SPIEGEL ONLINE

Siebenjähriger organisiert Demo gegen Handys Emil und die nervigen Smartphones

Dass seine Eltern so oft aufs Smartphone schauen, nervte den siebenjährigen Emil. Deshalb hatte er die Idee, eine Kinderdemo gegen Handys zu organisieren. Nun überrollt der Ansturm seine Familie.

Zwei Männer hat Martin Rustige, 37, angeheuert, um seinen Sohn Emil zu schützen. Einer ist Emils Opa, ein "breiter Typ". Der andere ist Emils Patenonkel. Am liebsten hätte Rustige noch zwei weitere informelle Bodyguards am Start. Sicher ist sicher.

Die Männer sollen dafür sorgen, dass Emil, 7, an diesem Samstag nicht von Reportern abgefangen und vor Kameras gezerrt wird, in die er nicht sprechen will. "Ich will mir hinterher nicht vorwerfen müssen, das unterschätzt zu haben", sagt Martin Rustige.

Fotostrecke

Siebenjähriger plant Demo: "Flugmodus an, jetzt bin ich dran!"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Denn Emil hatte eine Idee, die auf so viel Anklang trifft, dass es der Familie in diesen Tagen manchmal bang wird: Er wollte eine Demo organisieren, um gemeinsam mit anderen Kindern dagegen zu protestieren, dass Erwachsene ständig auf ihre Handys gucken.

Die Demo findet nun an diesem Samstag ab elf Uhr in Emils Heimatstadt Hamburg statt. Motto: "Spielt mit MIR! Nicht mit Euren Handys!" Die Einladung steht seit Mitte August bei Facebook . Von der Feldstraße bis zum Lindenpark soll es gehen, mit Abschlusspicknick und Spielen im Park.

Emil hatte die Idee, nachdem er vor mehr als drei Monaten mit seinen Eltern und seiner vierjährigen Schwester Lotta beim "Lauf gegen Rechts" dabei gewesen war, einer Aktion gegen Rechtspopulismus und Fremdenhass. Seine Tante hielt dort eine Rede und Emil merkte, dass viele mehr bewirken können als einer.

"Papa hat nur auf sein Handy geguckt"

Ein Thema, das in Emils Welt viele bewegt: Erwachsene und ihre Handys. Emil kann auf Anhieb mehrere Szenen erzählen, in denen Papas Smartphone störte. "Auf dem Spielplatz wollte ich mit meinen Freunden spielen", erinnert er sich. "Die haben mich aber nicht mitspielen lassen. Da wollte ich mit Papa spielen, der hat aber nur auf sein Handy geguckt."

Emil fragte seine Mutter, angehende Fachärztin für Psychotherapie in einer renommierten Hamburger Klinik, ob er eine Demo machen dürfe. Sie sagte Ja. Emil soll sich für etwas stark machen dürfen, das ihm wichtig ist, findet Lisa Rustige.

So begannen für Familie Rustige Sommerwochen, die aufregend und anstrengend zugleich sind, weil sie aus einem blonden Hamburger Jungen, der gern Fußball und Lego spielt, das Titelgesicht eines Kampfes machten, den Eltern und Kinder bundesweit und täglich führen.

Im Juni veröffentlichte das US-Fachjournal "Pedriatic Research" eine Studie, wonach die Eltern-Kind-Beziehung unter exzessivem Handykonsum leide. Wenn Eltern viel Zeit mit digitalen Medien oder vor dem Fernseher verbringen, seien Kinder eher frustriert, hyperaktiv, jammerten, schmollten oder reagierten mit Wutanfällen, berichteten die Forscher.

Augsburg und Rostock  sind nur zwei der Orte, in denen in den vergangenen Monaten öffentliche Kampagnen mehr Eltern für das Thema sensibilisieren sollten. "Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?", stand Anfang 2017 zum Beispiel auf Plakaten und Postkarten in Rostock. Der Berliner Senat hat eine ähnliche Offensive vor einigen Tagen angekündigt .

Emils Idee trifft also einen Nerv. Und so ist es nicht allzu erstaunlich, dass er und seine Eltern mit Presseanfragen geradezu überschwemmt werden. Nur, wie geht man als Familie damit um?

Auf einem Trampolin hüpft Emil unter einem Kastanienbaum mit seinen drei Kumpels auf und ab, bis sich ihre Wangen röten. Der Wind treibt welke Blätter raschelnd übers Gras, die Kinder jauchzen, die Plakate, die sie noch basteln sollten, liegen unbeachtet auf dem Gartentisch.

Martin Rustige ist zufrieden, dass sie immerhin ein paar der Sprüche auf bunte Pappen gekritzelt haben, die er sich vorhin auf dem Heimweg in der Bahn ausgedacht hat. "Wirf mich wek", steht in krakeliger Kinderschrift auf einem selbstgemalten Handybildschirm, und "Flugmodus an, jetzt bin ich dran".

Plakate für die Demo

Plakate für die Demo

Foto: SPIEGEL ONLINE

Emil hat für Samstag auch einen Schlachtruf: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr nur aufs Handy schaut." Sein Patenonkel habe sich den Spruch ausgedacht, sagt er. Das Plakat, auf dem die Demo angekündigt wird, hat eine befreundete Grafikdesignerin gemacht. Emils Eltern haben bei Polizei und Bezirksamt angerufen, um den Marsch anzumelden.

Ist das also noch Emils Demo? Oder sind es eigentlich Erwachsene, die hier unter dem Deckmantel kindlicher Empörung ein gesellschaftlich höchst relevantes Thema vorantreiben? Oder ihren Sohn als kleinen Macher inszenieren, um ihm später zu besseren Karrierechancen zu verhelfen?

Emils Vater, von Beruf Kinderarzt, antwortet auf solche Fragen besonnen und humorvoll. "Ich bin ja der, der bei der Demo ganz hinten gehen wird - mit gebeugtem Haupt. Weil ich ja der bin, über den er sich beschwert." Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde Emil wohl eher für eine bessere Flüchtlingspolitik demonstrieren.

Martin Rustige

Martin Rustige

Foto: SPIEGEL ONLINE

Doch die Eltern wollten Emils Idee ernst nehmen - und sie bis zum Ende mit ihm gemeinsam durchspielen.

Engagement gehört bei den Rustiges zum Alltag. So war auch Emil in der ersten Klasse bereits stellvertretender Klassensprecher. Er sei etwas geknickt gewesen, als er dieses Jahr nicht wiedergewählt wurde, sagt sein Vater.

Es war klar, dass Emil die Organisation einer Demo nicht allein würde stemmen können. Nun, einige Tage davor, stellt sich jedoch die Frage, wie viel ihm davon überhaupt noch zuzumuten ist.

Reporter von "Zeit" und "Abendblatt" waren schon in der Altbauwohnung der Rustiges im schicken Stadtteil Eppendorf, wo es Pflaumen-Streusel-Kuchen gibt und Kinder aus Decken Höhlen bauen dürfen. Nun kommt das dritte Journalistenteam. "Die Presse nervt eigentlich immer", stöhnt Emil zur Begrüßung im Flur. Noch ein paar Fotos mit einem Demo-Plakat, zum Abschied? Na gut. "Aber nur zwei."

Emils Eltern haben sehr viele Journalisten abgewimmelt. Der NDR darf noch rein - und am Samstag die Leute vom Kika. Und wenn die Demo vorbei ist, so hofft Emils Vater, kehrt wieder etwas Ruhe bei der Familie ein. "Ich bin froh, wenn wir mal wieder ein paar coole Kindersachen machen können", sagt er. Fußball spielen oder Brettspiele zum Beispiel.

Er wird sich dann besser überlegen, ob er zwischendurch aufs Handy schaut. Meistens gehe es ja gar nicht um dringende Dinge, sagt Martin Rustige. In seinem Bekanntenkreis hätten sich einfach alle zu sehr daran gewöhnt, auf Nachrichten sofort zu antworten.

Wenn seine Frau abends nach Hause kommt, legt sie neuerdings ihr Smartphone im Flur ab - und benutzt es danach nur noch dort und nicht mehr in den anderen Räumen der Wohnung. Sie sagt: "Mal sehen, wie lange ich durchhalte."