skorpion, dann Vogelspinnen

Erwacht ist Simons Leidenschaft für die Vogelspinnen vor drei Jahren. Er wollte Haustiere haben, aber ein Hund oder eine Katze kamen wegen seiner Tierhaar-Allergie nicht in Frage, und seine Schildkröte langweilte ihn irgendwann. Also musste etwas Spannenderes her. Nach einem Skorpion, der nach einem halben Jahr krank wurde und einging, versuchte Simon es mit seiner ersten Vogelspinne - einer Grammostola rosea, einer rötlich gefärbten Art aus Chile.

Davor informierte sich Simon allerdings sehr genau darüber, was bei der Haltung einer Vogelspinne auf ihn zukommt. Er las Bücher, schaute sich Filme an und informierte sich über artgerechte Haltung und das Gestalten der Terrarien.

Und irgendwann packte ihn so richtig das Spinnenfieber. Der ersten Vogelspinne folgten weitere, mittlerweile besitzt Simon über 50 Tiere. In Glas-Terrarien und Plastikboxen stehen sie an der Wand, jede Spinne hat ein speziell für ihre Bedürfnisse eingerichtetes Zuhause. Mit viel Sorgfalt achtet Simon auf die richtige Temperatur und Umgebung der Spinnen.

Nur eines bekommen sie bei ihm nicht: einen Namen. "Das ist ja nicht wie bei einem Hund oder einer Katze", sagt Simon und grinst. "Ich habe ja keine persönliche Beziehung zu den Tieren." Sie sind für ihn zugleich Hobby- und Geschäftsobjekt. Denn Simon ist inzwischen ein professioneller Züchter. Auf Börsen und im Internet verkauft er seinen Spinnen-Nachwuchs und finanziert sich so sein ungewöhnliches Hobby - und das lohnt sich.

Je nach Seltenheit und Alter der Spinne zahlen Liebhaber schon mal bis zu 150 Euro für ein Tier. "In meinem Regal stehen rund 700 Euro", sagt Simon. Die Haltung der Spinnen ist dagegen relativ günstig. Das Futter - Grillen, Schaben und andere Insekten - züchtet Simon selbst. Und da Vogelspinnen sehr genügsam sind, braucht Simon auch nicht lange, um sie zu pflegen: "Eine halbe Stunde pro Woche für alle Tiere. Mehr nicht. Außerdem kommen die Tiere auch mal gut zwei Wochen ohne mich aus."

Seinen Vater hat er schon angesteckt

Und sollte er doch mal jemanden brauchen, der sich um die Tiere kümmert, steht Simons Familie hinter seinem Arachno-Hobby. "Die haben kein Problem mit den Spinnen, genauso wenig wie meine Freunde", sagt Simon. Seinen Vater hat er inzwischen sogar schon angesteckt: Drei Spinnen hat er bereits von Simon übernommen.

Doch Simon stößt auch immer mal wieder auf Leute, die mit seinem Hobby nicht so gut zurechtkommen. Vor gut einem Jahr, als er noch auf der Realschule war, hielt er ein Referat über Vogelspinnen - und brachte drei davon kurzerhand mit in die Schule, zu Anschauungszwecken. "Eine der Prüferinnen hatte eine solche Angst vor Spinnen, dass sie einen riesigen Bogen um meinen Tisch gemacht hat", erzählt er.

Simon muss lachen, wenn er daran denkt. Er greift nach einer weiteren Plastikbox, holt eine Grille heraus und legt sie in die Mitte des Spinnennetzes, ein paar Zentimeter von der Vogelspinne entfernt. Nichts passiert. "Wir müssen warten", sagt er, bis sich die Grille bewege.

Schon schießt die Spinne aus der Ecke, greift die Grille an und stößt ihre Zähne hinein. Simon zuckt nicht mal mit der Wimper. Fasziniert beugt er sich nach vorn. "Sie zerkaut das Heimchen nicht einfach", sagt er und deutet auf die Klauen der Spinne. "Damit pumpt sie Verdauungssaft in das Insekt und zersetzt das Innere." Zum Schluss braucht die Spinne ihre Beute nur noch auszusaugen - als selbst zubereiteten Cocktail.

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