Hamburger Feedback-Initiative Schüler sollen Lehrer anonym bewerten

Wie war ich? Wenn Hamburger Lehrer das nach ihrem Unterricht wissen möchten, können sie sich künftig Feedback holen - am Computer, von ihren Schülern.

Schülerin im Unterricht: Bald kann sie ihrem Lehrer online Feedback geben
Daniel Karmann / DPA

Schülerin im Unterricht: Bald kann sie ihrem Lehrer online Feedback geben

Von Danielle Dörsing


Darf ich im Unterricht Fehler machen? Hilft mir mein Lehrer, wenn ich nicht gleich die richtige Antwort weiß? Fühle ich mich im Unterricht wohl? Das sind drei von insgesamt bis zu 56 Fragen, die Hamburger Schüler künftig beantworten sollen - um ihren Lehrern Feedback zu geben.

Auf ihren Handys oder am Laptop können sie über eine Internetplattform aus vier Antworten wählen, von "trifft voll und ganz zu" bis "trifft überhaupt nicht zu". Die Rückmeldung wird dann durch ein Computerprogramm analysiert, danach bekommt der Lehrer auf Knopfdruck die Ergebnisse angezeigt.

Von einer "blitzschnellen und klaren Wertung" spricht Ties Rabe (SPD), Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung, bei der Vorstellung des Projekts. Das Ziel: Lehrkräfte sollen die Hinweise nutzen, um ihren Unterricht zu verbessern.

"Mutig und ohne Angst Feedback geben"

Etwaige Bedenken will der Senator entkräften: Die Rückmeldung erfolge selbstverständlich anonymisiert, sagte Rabe. "Die Schüler sollen mutig und ohne Angst Feedback geben." Sobald die Bewertung vom Lehrer freigeschaltet wird, können die Schüler einmal bewerten - im Nachhinein ändern ist nicht möglich.

Die Plattform, die den Angaben zufolge bereits in Berlin und Brandenburg erfolgreich getestet wurde, soll am 25. September online gehen. Bisher hätten sich 39 Hamburger Schulen bereit erklärt, am Pilotprojekt teilzunehmen, darunter auch eine Sonderschule und mehrere Grundschulen.

Eine Mindestanzahl von teilnehmenden Schülern und Lehrern gebe es nicht, das Projekt sei "keine Zwangsveranstaltung", so Rabe. Die Behörde setzt vielmehr stark auf Freiwilligkeit - und will allen Teilnehmern viel Freiraum lassen.

Lehrer können selbst entscheiden, ob sie ihren Klassen über die Plattform alle vorgeschlagenen Fragen stellen, nur bestimmte auswählen oder Fragen hinzufügen wollen. Auch der Zeitraum, der evaluiert werden soll, kann individuell angepasst werden. Lehrer können die Fragen außerdem für sich selbst beantworten - und die Selbsteinschätzung dann mit der ihrer Schüler vergleichen.

"Wir wollen keine Überwachung"

Bloßgestellt werden soll dabei niemand. Das Feedback sei nur für die Lehrkraft bestimmt, sagte Rabe. "Wir wollen keine Überwachung." Es gebe aber die Möglichkeit, die Ergebnisse mit denen von Kollegen zu vergleichen. Teilnehmende Lehrer sollten bereit sein, sich kritischen Kommentaren zu stellen: "Wir möchten eine Möglichkeit bereitstellen, damit Lehrer und Schüler über ihre Rollen und die eigenen Lernerfolge nachdenken können."

Dafür soll auch der Unterricht herhalten: Dem Bildungssenator zufolge soll der Fragebogen Anlass geben, die Bewertung der Schüler in der Schule zu diskutieren. Bevor die Fragebögen von den Lehrern freigeschaltet werden, sollen sie bestenfalls schon mit ihren Schülern gesprochen haben - und dies hinterher ebenfalls tun, zur Reflexion.

"Wenn die Lehrer danach einen wacheren Blick haben, sind die Stunden doch gut angelegt", meint Rabe. Prinzipiell gelte aber auch hier: Die Schulen entscheiden selbst, wie viel Zeit sie dem Projekt einräumen wollen.

Lehrerverband sieht keinen Sinn in dem Projekt

Der Hamburger Lehrerverband zeigt sich skeptisch. "Die Frage, die bleibt, ist: Wie privat kann die Behörde das Projekt gestalten?", sagte der Vorsitzende Helge Pepperling dem SPIEGEL. "Wir haben große Bedenken bei der Datenmenge, die dort erhoben wird. Auch wenn die Daten am Anfang nicht weitergegeben werden sollen, sind sie trotzdem vorhanden und könnten zweckfremd benutzt werden."

Pepperling sieht keinen Sinn in dem Projekt: "Die Kriterien, mit denen die Fragen arbeiten, sind sehr grob und bleiben oberflächlich. Man kann die menschliche Ebene von Unterricht mit so pauschalierten Fragen nicht erfassen", findet der Lehrer. Wer einen guten Draht zu seinen Schülern habe, suche ohnehin das persönliche Gespräch. "Und wer an Feedback nicht interessiert ist, wird es auch über so eine Plattform nicht einholen."

Rabe dagegen erwartet, dass sich viele Menschen an dem Projekt beteiligen werden - zumindest viele Schüler: "Das ist ein wichtiges Signal der Einbeziehung. Schülerinnen und Schüler fühlen sich so in ihrer Rolle bestärkt. Sie wissen am besten, wie guter Unterricht aussehen sollte."

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
primirp 30.08.2019
1. und dann?
Lehrer, denen die Bewertungen wichtig sind machen nur noch Kasperle-theater und Filmnachmittag damit die Bewertungen stimmen? lernen fängt in der Regel dann an, wenn man die Schüler aus ihren Wohlfühlzonen rauskitzelt
c-5 30.08.2019
2. unterschätzt
@primirp Da unterschätzen Sie die Schüler aber gewaltig.
mcmercy 30.08.2019
3. Gute Idee
Warum sollte das so sein. Es gibt immer Schüler, die an einem sinnvollen Unterricht interessiert sind und Lernen wollen. Die werden so ein Portal nutzen. Zum Unterricht gehören nunmal 2, derjenige der Spaß am Lehren hat und der, der Spaß am Lernen hat. Auf beiden Seiten gibt es natürlich auch das Gegenteil. Dummerweise werden nur die Schüler bewertet. Der Lehrer erbringt aber eine Dienstleistung, die sollte natürlich im Interessse der Qualität überwacht und verbessert werden. Leider ist Deutschland auch hier Entwicklungsland und der Beamtenstatus wenig förderlich. Und mit Filmnachmittagen können Sie heute keinen Schüler mehr beeindrucken, die haben alle Youtube und Burning Series.
isar56 30.08.2019
4. wäre interessant zu wissen
welche Konsequenzen ggf. folgen. In unserer ländlichen Gegend, wird ein Lehrer alle zwei Jahre versetzt, weil er nicht tragbar ist. Die Rektorin einer Grundschule erpresste und bedrohte telefonisch die Bevölkerung - ein Sportlehrer geht ins cafe während er seine Grundschüler unterrichten sollte. Ohne jegliche Konsequenzen, im Höchstfall erfolgen Versetzungen oder Frühpensionierung wegen einer Nervenkrise oder burnrouts. Solche Beamte bringen ihre Kollegen in Verruf, die sich zu Gunsten der Kinder engagieren. Für reflektierte und für konstruktive Kritik offene Lehrer mag es interessant sein - hoffentlich. Allerdings glaube ich eine Wanderung oder ein Schullandheimaufenthalt bringt mehr als Knopfdruckbewertungen. Viel Spaß liebe Kinder.
dasfred 30.08.2019
5. Zu Nr.1 primirp
Sie unterschätzen die Schüler. Diese können sehr wohl beurteilen, ob sie im Unterricht den Stoff nachvollziehbar vermittelt bekommen, ob sie Verbesserungsbedarf sehen und ob sie zum Lehrer ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen können. Untereinander bewerten die Schüler ihre Lehrer ständig. Da steht nicht unbedingt der an erster Stelle, der die meiste Bespaßung verspricht, sondern eher der bei dem sie selbst die größten Erfolge erzielen. Dieses Modell lässt viel Spielraum und sollte als Chance genutzt werden.
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