Hamburger Schülerprotest 10.000 Schüler joggen ins Guinness-Buch der Rekorde

Am Mittwoch sind über 10.000 Jungen und Mädchen der Freien Schulen Hamburg zu einem rekordverdächtigen Dauerlauf um die Außenalster angetreten. Mit dem Sponsorenrennen wollen sie die Politiker der Hansestadt an Wahlversprechen erinnern - und zugleich ein Sterbehospiz für Kinder unterstützen.

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Schüler-Alsterlauf: Schauspieler Stephan Schwarz beim Startschuss
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Schüler-Alsterlauf: Schauspieler Stephan Schwarz beim Startschuss

Marie, 12, und ihre Freundin Sophie hatten in den vergangenen Wochen "allerhöchstens zweimal" trainiert. Trotzdem gehörten die Schülerinnen aus der Klasse 6a der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Farmsen zu den Tausenden begeisterter Jugendlicher, die - mal im Dauerlauf, mal im Trab oder auch im Wanderschritt - um die Außenalster der Hansestadt keuchten.

Es war ein schweißtreibender Protest: Angefeuert von Schulbands waren Schüler und Schülerinnen von 30 Freien Schulen schon am frühen Morgen angetreten, um den 7,5 Kilometer langen Parcours zurückzulegen.

Ihr Ziel: Mit der größten Laufleistung eines je organisierten Sponsorenlaufes - etwa 120.000 Kilometer und damit mehr als dreimal um die Erde - wollten sie den Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Obendrein verfolgten sie politische und gemeinnützige Zwecke. Dafür hatten die Schüler großzügige Spender mobilisiert: Freunde, Angehörige oder örtliche Geschäftsleute unterstützten die persönliche Kilometerleistung der Schüler finanziell.

Langlauf gegen Lange

Rudolf Lange: Admiral in Seenot
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Rudolf Lange: Admiral in Seenot

Die 7- bis 18-Jährigen leisteten nicht nur einen symbolischen Beitrag zur Existenzsicherung ihrer Schulen. Zugleich sollten sie auch den umstrittenen Hamburger Bildungssenator Rudolf Lange (FDP) und CDU-Bürgermeiser Ole von Beust (CDU) vor den anstehenden Bundestagswahlen an das Versprechen erinnern, die staatliche Finanzhilfe für die Freien Schulen der Hansestadt nachhaltig zu verbessern.

Der "Langlauf gegen Lange" (so ein Elternvertreter) war nach vielen vorangegangenen Protesten ein neuer Versuch, die Politik wachzurütteln. Die rabiaten Kürzungen im Bildungsbereich haben den Senat und den Bildungssenator der Mitte-Rechts-Koalition in der Öffentlichkeit in Misskredit gebracht. Und vor allem die Freien Schulen sind von der prekären Etatlage betroffen.

Anders als Staatsschulen finanzieren sie sich durch Eigenmittel der Träger, Schulgeld der Eltern sowie Unterstützung der Stadt. Die aber beträgt in Hamburg nur knapp die Hälfte dessen, was der Senat für den Schüler einer staatlichen Institution ausgibt - obwohl die CDU und FDP vor der Bürgerschaftswahl im vergangenen September die Anhebung der Förderung auf 80 Prozent des Kostensatzes versprochen hatten.

Die Misere hat daher die Eltern mobilgemacht: Die Initiative von 20 katholischen Schulen, sieben Waldorfschulen, der Wichern-, Bugenhagen und der August-Herrmann-Francke-Schule, die den Rekordlauf organisierte, will mit der phantasievollen Spendenaktion zusätzliche Projekte finanzieren, darunter Spielplatzsanierungen, Einrichtung von Kantinen und Computerräumen.

Unterstützung fand der Massenlauf bei Unternehmen - sie beteiligten sich mit Obst oder Gebäck am staubigen Spektakel an den Alsterwiesen. Hamburgs "Himmelsschreiber" verbreiteten die politische Botschaft per Flugzeugbanner über der Hansestadt: "Mission 80% für Freie Schulen Hamburg".

Die sportlichen Leistung zeigt, dass die Schüler auch "Feuer und Flamme für Olympia 2012" in Hamburg sind. Vor allem aber beweisen die Schüler der Freien Schulen auch sozialen Einsatz: Die Hälfte der erlaufenen Gelder wird an das Kinderhospiz "Sternenbrücke" überwiesen. Damit soll in Hamburg-Rissen der Aufbau eines Sterbehospizes für Kinder unterstützt werden.

"Jetzt laufen wir die zweite Runde"

Nach dem Wunsch des Fördervereins soll das in Norddeutschland einmalige Projekt für todkranke Kinder ein Ort sein, "wo dem Sterben Würde, dem Abschied Haltung und der Trauer Raum und Zeit gegeben wird". "Wir freuen uns sehr", so Ute Nerge, die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, "dass sich gerade Kinder und Jugendliche für ihre schwerkranken Altersgenossen engagieren."

So sahen das offenbar auch die mitlaufenden Schüler und Schülerinnen. Jule, 7, aus Klasse 2b der Farmsener Rudolf-Steiner-Schule, weiß schon, dass ihre hart erlaufene Prämie "kranken Kinder" helfen soll.

Marie und ihre Klassenkameradin Sophie fanden sich nach der ersten Umrundung atemlos vor dem Getränkestand der Hamburger Wasserwerke ein. Tapfer beschlossen sie, ihre persönliche Kilometerleistung zu verdoppeln: "Jetzt laufen wir die zweite Runde - es ist ja für einen guten Zweck."



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