Haupt- und Realschüler Lassen Sie mich durch, ich bin Klassenprimus

Jugendliche in Niedersachsen sollen künftig leichter die Schulform wechseln können. So erhalten Hauptschüler mit einem guten Notenschnitt einen Rechtsanspruch auf den Besuch einer Realschule - oder sogar des Gymnasiums. Der fliegende Wechsel ist bundesweit einmalig.

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Schülerprotest gegen das neue Schulgesetz (in Hannover): Gegen frühe Trennung der Schüler
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Schülerprotest gegen das neue Schulgesetz (in Hannover): Gegen frühe Trennung der Schüler

Der internationale Pisa-Schulvergleich brachte für Deutschland nicht gerade schmeichelhafte Ergebnisse, aber dafür einige erhellende Erkenntnisse. Zum Beispiel: Deutschland selektiert seine Schüler viel früher als in anderen Ländern üblich, in der Regel bereits nach der vierten Grundschulklasse. Und nicht immer sind die Lehrer bei ihren Empfehlungen für die weitere Schullaufbahn prognosesicher.

Im Gegenteil: Die Pädagogen lägen ausgesprochen häufig daneben, behauptet Wilfird Bos, Leiter der Grundschul-Untersuchung Iglu. "Schüler, die gerade einmal ein paar Sätze lesen und verstehen, bekommen eine Gymnasialempfehlung, während sehr gute Leser auf der Hauptschule landen", grollte der Hamburger Wissenschaftler. Das wäre halb so schlimm, ließen sich solche Fehler anschließend leicht korrigieren. Doch echte Durchlässigkeit kennt das deutsche Bildungssystem nur in eine Richtung - von oben nach unten. Dass ein Hauptschüler es auf die Realschule oder gar aufs Gymnasium schafft, kommt selten vor.

Könnten die Bundesländer sich dazu durchringen, die gemeinsame Zeit für alle Schüler zu verlängern, gäbe es das Problem gar nicht. Aber vor allem konservative Bildungspolitiker klammern sich fest an das herkömmliche, dreigliedrige Schulsystem: Hauptschule, Realschule, Gymnasium - und bloß keine Neuauflage der peinigenden Debatte über Gesamtschulen. Die hätte die CDU am liebsten gleich in den siebziger Jahren in der Nordsee verklappt.

Minister Busemann: "Hauptschülern den Weg nicht abschneiden"
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Minister Busemann: "Hauptschülern den Weg nicht abschneiden"

Niedersachsen schafft nun auch noch die Orientierungsstufen ab, in denen Schüler bisher gemeinsam in der fünften und sechsten Klasse unterrichtet wurden. Quasi zum Ausgleich sollen die Schüler aber künftig deutlich leichter als bisher die Schulform wechseln können - und das sogar mit einem Rechtsanspruch. Nach einer Verordnung zum neuen Schulgesetz, die Kultusminister Busemann (CDU) vorstellte, können Hauptschüler mit einem Notenschnitt von 2,7 in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und der ersten Fremdsprache sowie 3,0 in allen übrigen Fächern ab der fünften Klasse auf die Realschule wechseln, Realschüler auf das Gymansium. Eine Erlaubnis der Klassenkonferenz ist dafür nicht mehr notwendig.

Bisher haben in Niedersachsen nur ein bis zwei Prozent eines Jahrgangs die Schulform gewechselt. Der Rechtsanspruch darauf sei in Deutschland einmalig, betonte Busemann: "Wir können guten Hauptschülern den Weg nicht abschneiden." Zugleich sieht die neue Regelung vor, dass Hauptschüler mit einem Notenschnitt von 2,0 direkt aufs Gymnasium wechseln dürfen. Fünfen oder Sechsen darf das Zeugnis allerdings nicht enthalten - wobei Ausnahmegenehmigungen der Klassenkonferenz möglich sind, wenn ein Schüler zum Beispiel nur ins Sport oder Kunst versagt.

Im Juni hatte der niedersächsische Landtag das neue Schulgesetz beschlossen, eines der zentralen Reformprojekte der CDU/FDP-Landesregierung. Umgesetzt werden sollen die neuen Verordnungen ab Sommer 2004, wenn nach 30 Jahren die Orientierungsstufe ausläuft und Gymnasium, Haupt- und Realschule wieder in der fünften statt der siebten Klasse beginnen. Der Erlass zeige, dass "wir die Kinder nicht frühzeitig in Schubladen stecken, sondern ein sehr durchlässiges Schulwesen haben", sagte Bernd Busemann. Zugleich will der Bildungspolitiker allerdings die Leistungskontrollen an allen Schulen verschärfen; schon Grundschüler können künftig ab der dritten Klasse sitzenbleiben.



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