Hasch, Heroin, Crystal "Mama, ich nehme Drogen"

Mit 18 beginnt Thomas, Drogen zu nehmen. Er landet im Gefängnis, will immer wieder aufhören, schafft es nicht. Heute will er nur noch eins: Zurück in die Realität und ein ganz normales Leben führen. Eine preisgekrönte Reportage aus dem Schülerzeitungs-Wettbewerb des SPIEGEL.

Von Rick Noack


Thomas denkt zurück: Wie er in der kleinen Zelle sitzt, da ist er 26 Jahre alt und hat in seinem Leben außer Joints und Drogen nicht viel gesehen. Die Fenster sind mit Milchfolie beklebt, eine Überwachungskamera ist auf ihn gerichtet. Sie nennen es Kriseninterventionsraum - er nennt es Hölle. Thomas hatte da wieder einen Wutausbruch, für ihn keine Seltenheit.

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Das war vor fünf Jahren. Heute sitzt Thomas in seiner Wohnung auf dem dunkelgrünen Ledersofa in einem Plattenbau im Dresdner Stadtteil Gorbitz. Er hat schon einmal in solch einem Viertel gewohnt. Damals, als er anfing mit den Drogen. Wenn er davon spricht, denkt man, er würde von seinem Sommerurlaub erzählen.

Thomas hat seine Geschichte schon so oft erzählt. Er will ein neues Leben anfangen, doch das alte steckt noch in ihm. Thomas erinnert sich an jede Einzelheit, an jedes Wort, das er in den letzten 13 Jahren gesprochen hat. Er hat seine Geschichte aufgeschrieben. Vor ihm liegt ein roter Hefter voller fein-säuberlich eingehefteter Blätter. Sie sind eng beschrieben und erzählen die Geschichte eines Mannes, der Angst hatte und vergessen wollte und dabei sich selbst und sein Lebensziel verlor.

"Es war hoffnungslos, um mich zu kämpfen"

Seine Probleme beginnen schon in der Kindheit. Thomas hat keine Kontrolle über sich, ist bei jedem Mist mit dabei, und obwohl er schüchtern ist, steckt er voller Energie. Die entlädt sich aber immer öfter in Gewalt. Seine Mutter hat keinen Einfluss mehr auf ihn. "Es war hoffnungslos, um mich zu kämpfen", stellt Thomas heute nüchtern fest.

Es folgen mehrere Zwischenstopps in verschiedenen Heimen für Schwererziehbare. Doch die Therapien bringen nichts. Thomas bricht die Schule schließlich ab. Für ihn hat es keinen Sinn mehr. Stattdessen fängt er eine Lehre als Maler und Lackierer an und ist am Anfang vollkommen von seiner neuen Arbeit begeistert.

Doch die Freude hält nicht lange an, die Lehre wird ihm zu langweilig. Thomas lernt Kollegen kennen und betrinkt sich mit ihnen. Er merkt: Der Alkohol macht aus dem schüchternen Thomas einen selbstbewussten – und das gefällt ihm. Es ist das erste Mal, dass er mit Drogen in Kontakt kommt.

Thomas hat keine Lust mehr auf Arbeiten, er will Party machen und bricht aus Langeweile in einer Berufsschule ein. Er landet gleich doppelt auf der Straße. Die Berufsschule schmeißt ihn raus, und seine Mutter will, dass er auszieht.

Er sieht die Alkoholiker zum Markt schlurfen

Wenn Thomas damals von der eigenen Wohnung geträumt hat, dann von geräumigen Zimmern und Luxus. Stattdessen muss er in eine Plattenbausiedlung ziehen. Thomas sieht die Alkoholiker, wie sie betrunken zum Markt schlurfen und mit neuen Flaschen wiederkommen.

Das erste Mal hat Thomas Angst. Er ahnt, dass auch er so enden wird. Er weiß, dass ihn nur noch wenig davon trennt. Er beschließt, Drogen zu nehmen - es ist die schlimmste Entscheidung seines Lebens.

Die Voraussetzungen sind da. Thomas hat genug Kumpels, die Drogen konsumieren. Er will Spaß haben, er will etwas Neues probieren und dem eintönigen Leben der Betonsiedlung entfliehen. Die ersten zwei Joints lässt er sich von Freunden drehen. Bei dem ersten, den er konsumiert, merkt er nichts. Doch kurz nachdem er den zweiten geraucht hat, wird ihm schlecht. Alles dreht sich um ihn. Er stürzt ans Fenster, versucht Luft zu bekommen. Schließlich fällt er auf sein Bett und bleibt liegen. Er kann seine Augen nicht mehr bewegen. Sie bleiben offen.

Doch schon am nächsten Tag geht er wieder zu einem Kumpel. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Thomas nun auch Drogen nimmt. Er gehört jetzt zur Szene. Noch in derselben Nacht torkelt er durch die Straßen seiner Stadt. Er sieht Palmen und hört Farben.

Er kann vergessen, dieses gemütliche Gefühl, was er spürt - darauf hat er jahrelang gewartet. Als er die Partys der Drogenszene besucht, gehört er von Anfang an dazu. Die Außenseiterrolle, die vorher sein Leben geprägt hat, gibt es nicht mehr. An Aufhören denkt Thomas gar nicht.



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