Hamburger Reformschule Unterricht als Baustelle

Kein starrer Stundenplan, kein 45-Minuten-Takt, nicht einmal feste Fächer - in Hamburg wagt eine ganz normale Gesamtschule kühne Experimente. Was, wann, wo und wie sie lernen, suchen sich die Schüler selbst aus. Und sie sind gern Versuchskaninchen.

Von Marion Schmidt


"Die Schule ist eine Baustelle", steht auf einem Schild im Foyer der Max-Brauer-Schule im Hamburger Stadtteil Altona. Dahinter sind rot-weiße Absperrbänder gezogen. Eine neue Schulkantine entsteht hier. Gemeint ist mit der Baustelle aber auch der Unterricht. Der soll anders sein, individueller, lebendiger, einfach besser. Damit alle Schüler die gleichen Chancen haben, nach Bedarf gefördert oder gefordert zu werden. Damit Erfolg in der Schule nicht, wie gerade die neue Auswertung des Pisa-Ländervergleichs offenbarte, vom Geldbeutel der Eltern abhängt.

Max-Brauer-Schule: Viel Platz für neue Ideen

Max-Brauer-Schule: Viel Platz für neue Ideen

Abi nur für Reiche? Von wegen. An der Max-Brauer-Schule besuchen rund 30 Prozent eines Jahrgangs die gymnasiale Oberstufe, darunter etliche Schüler aus sozial schwächeren Familien. "Eine bunte Mischung", sagt Schulleiterin Barbara Riekmann, "wir schaffen es, auch Kinder aus bildungsfernen Schichten zum Abitur zu führen" - ohne Gleichmacherei und ohne Leistungsverluste. Die Schule hat beim ersten Pisa-Test überdurchschnittlich abgeschnitten; etwa ein Jahr Vorsprung holen die Kinder bis zum neunten Schuljahr raus.

Aber darüber redet Riekmann nur ungern. Sicher freut man sich über so einen Erfolg an einer Schule, die unter schwierigen Bedingungen arbeitet. Das zeigt: Man braucht den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen. Aber viel mehr zählt, dass jeder einzelne Schüler seine Ziele erreicht. "Der Schüler", sagt Barbara Riekmann, "steht bei uns im Mittelpunkt".

Darum macht die Max-Brauer-Schule seit Beginn des Schuljahrs einen ganz neuen Unterricht, zunächst für die fünften Klassen, demnächst für alle. Neuer Unterricht heißt: Statt Fächer, Stundenplan, Klassenarbeiten und Zeugnissen gibt es Lernbüros, Kompetenzraster, Wochenarbeitspläne und Portfolios.

Der Gleichschritt ist passé

An den meisten deutschen Schulen stöhnen die Lehrer über böse Sachzwänge und den Klammergriff der Kultusbürokratie. An der Hamburger Gesamtschule wagen sie Experimente und schneiden den Unterricht ganz auf die Bedürfnisse und Begabungen jedes einzelnen Schülers zu. Was sie wann, wie und wie lange lernen wollen, entscheiden die Schüler selbst: "Wir haben uns vom Gleichschritt verabschiedet", sagt die Lehrerin Regine Bondick.

Morgens um neun, nach der Sportstunde, beginnt für die Fünftklässler das Lernbüro. Jedes Kind schnappt sich einen schwarzen Roll-Container mit Ordnern, Stiften, Papieren und schiebt ihn unter seinen Arbeitsplatz. Wie Job-Nomaden, die täglich ihren Schreibtisch wechseln, suchen sich die Schüler ihren Platz. Allein, zu zweit oder in einer Gruppe - alles ist möglich. Was in den nächsten 90 Minuten geschieht, was sie lernen, ist Sache der Schüler. Den starren Fächerkanon hat die Max-Brauer-Schule abgeschafft. Im Lernbüro sind Deutsch, Englisch und Mathematik vorgesehen.

Lern -Baustelle: Arbeitsplan für jeden

Lern -Baustelle: Arbeitsplan für jeden

Gelernt wird schon, der Leistungsfortschritt auch mit Übungen und Tests überprüft. Aber entscheidend ist nicht, was wie lange unterrichtet wurde - es zählt, was der Schüler am Ende des Jahres kann. Mit jedem Schüler machen die Lehrer am Anfang des Schuljahres und jeder Woche einen persönlichen Arbeitsplan. Alle Übungen und Leistungsnachweise werden dokumentiert auf einer Lern-Baustelle neben jedem Arbeitsplatz: zwei rot-weiß lackierten Holzlatten, darauf Zettel mit "Kompetenzrastern". Ein dicker schwarzer Punkt markiert den aktuellen Lernstand. Kleine gelbe und rote Punkte zeigen, was der Schüler schon alles geschafft hat, um die nächste Kompetenzstufe zu erklimmen.

Lennart, 10, findet es toll, "dass man sich aussuchen kann, was man machen will, und wir mehr Zeit haben für die Sachen". Seine Klassenkameradin Merle, 10, mag zwar kein Deutsch, erzählt sie, trotzdem weiß sie: "Man muss alles machen, sonst kriegt man keine Punkte." Die konsequente Individualisierung bedeutet aber nicht, dass hier Einzelkämpfer trainiert werden. Gegenseitige Unterstützung gehört zum Prinzip. Wer etwas besonders gut kann, hilft anderen. Wer etwas nicht verstanden hat, fragt den Lehrer oder lässt sich von Mitschülern helfen.

Schüler-Vielfalt als Chance

An der Max-Brauer-Schule dominieren keineswegs Kinder gut situierter Akademiker. Von den über 1200 Schülern sind fast 300 aus über 30 verschiedenen Nationen, die meisten aus der Türkei. Für etwa 40 Prozent der Kinder ist Deutsch nicht ihre Muttersprache. "Bei uns sitzt das Arztkind neben dem Kind aus einer Flüchtlingsfamilie, das Lehrerkind neben einem Kind, deren Eltern arbeitslos sind", so Schulleiterin Barbara Riekmann, "darüber kann man sich gar nicht genug freuen." Das meint sie sehr ernst und nimmt es als Bereicherung - hier wird nicht aussortiert, sondern zusammengehalten. Riekmann ist überzeugt: "Wenn man diese Vielfalt will, braucht sie ganz anderen Unterricht!"

Die Anmeldezahlen sind bemerkenswert hoch, das Konzept überzeugt die Eltern offenbar - und die Schulbehörde ebenfalls. Sie genehmigte einen Schulversuch und finanzielle Unterstützung. "Dies ist ein neuer Gesamtentwurf von Schule", erklärt Johannes Bastian, der das Experiment als Schulentwicklungsforscher an der Uni Hamburg wissenschaftlich begleiten wird, "die ganze Struktur des Lernen, des Unterrichts ist neu gedacht." Schon die Profiloberstufe und die Reformen in der Grundschule wurden gelobt. "Mir imponiert es, wie sich die Schule neu definiert", sagt Ernst Rösner vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung, "es imponiert mir noch mehr, weil sich die Veränderungen mit so viel Logik und Konsequenz aus Pisa begründen."

Die Max-Brauer-Schule zeigt: Es geht doch. Chancengleichheit, besserer Unterricht, mehr individuelle Förderung sind auch im bestehenden System möglich. Ohne Aussortieren, ohne mehr Lehrer. Aber von selbst stellen Reformen sich nicht ein. "Die materielle Ausstattung spielt schon eine nicht zu unterschätzende Rolle", sagt Barbara Riekmann, "aber letztlich entscheiden doch Phantasie und Engagement der Lehrerinnen und Lehrer."



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