SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Oktober 2015, 11:40 Uhr

Smartphone-Verbot auf Klassenfahrt

"12.000 Nachrichten auf meinem Handy - völlig verrückt"

Von

Auf Klassenfahrt einen Gletscher besteigen und dann nicht mal ein Selfie posten - gibt es etwas Grausameres für Schüler? Schweizer Jugendliche haben den kollektiven Handyverzicht geprobt. Hier sind ihre Entzugserscheinungen.

Der letzte Blick von Schülern vor dem Einschlafen und der erste gleich nach dem Aufwachen fällt, na klar, aufs Handy. Und so geht es den ganzen Tag über weiter. Facebook, WhatsApp, Snapchat: Überall ist etwas los, ständig gibt es etwas zu besprechen, zu liken, zu lesen.

Die Schweizer Lehrerin Franziska Tanner versuchte es trotzdem: eine Klassenfahrt ohne Handys. Wie es dazu kam und ob das gutging, erzählt sie im Interview. Was die Schüler davon hielten, erzählen sie in der Bilderstrecke.

SPIEGEL ONLINE: Eine Woche auf das Handy verzichten - wie kam es, dass Ihre Schüler der Idee zugestimmt haben?

Tanner: Wir wollten eine Projektwoche machen, bei der die Schüler Herausforderungen wahrnehmen. Ich habe den Schülern zunächst eine Schreibaufgabe gegeben: "Was ist für mich eine Herausforderung?" Viele haben geschrieben, dass sie nicht ohne Handy könnten oder Sport eine Herausforderung sein kann. Gemeinsam haben wir dann entschieden, in den Bergen zu wandern und Fahrrad zu fahren - und die Handys zu Hause zu lassen. Mir war wichtig, dass alle einverstanden sind.

SPIEGEL ONLINE: Und die Schüler fanden das gleich super?

Tanner: Nein, die hatten gewaltig Respekt! Es gab eine Phase, in der sie gefragt haben, ob das wirklich sein müsse. Die Schüler sollten aber auch lernen zu erkennen, wie sie selbst mit der Herausforderung umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Eltern der Schüler darauf reagiert?

Tanner: Sehr positiv. Viele von ihnen waren selbst noch nie auf einem Gletscher und empfanden deswegen vor allem den Sportteil als herausfordernd. Vielleicht waren sie auch ein bisschen besorgt, aber das Loslassen hat ganz gut geklappt.

HIER SIND DIE ERLEBNISBERICHTE DER SCHÜLER:

SPIEGEL ONLINE: Hatten die Schüler überhaupt keinen Kontakt nach Hause?

Tanner: Doch, wir hatten das Schulhandy dabei, von dem aus manche abends ihre Eltern angerufen haben. Weil gerade Bewerbungsphase war und einige ihre Mails checken mussten, habe ich mein Smartphone noch zur Verfügung gestellt. Ich denke, das Experiment war wichtig für die Zufriedenheit: Die Erfahrung zu machen, dass man eben nicht allem nachrennen und sich ständig inszenieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Hat das funktioniert?

Tanner: Die Schüler wirkten viel zufriedener, was bestimmt auch an der körperlichen Herausforderung lag. Und wir hatten wirklich nie Streitereien. Ich denke, übers Handy gibt es bei der Kommunikation oft viel mehr Missverständnisse. Zum Beispiel hatten die Schüler wohl eine Woche nach der Rückkehr über WhatsApp richtig Krach mit der Parallelklasse.

SPIEGEL ONLINE: Bewerten die Schüler die Woche auch so positiv?

Tanner: Ja, in der Rückmeldung haben viele gesagt, wie schön sie es fanden, dass abends immer Kartenspiele gespielt wurden. Im Alltag wäre der Handyverzicht aber natürlich viel schwieriger durchzuziehen. Das war ja wirklich eine Ausnahmesituation: Auf einer Hütte hatten wir nicht mal warmes Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Und was bleibt von der Woche?

Tanner: Ich wollte den Schülern zeigen, dass sie das schaffen können. Wenn die Jugendlichen am Ende ihrer Schulzeit keine Angst mehr vor Herausforderungen haben, dann haben wir alles richtig gemacht.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung