Schule für Dauerschwänzer Letzte Chance vor dem Nichts

In Marvins Klasse gibt es für 16 Schüler nur zwölf Tische: Es kommen sowieso nicht alle zum Unterricht. Trotzdem ist das Schulprojekt "2. Chance" für notorische Schulverweigerer ein Erfolg.

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Marvin* hat die Kapuze seines blauen Pullovers tief ins Gesicht gezogen und kippelt in der letzten Reihe auf seinem Stuhl hin und her. Zwei Reihen vor ihm döst Lukas* vor dem Lehrerpult unter seiner roten Kapuze. Die Plätze neben ihm sind frei.

Schultaschen gibt es nicht, und die Tische sind leer - abgesehen von ein paar Handys. "An einer richtigen Schule werden Handys einkassiert", stellt Jamila* in der zweiten Reihe später fest. "Aber das hier ist ja keine richtige Schule."

Die Schule, die nicht wie eine wirkt, heißt "Schulverweigerung - Die 2. Chance". Für die Schüler steht sie am Ende eines schwierigen Bildungswegs. Wer hier hin kommt, hat bereits wochenlang geschwänzt oder den Unterricht durch Stören oder Teilnahmslosigkeit verweigert. "Nach uns kommt nichts mehr", sagt Thomas Juhl, Leiter des Bildungs- und Beratungszentrums Billstedt (ReBBZ), der das Projekt für Schulverweigerer ab Klasse acht 2006 mitinitiiert hat.

Klassenraum der 2. Chance
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Klassenraum der 2. Chance

Der Dimension des Problems kann man sich nur annähern, einheitliche bundesweite Statistiken zum Schwänzen gibt es nicht.

Berlin zählt die Fehltage in Jahrgangsstufe 7 bis 10. Demnach haben fast 18 Prozent der Schüler 2015/2016 bis zu zehn Tage unentschuldigt gefehlt, gut 1,5 Prozent zwischen elf und 20 Tagen.

In Hamburg mit seinen rund 180.000 Schülern ist die Zahl der Hausbesuche ein Indiz. Wer in einem Monat drei Tage unentschuldigt fehlt, bekommt Besuch. 1810 Mal rückten Lehrer im Schuljahr 2015/2016 aus. Im Vorjahr waren es nur 372. Der Hamburger Senat sagt , der Anstieg zeige, dass die Lehrer die Besuchsvorgabe besser umsetzten.

Bei Marvin wurde eine Schulsozialarbeiterin aktiv. Nur einmal die Woche sei er im Vorjahr zur Schule gegangen, sagt der 15-Jährige. An den anderen Tagen habe er sich um seine sieben jüngeren Geschwister gekümmert. Das Jugendamt sorgte schließlich dafür, dass er in eine Wohngruppe zog. Doch in seiner Stadtteilschule hatte er den Anschluss längst verloren.

"Schuleschwänzen steht leider oftmals am Anfang des Weges hin zu einem Schulabbruch", erklärt das bayerische Kultusministerium. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, ist zuletzt wieder gestiegen.

Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss

Land 2005 2010 2013 2015
Baden-Württemberg 6,9 5,2 4,7 5,0
Bayern 7,5 5,6 4,5 4,8
Berlin 10,0 10,5 8,2 11,2
Brandenburg 9,3 9,8 8,0 7,9
Bremen 10,6 6,7 7,3 7,2
Hamburg 11,0 8,3 4,6 5,8
Hessen 7,9 6,2 4,9 4,1
Mecklenburg-Vorpommern 10,7 13,8 10,4 8,4
Niedersachsen 8,8 5,9 5,0 5,2
Nordrhein-Westfalen 7,0 6,0 5,9 5,9
Rheinland-Pfalz 7,2 5,8 5,4 6,3
Saarland 8,4 5,4 5,2 4,7
Sachsen 9,4 9,5 9,6 7,9
Sachsen-Anhalt 11,4 12,6 9,8 10,6
Schleswig-Holstein 9,5 7,1 7,3 7,4
Thüringen 7,8 8,6 7,7 7,5
Bundesweit 8,1 6,5 5,7 5,9

Quelle: Kultusministerkonferenz

Sachsen-Anhalt, neben Berlin Schlusslicht in der Statistik der Schulversager, weist den Zusammenhang zurück: "Eine derartige Korrelation lässt sich nicht herleiten."

Das Problem Schulverweigerung ist den Ministerien aber bewusst. Reintegrationsklassen für Schulschwänzer gehören vielerorts zur Grundausstattung. Und immer mehr Bundesländer arbeiten an einem Frühwarnsystem.

Berlin informiert Schulen seit 2015 über den einheitlichen Umgang mit Schulverweigerern, Mecklenburg-Vorpommern hat seit Beginn des Schuljahrs ein Sieben-Punkte-Programm. Ein Leitfaden gibt vor, wie Lehrerinnen und Lehrer auf Fehlzeiten reagieren sollen. Am Anfang der Kette: am zweiten unentschuldigten Fehltag die Eltern kontaktieren.

"Niemand hält die Füße still, bevor wir nicht wissen, wo ein Kind ist"

In Hamburg ist die Eingriffsschwelle niedriger: "Niemand hält die Füße still, bevor wir nicht wissen, wo ein Kind ist", sagt Thomas Juhl. Eltern von Grundschülern müssen spätestens nach der großen Pause informiert werden, ältere im Laufe des Tages. Das gibt die "Handreichung zum Umgang mit Schulpflichtverweigerern" vor.

Der Tod der siebenjährigen Jessica 2005 habe bei den Behörden zum Umdenken geführt, sagt Juhl. Damals reagierten weder Schulbehörde noch Jugendamt schnell genug, als das Kind nicht eingeschult wurde. Jessica wurde von ihren Eltern eingesperrt - und verhungerte, noch bevor die Mahnfrist für ein nicht gezahltes Bußgeld verstrich.

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Schulverweigerer: Die Schule, die nicht wie eine wirkt

Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe und Jugendamt ist seitdem sichtbar gut. Um zwei Kaffee- und Teekannen hat Juhl einen Vertreter der freien Träger, den stellvertretenden Chef des Jugendamts Mitte, eine Sozialarbeiterin und einen Sonderpädagogen zusammengeholt. "Wir haben aufgehört, in verschiedenen Zuständigkeiten zu arbeiteten, sondern in einer gemeinsamen Verantwortung", sagt Juhl.

Dieser deutschlandweit einmaligen Kooperation sei es zu verdanken, dass es die 2. Chance in Billstedt noch gibt. 2013 lief die Förderung von Bund und Europäischem Sozialfonds aus. Wie viele der bundesweit 190 Standorte aus eigener Kraft weitermachten, hat das Familienministerium nicht verfolgt - trotz desguten Evaluationsberichts. In Hamburg, sagt Juhl, sprang das Jugendamt bei der Finanzierung ein.

Die Schüler müssen die Nachfragen aushalten. Jeden Tag

16 Plätze hat die 2. Chance - auch wenn im Klassenraum im beigegrau geklinkerten Flachbau nur zwölf Tische stehen. Manche Schüler gehen schon wieder auf eine Regelschule, andere kommen auch hier nicht zum Unterricht. Für Letztere klemmt sich Vera Koritensky noch vor Unterrichtsbeginn ans Telefon. Als Case Managerin ist sie so etwas wie die Schulleitung der 2. Chance. Hilfs-, Krisen- und Konfliktgespräch mit Schülern, Eltern, Jugendamt und Polizei - bei ihr läuft alles zusammen.

Marvin vor dem Schulgebäude in Hamburg-Billstedt
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Marvin vor dem Schulgebäude in Hamburg-Billstedt

"Die Schüler müssen es aushalten, dass ich sie jeden Tag, den sie zu spät kommen, frage: Was war heute Morgen, warum hast du es nicht geschafft, was war los? Auch in der Klasse sprechen wir das an."

Das nerve die Schüler, zeige ihnen aber auch: Hier interessiert sich wer für dich, sagt Koritensky. "Die Schüler kommen wieder zum Unterricht, weil wir ihnen zuhören und Zeit für sie haben."

An diesem Montagmorgen sitzt Claudia Rothfuß vor der kippelnden und dösenden Klasse. "Klassische Unterrichtseinheiten funktionieren nicht, weil es keine Konstante gibt", sagt die Haupt- und Realschullehrerin. Kurz nach Beginn der ersten Stunde um 10 Uhr sind gerade mal sechs Schüler da, um 10.27 Uhr stößt die siebte dazu.

Das Grundproblem: "Sie denken alle, sie können nichts"

Auf dem Stundenplan steht Mathe, doch nach fünf Minuten Kopfrechnen tönt es aus der letzten Reihe: "Können wir bitte über unser Wochenende reden?"

Marvin zählt auf: geschlafen, Playstation gespielt, geschlafen. Sein Tischnachbar sagt: keine Lust. Die Berichte gehen weiter über Friseur- und Onkelbesuche zu einer Hochzeit und enden bei Lukas in der ersten Reihe, der schließlich doch den Kopf hebt. Der 13-Jährige sagt, er war am Wochenende bei der Jugendfeuerwehr und hat sein erstes Abzeichen gemacht. Einer klatscht.

Lukas vor dem Lehrerpult
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Lukas vor dem Lehrerpult

Das Grundproblem ihrer Schüler, sagt Rothfuß: "Sie denken alle, sie können nichts." Dabei seien die Jugendlichen oft wie Marvin: kognitiv normal, aber in der Regelschule abgehängt. Rothfuß sieht ihre Aufgabe eher darin, soziale Kompetenzen und Selbstbewusstsein zu vermitteln als Mathe und Deutsch. Ein Jahr lang ein positives Bindungsangebot, das sieht sie schon als Erfolg.

"Die Schüler landen hier, weil sie anderswo nicht gesehen werden", sagt Rothfuß. Das Frühwarnsystem der Stadt sei in der Theorie gut, sagt die Lehrerin, die auch an einer Gesamtschule unterrichtet, doch die Umsetzung ein Problem. Die Schulleitung vermittele die Aufgaben nicht ausreichend an neue Kollegen - und für die Lehrer seien sie ohnehin zu viel. Hausbesuche wolle kaum einer machen, schon gar nicht allein. Und manch einer sei froh, wenn schwierige Kinder fehlten. Mit ihnen sei der Unterricht nur schwer zu ertragen.

"Die Wut entsteht, wenn die mich beleidigen"

Lukas passt in dieses Muster. Er habe in der Schule zu viele Probleme gemacht, sagt er selbst. Scheiben eingeschlagen, Lehrer gehauen, Mitschüler bedroht. Er sei gemobbt und provoziert worden: "Die Wut entsteht, wenn die mich beleidigen."

Bei der 2. Chance hat er seine Wut besser im Griff. "Wenn jetzt irgendwas ist, gehe ich einfach raus aus der Klasse", sagt er. "Hier nehmen sich die Lehrer Zeit, setzen sich für uns ein. An der alten Schule war das eigentlich nicht so."

Das System Schule müsste sich mehr auf die Schüler einstellen, fordert Rothfuß, statt andersherum. Lehrer und Sozialarbeiter in Hamburg und Berlin stimmen ihr zu: Mehr Ressourcen, individuelle Förderung, anders bekomme man das Problem nicht in den Griff.

Marvins Jacke hängt über dem Stuhl im Klassenzimmer
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Marvins Jacke hängt über dem Stuhl im Klassenzimmer

In Billstedt ist nach nur drei Stunden Unterrichtsschluss. Marvin schnappt sich seine Jacke vom Stuhl, doch einer der Sozialarbeiter hält ihn kurz zurück. Die Hafenbehörde habe sich gemeldet, das Praktikum in der Binnenschifffahrt sei gebongt.

Marvin sagt nüchtern: gut. Dabei kommt er seinem Berufswunsch einen Schritt näher. Er möchte irgend etwas auf See machen: "Das ist Familientradition."

Eigentlich brauche er dafür einen Realschulabschluss. Überzeugt, dass er es schafft, wirkt er noch nicht. Er will noch ein Jahr hier bei der 2. Chance sein. "Weil es hier gut ist", sagt Marvin. "Ich habe nur noch diese Chance."

*Namen der Schülerinnen und Schüler geändert

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Seite 1
andrasy 30.07.2017
1. Schlecht recherchiert
"Nach uns kommt nichts mehr", sagt Thomas Juhl, Leiter des Bildungs- und Beratungszentrums Billstedt (ReBBZ). Falsch. Unter anderem gibt es die Lernpsychotherapie, wo Schulverweigerer - mit Genehmigung inklusive Bezahlung vom Jugendamt - beschult werden. Stationär und ambulant. Wo die tatsächlichen Ursachen des Schwänzens angegangen werden. Ohne leere Tische und mit Schulabschluss: www.schultz-hencke-haus.de/ziele.htm Schuleschwänzen ist nicht nur das persönliche Problem eines Kindes. Die Problemkinder von heute sind die Mütter und Väter von morgen – ohne Werte, ohne eine Ahnung vom Menschsein. Wenn wir ihnen mit schlecht recherchierten Artikeln die Hoffnung, die sie tatsächlich haben – und damit unsere Gesellschaft – auch noch wegschreiben: Ist das guter Journalismus?
dondon 30.07.2017
2. Konzept Hauptschule
Das Dreigliedrige Schulsystem ist in seiner jetzigen Form nicht mehr optimal. Vor allem müsste sich bei der Hauptschule folgendes ändern: 1. Deutlich geringere Klassengrößen. Eine Klasse sollte hier als Messzahl 9 bis 17 Kinder haben. 2.sollte das Klassenlehrerprinzip eingeführt werden. Also weg vom Fachunterricht. Die Hauptschulen würden nach diesem Konzept aufblühen. Lehrer wie Schüler hätten Freude, der Stellenwert in der Gesellschaft und bei den Eltern würde deutlich steigen, ebenso die Anzahl der Schulabschlüsse. Firmen würden Hauptschüler wieder mehr akzeptieren, die Motivation und das Selbstwertgefühl bei den Schülern wäre höher und die Abbrecher-/ Schwänzerquote deutlich niedriger. Nachteil: Es kostet mehr Geld. Die Vorteile wären aber unbezahlbar!
bwk 30.07.2017
3. Traurig aber wahr
Ca. 5-6% der Schüler verlassen die Hauptschule ohne Abschluß. Wie kann das sein? Anstatt unsere Steuergelder in 16(!) Kultusministerien zu verpulvern, die sich in zahllosen Kultusministerkonferenzen schöne Vorträge anhören, sollte das Geld und wenn nötig mehr in die frühkindliche Förderung von Kindern aus sozialschwachen und bildungsfernen Familien ausgegeben werden. Dieses Geld wäre gut angelegt, verzinst sich aber erst nach einer Generation. Zu lang, als das sich unsere Politiker dafür einsetzen würden.
olli0816 30.07.2017
4. Es gibt keine guten Lösungen
Auch wenn es hart klingt, ein kleiner Prozentsatz ist nicht für die Schule bestimmt. Die Bemühungen des gesonderten Unterrichts werden vielleicht bringen, dass einer von fünf den Hauptschulabschluß macht und den auch mehr schlecht als recht. Aber wenn man mal schaut, wie schwer sich heutzutage bessere Hauptschüler tun, auch nur eine einfache Lehrstelle zu bekommen, dann schaut es bei den ganz schlechten Hauptschülern genauso düster aus wie bei denen ohne Abschluß. Da bringen auch kleine Klassen nicht viel. Diese These mit den kleinen Klassengrößen wird immer gerne genannt, aber Untersuchungen haben ergeben, dass dort die Ergebnisse auch nicht besser sind. Und reden wir mal mit den Hauptschülern, die es nicht schaffen, eine Lehrstelle zu finden, weil die Kenntnisse nicht reichen, dass sie ein Betrieb einstellen möchte. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass ein einstelliger Prozentsatz von Menschen für das normale Arbeitsleben schlicht nicht gemacht sind. Ich habe das selber lange nicht glauben wollen, aber eigene Erfahrungen mit Praktikanten aus der Hauptschule, die eine Woche bei uns gearbeitet haben, zeigten mir, dass es für beide Seiten besser ist, kein Arbeitsverhältnis einzugehen. Warum akzeptieren wir das nicht einfach? Wenn jemand tatsächlich im späteren Alter noch Motivation bekommt und von sich aus beschließt, vernünftige Abschlüße (Hauptschulabschluß ist ein Alibiabschluß) zu erwerben, wird er sich auch im Arbeitsmarkt integrieren können. Aber mit Zwang oder nur gutem Zureden ohne Motivation des Individuums werden keine Ergebnisse erzielt. Das Problem sitzt zwischen den Ohren. Und wenn nicht genügend da ist, keine Antriebskraft (da sind immer die anderen schuld) oder einfach interessenlos und faul wird es trotz größtem Bemühens nicht gelingen, jemanden zu Leistungen zu bekommen. Ich kannte selber ein paar in meiner Jugend, die dann in den Ersatzklassen geparkt wurden, weil keine Ausbildungsstelle und damit sie untergebracht sind. Ist OK, kann man machen. Aber gebracht hat es nichts, für keine Seite.
Stäffelesrutscher 30.07.2017
5.
»Bei Marvin wurde eine Schulsozialarbeiterin aktiv. Nur einmal die Woche sei er im Vorjahr zur Schule gegangen, sagt der 15-Jährige. An den anderen Tagen habe er sich um seine sieben jüngeren Geschwister gekümmert.« Das dürften ungefähr fünf bis sieben zu viel sein.
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