Doku über Brennpunktschule "Lieber sitz ich heulend im Ferrari als aufm Fahrrad"

Eine "Resteschule" in Hannover, ein Haufen pubertierender Jugendlicher und ein Ziel: Hauptschulabschluss. Eine NDR-Dokumentation begleitet die Schüler - und hat dabei einen Jungen mit großen Träumen und kleinen Chancen getroffen.

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Navid ist 15 und hat große Ziele. 10 oder 15 Millionen will er einmal verdienen. Damit er frei ist. Schule, Arbeit, Rente, einfacher Lebenslauf, "und dann stirbt man halt. Ich möchte das einfach nicht". Dass Geld allein glücklich macht, glaubt er zwar nicht. "Aber ich sag mal so: Lieber sitz ich heulend im Ferrari als aufm Fahrrad." Dafür will er "Fonds-Managements" studieren, "oder irgendwie so was".

Das Problem: Navid scheitert vielleicht schon am Hauptschulabschluss. Er geht auf eine sogenannte Brennpunktschule in Hannover. Die Resteschule der niedersächsischen Landeshauptstadt, sagt Lehrerin Daniela Hofmann in der NDR-Dokumentation "Schulhof der Hoffnung": "Wir nehmen die Schüler auf, die eigentlich keine andere Schule mehr haben möchte."

Die dreiteilige Doku begleitet die Schüler der Klasse 9b der Peter-Ustinov-Oberschule in ihrem letzten Schuljahr - dem wichtigsten Jahr: "Wir müssen die Kinder zu einem Abschluss kriegen, dann haben sie eine Perspektive", sagt Schulleiterin Karin Haller. Bildung sei die einzige Möglichkeit, um aus Armut oder prekären Verhältnissen herauszukommen.

"Wenn ich ehrlich bin, wird es schwer"

Ob Navid die Chance ergreift, das bleibt über die drei halbstündigen Folgen bis zuletzt offen. Abitur bezeichnet er bei der Berufsberatung zwar als bestes Szenario. "Aber wenn ich ehrlich bin, wird es schwer." Auch seine Klassenlehrerin Nina Dittrich sagt: "Ich glaube, da müsste er sich etwas mehr motivieren und etwas mehr Bereitschaft zeigen."

Dabei zeigt die Dokumentation, wie engagiert Leitung und Lehrerinnen der Brennpunktschule ihren Schülern den Weg zu ebnen versuchen: Schon die Achtklässler bekommen ein Antigewalttraining, damit sie sich mit Beginn der Strafmündigkeit nicht ihre Zukunft verbauen. Der Berufsberater hat ein eigenes Zimmer im Erdgeschoss. Im Sonderprojekt Persönlichkeitsentwicklung und bei Aktionen wie dem Christmas-Song-Contest lernen die Schüler mehr Selbstbewusstsein.

Zu Hause weiß niemand, dass er Prüfung hat

Klassenlehrerin Dittrich geht mit den Jugendlichen akribisch durch, was sie alles zur Matheprüfung mitbringen müssen: "Was braucht ihr? Stift, genauer, Kugelschreiber und Bleistift..." Schulleiterin Haller steht morgens persönlich im Foyer und trommelt in die Klassenzimmer. "Wenn der Unterricht anfängt und es sind nur drei Schüler da, dann ist das deprimierend", sagt sie dem Autorenteam aus Benjamin Arcioli, Katrin Hafemann, Stefanie Gromes und Julian Amershi.

Geduld und den Glauben an ihre Schüler strahlt sie aber genauso wie die porträtierten Lehrerinnen weiter aus. Doch gegen die Verhältnisse kommen sie nicht immer an.

Da ist zum Beispiel der 17-jährige Binh-An, der die Deutschabschlussprüfung nicht mitschreibt. "Verschlafen", sagt er. Das Fernsehteam fragt nach, warum ihn denn niemand geweckt habe. Zu Hause wisse niemand, dass er eine Prüfung hatte. "Ich hab denen das nicht erzählt."

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Doku über Hauptschule in Hannover: Schulhof der Hoffnung

Oder die 16-jährige Leidis, die in einer Gruppenarbeit ihren Traummann beschreibt. Die wichtigste Anforderung: Er sollte nicht gewalttätig sein.

In Schlüsselszenen wie diesen liegt die Stärke der Dokumentation: Sie führt die Schüler nicht vor, zeigt nicht, aus welch schwierigen Verhältnissen sie kommen. Das erschließt sich den Zuschauern allein aus dem Subtext.

Mehr als 90 Prozent der Schüler hätten einen Migrationshintergrund, ebenso viele bezögen Sozialleistungen, sagt Co-Autor Arcioli dem SPIEGEL. "Die Schüler tragen viel auf ihren Schultern." In der Dokumentation aber erwähnt das Filmteam das mit keinem Wort. Es gibt keinen Kommentar, keine Einordnung des Geschehens.

Ein Ort, ein Konflikt, viele unterschiedliche Perspektiven

Die Idee des neues Sendeformats: ein Ort, ein Konflikt, viele unterschiedliche Perspektiven. Lehrerinnen und Sozialarbeiter kommen hier genauso zu Wort wie die Mutter von Navid oder der Antigewalttrainer. Die Doku will diesen Menschen gleichberechtigt begegnen: "Auch wenn man ihre Perspektive nicht teilt, wollen wir erreichen, dass man sie zumindest versteht", sagt Dokumentarfilmer Arcioli.

Gleichzeitig versucht das Team stellenweise, die Doku mit Spannung zu füllen - auch wenn es sie nicht gibt. Etwa in Folge zwei zur Klassenfahrt, wenn zwei Schülerinnen sich danebenbenehmen. Das ist so langweilig wie vorhersehbar. Aber es zeigt eben auch: Hier, an der Brennpunktschule, ist es wie an allen anderen Schulen auch: auf Klassenfahrten überschreiten Schüler die Regeln.

Pubertät eben.

Das Problem ist, dass die Schüler in diesem Alter ihren Hauptschulabschluss machen müssen, sagt Lehrerin Dittrich. Die Dreharbeiten hätten ihm gezeigt, "wie verdammt privilegiert ich aufgewachsen bin", sagt Dokumentarfilmer Arcioli: das Elternhaus, die Schulform, das Geld. Und: In der 9. Klasse am Gymnasium sei es egal, wenn man einen Hänger hat. An der Hauptschule nicht.


Sendetermine der drei Folgen im NDR: Am 13., 20. und 27. November jeweils um 23.50 Uhr. In der Mediathek sind alle Folgen bereits verfügbar.

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