Hamburger Schulreform "Wir haben schwere See"

Das Signal war deutlich: Über 180.000 Hamburger stimmten gegen die Schulreform der schwarz-grünen Koalition. Schulsenatorin Goetsch erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum sie trotz schlechter Vorzeichen einen Volksentscheid nicht fürchtet und wie sicher sie sich des Rückhalts aus der CDU noch sein kann.

Reformgegner auf der Straße (September): Goetsch lehnt eine Verschiebung der Reform ab
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Reformgegner auf der Straße (September): Goetsch lehnt eine Verschiebung der Reform ab


SPIEGEL ONLINE: Die Gegner Ihrer Schulreform haben knapp drei Mal so viele Unterschriften gesammelt, als für ein erfolgreiches Volksbegehren nötig wären. Wie erklären Sie sich das Ergebnis?

Christa Goetsch: Es haben sich 14 Prozent der Hamburger Wahlberechtigten gegen die Schulreform ausgesprochen. Das ist keine homogene Gruppe: Darunter sind Leute, die die Reform komplett ablehnen, aber viele haben grundsätzlich nichts gegen längeres gemeinsames Lernen, sondern große Sorgen, zum Teil auch, weil sie nicht gut genug informiert sind.

SPIEGEL ONLINE : Seit über einem Jahr ist die Schulreform das Top-Thema in Hamburg, die Lokalmedien berichten beinah täglich, Ihre Behörde druckte massenweise Broschüren in verschiedenen Sprachen und hängte stadtweit Plakate auf. Glauben Sie ernsthaft, es mangelt an Informationen?

Goetsch: Sicher ist man überrascht. Viele haben unterschrieben, weil sie gehört hatten, dass zum Beispiel der Klassenverband aufgelöst wird oder der Elternrat, was beides nicht stimmt. Das hat aber nichts mit der Schulstrukturreform zu tun und nichts mit den Rahmenbedingungen, die wir schaffen: Kleinere Klassen, bessere Einzelbetreuung und mehr Lehrer. Diese Rahmenbedingungen sind noch nicht richtig durchgedrungen. Aber natürlich wünscht sich ein Teil eine Veränderung der Reform. Und da gehen wir auf die Bürger zu und suchen das Gespräch. Deshalb freuen wir uns über das Engagement von Michael Otto, der als Vermittler mit allen Beteiligten sprechen und versuchen wird, einen Kompromiss zu finden.

SPIEGEL ONLINE : Ein Kompromiss scheint jedoch ausgeschlossen. Sie erklären die sechsjährige Primarschule für nicht verhandelbar, die Reformgegner halten an ihrer Forderung fest, genau das zu kippen. Sehen Sie ernsthaft noch eine Chance?

Goetsch: Ich möchte keinen Gesprächen vorgreifen. Wir sind dabei, gemeinsam mit denjenigen, die grundsätzlich skeptisch sind, und mit denjenigen, die bestimmte Punkte verändert haben wollen, eine Lösung zu suchen.

SPIEGEL ONLINE : Sie haben angekündigt, dass die Abschaffung des Elternwahlrechts verhandelbar sei. Sicher ist das gemeinsame Lernen die Seele Ihrer Reform - aber nach Ihrem Verständnis müsste doch die Abschaffung des Elternwahlrechts das Herz sein: Der Einfluss des Bildungshintergrunds der Eltern soll doch minimiert werden.

Goetsch: Die Elternbeteiligung ist sehr leicht emotionalisierbar. Eltern wollen das Recht behalten, über ihr Kind in Bildungsfragen zu entscheiden. Die Sorge, das Recht könne beschnitten werden, hat sicher zu der hohen Zahl an Unterschriften sehr viel beigetragen. Aber wir haben in sechs Jahren gemeinsamen Lernens eine ganz andere Art von Leistungsrückmeldung, die es in dieser Form einfach noch nicht gibt, und durch die die Beratung der Eltern durch die Schule eine viel bessere Qualität erhält. Die Erfahrungen in Ländern, in denen schon jetzt später getrennt wird, zeigen, dass nur in ganz wenigen Fällen Eltern eine andere Entscheidung als die Schule treffen. Nach Klasse sechs ist die Prognose viel sicherer, wie es weitergehen soll.

SPIEGEL ONLINE : Das klingt erneut nach einem Plädoyer für die Abschaffung des Elternwahlrechts und wenig verhandlungsbereit.

Goetsch: Das ist ein Missverständnis. Aber man würde dem Kind auch keinen Gefallen tun, wenn die Lehrer nicht ihr fachliches Urteil einbringen könnten. Wir müssen einen Kompromiss finden, der den Interessen der Eltern entgegenkommt, der aber auch fachlich vertretbar ist. Da müssen wir uns einigen.

SPIEGEL ONLINE : Sollte ein Kompromiss nicht gelingen und es zum Volksentscheid kommen, ist eine Niederlage für Sie nicht ausgeschlossen: In einer aktuellen Umfrage lehnen rund 20 Prozent die Reform komplett ab, 50 Prozent meinen, die Reform müsse überarbeitet werden.

Goetsch: Aber für längeres gemeinsames Lernen ist die Mehrheit da. Was ich interessant finde: Wenn in den Umfragen Mehrfachnennungen möglich sind, ist es den meisten am wichtigsten, dass die Klassen kleiner und mehr Lehrer eingestellt werden. Das kann ich verstehen, das brennt am meisten. Und genau das machen wir ja auch.

SPIEGEL ONLINE : Aber die Umfrage ergab auch, dass die Hamburger CDU massiv an Stimmen verliert, im Vergleich zum Ergebnis der Bürgerschaftswahl 2008 sind es 6,6 Prozentpunkte weniger. Bisher steht Bürgermeister Ole von Beust zu der Reform, obwohl sie in Kernpunkten der sonstigen Linie der CDU widerspricht. Fürchten Sie nicht, dass er seine Position überdenken wird, wenn er und seine Partei mehr und mehr Stammwähler verlieren?

Goetsch: Sicher: Wir haben im Augenblick schwere See. Aber der Senat und auch die CDU-Fraktion stehen ganz klar zur Schulreform. Natürlich werden an der Parteibasis immer bestimmte Positionen nicht geteilt. Aber es ist mit großer Mehrheit ein Koalitionsvertrag beschlossen worden. Die Art, wie wir mit der CDU zusammenarbeiten, macht mich zuversichtlich, dass wir zu einer gemeinsamen Lösung kommen werden.

SPIEGEL ONLINE : In der Stadt geht es allerdings wenig harmonisch zu: In Hamburg ist um ihre Reform ein regelrechter Schulkampf entbrannt: Gegner und Befürworter streiten sich gern mal unter Niveau, persönliche Beleidigungen inklusive. Sie haben den Reformgegnern einmal "dumpfen Populismus" vorgeworfen. Brach da etwas heraus, das Sie sonst stetig unterdrücken müssen?

Goetsch: Ich bin zutiefst überzeugt, dass man Argumente benutzen sollte. Die Pädagogik und die Fachlichkeit sollten immer im Mittelpunkt stehen. Es gibt allerdings eine sehr heftige Auseinandersetzung, an der ich aber nicht teilnehme und die ich nicht glücklich finde, weil sie uns nicht weiterbringt.

SPIEGEL ONLINE : Sollte kein Kompromiss gefunden werden und ein Volksentscheid kommen, könnte die Reform nur Tage vor dem Schulbeginn kippen. Sie riskieren ein Schulchaos. Was spricht dagegen, die Reform aufgrund der neuen Situation um ein Jahr zu verschieben?

Goetsch: Der Prozess ist schon zu weit fortgeschritten. Es wäre verantwortungslos, wenn wir das jetzt stoppen würden ohne gesetzliche Grundlage. Die Vorbereitungen an den Schulstandorten sind sehr weit gediehen, das könnte man den Schulen und Eltern nicht zumuten.

SPIEGEL ONLINE : Wie geht es nun weiter?

Goetsch: Bis zum 17. März ist Zeit, einen Kompromiss zu finden. Die letzte Bürgerschaftssitzung, in der eine Gesetzesänderung beschlossen werden könnte, ist Ende Februar.

SPIEGEL ONLINE : Hängt von der Schulreform das Weiterleben der Koalition ab?

Goetsch: Wir haben jetzt Dezember, und es wird noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen. Wir sind nun in der Phase, wo wir Gespräche führen, alles andere ist noch weit hin.

Das Interview führte Birger Menke

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Seite 1
Didi55 07.11.2009
1.
Nein, das Gymnasium ist keine zeitgemäße Schulform mehr. Es erfordert Leistungsbereitschaft der Schüler, es vermittelt reproduzierbares Wissen und setzt auf gesellschaftlich angepasstes Verhalten. All dies sind veraltete Werte, die in der heutigen pädagogischen und didaktischen Diskussion eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Von daher ist es nur logisch, dass dem Gymnasium von "oben" mehr und mehr der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zumindest in NRW ist es über mehr als zwei Jahrzehnte finanziell ausgetrocknet worden - politisch ist dies, wenn nicht explizit erwünscht, so doch als Kollateralschaden hingenommen worden. Allerdings möchte ich dies nicht auf das Gymnasium beschränkt wissen: Das Schulsystem als Ganzes ist mehr als stiefmütterlich behandelt worden. Man schaue sich einmal die Gebäude oder das Mobiliar an - das langt. Eine Konsequenz davon ist, dass sich die Einflussreichen der Gesellschaft in Richtung Privatschule verabschiedet haben und ihre Kinder dort bilden und erziehen lassen.
c++ 07.11.2009
2.
Da bin ich aber auf den Artikel gespannt. Warum sollte das Gymnasium nicht zeitgemäß sein, der Zulauf ist riesig. Und das Gymnasium hat bei Pisa sicherlich keine schlechte Figur gemacht. Irgendwie ein Rätsel, wo das Problem sein soll
Antonio Garcia 07.11.2009
3.
Zitat von Didi55Nein, das Gymnasium ist keine zeitgemäße Schulform mehr. Es erfordert Leistungsbereitschaft der Schüler, es vermittelt reproduzierbares Wissen und setzt auf gesellschaftlich angepasstes Verhalten. All dies sind veraltete Werte, die in der heutigen pädagogischen und didaktischen Diskussion eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Von daher ist es nur logisch, dass dem Gymnasium von "oben" mehr und mehr der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Zumindest in NRW ist es über mehr als zwei Jahrzehnte finanziell ausgetrocknet worden - politisch ist dies, wenn nicht explizit erwünscht, so doch als Kollateralschaden hingenommen worden. Allerdings möchte ich dies nicht auf das Gymnasium beschränkt wissen: Das Schulsystem als Ganzes ist mehr als stiefmütterlich behandelt worden. Man schaue sich einmal die Gebäude oder das Mobiliar an - das langt. Eine Konsequenz davon ist, dass sich die Einflussreichen der Gesellschaft in Richtung Privatschule verabschiedet haben und ihre Kinder dort bilden und erziehen lassen.
Billiger Sarkasmus. Fordern andere Schulformen etwa all das nicht?
gerthans 07.11.2009
4. Wurzeln
Ich bin auf das Neue Gymnasium Nürnberg gegangen, ein humanistisches, also traditionelles Gymnasium im konservativen Bayern. Latein, nicht Englisch, war die erste Fremdsprache, durchaus ein Akt des Widerstandes gegen die Amerikanisierung, der wir Westdeutschen uns ja unterziehen mussten. Oder eine Trotzreaktion des Umzuerziehenden - wie man will. Eine Wurzel unserer europäischen Kultur, nämlich das Studium der Antike, zu kappen, wurde verweigert, das Gymnasium nicht auf dem Altar des american way of life geopfert. Dafür bin ich bis heute dankbar. Je mehr die Globalisierung an Macht gewinnt, desto teurer werden mir diese Wurzeln. Meine dritte Fremdsprache war Griechisch und als Wahlunterricht hatte ich Russisch!
Antonio Garcia 07.11.2009
5.
Zitat von gerthansIch bin auf das Neue Gymnasium Nürnberg gegangen, ein humanistisches, also traditionelles Gymnasium im konservativen Bayern. Latein, nicht Englisch, war die erste Fremdsprache, durchaus ein Akt des Widerstandes gegen die Amerikanisierung, der wir Westdeutschen uns ja unterziehen mussten. Oder eine Trotzreaktion des Umzuerziehenden - wie man will. Eine Wurzel unserer europäischen Kultur, nämlich das Studium der Antike, zu kappen, wurde verweigert, das Gymnasium nicht auf dem Altar des american way of life geopfert. Dafür bin ich bis heute dankbar. Je mehr die Globalisierung an Macht gewinnt, desto teurer werden mir diese Wurzeln. Meine dritte Fremdsprache war Griechisch und als Wahlunterricht hatte ich Russisch!
Die Welt dreht sich weiter. Ihren Glauben dass früher alles besser war dürfen Sie ja weiterhin behalten ...
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