Studie des Deutschen Jugendinstituts Fast jeder zweite Hauptschüler hat Zukunftsängste

Immer mehr Hauptschüler blicken mit Sorge in die berufliche Zukunft. Dabei werden dringend Azubis gesucht. Wie passt das zusammen?

Jugendliche in der Schule
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Jugendliche in der Schule

Ein Interview von


Wenn die Schule vorbei ist, was soll dann aus mir werden? Jeder vierte Jugendliche in Deutschland verlässt die Schule mit maximal einem Hauptschulabschluss - und die Frage nach der beruflichen Zukunft belastet immer mehr dieser jungen Menschen.

Das zeigt eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, für die bundesweit etwa 1200 Schüler kurz vor dem Hauptschulabschluss befragt wurden. Während in der aktuellen Erhebung fast die Hälfte der Jugendlichen verunsichert in die berufliche Zukunft blickt, waren es vor 15 Jahren lediglich 37 Prozent. Die meisten der Befragten machen sich mehr Sorgen um berufliche Perspektiven als um andere Probleme, zum Beispiel familiäre oder finanzielle.

Im Interview erklärt Studienleiterin Birgit Reißig, wie die Befragten ihre Startvoraussetzungen empfinden.

Zur Person
  • DJI
    Birgit Reißig, Jahrgang 1967, Soziologin, ist seit 2000 am Deutschen Jugendinstitut (DJI) beschäftigt. Seit 2012 leitet sie die Außenstelle des DJI in Halle und des Forschungsschwerpunktes Übergänge im Jugendalter am DJI. Ihre Themen: Übergangsforschung, Forschung zu Benachteiligung am Übergang Schule-Beruf, Prozesse von sozialer Exklusion, Regionales Übergangsmanagement.

SPIEGEL ONLINE: Frau Reißig, was sind die für Sie wichtigsten Erkenntnisse der Studie?

Birgit Reißig: Obwohl sich der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen in den vergangenen zehn Jahren auf 8,8 Prozent mehr als verdoppelt hat, haben sich die Einstiegschancen für Jugendliche mit Hauptschulabschluss kaum verbessert. 36 Prozent der befragten Jugendlichen planen deshalb einen weiteren Schulbesuch, noch bevor sie eine Ausbildung beginnen. So rechnen sich die Jugendlichen vermutlich bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz aus, Noten und Zertifikate scheinen ihnen wichtig zu sein.

Zudem fand ich die Antworten auf unsere Frage spannend, was die Jugendlichen denn später am liebsten werden wollen. Dabei kam heraus: Junge Frauen wollen in die typischen Frauenberufe, Männer in die Männerberufe.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Der einzige Beruf, der bei beiden Geschlechtern hoch im Kurs steht: Einzelhandelskauffrau oder -mann. Ansonsten wollen die meisten jungen Männer, die einen Hauptschulabschluss anstreben, Kfz-Mechatroniker werden oder in der Lagerlogistik arbeiten. Die meisten jungen Frauen wollen Erzieherin, Arzthelferin oder Kinderpflegerin werden. Es sind genau diese sozialen Berufe, deren Arbeitsbedingungen gerade immer wieder zu gesellschaftlichen Debatten führen. In diese Berufe wollen fast ausschließlich die weiblichen Befragten.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Reißig: Ein Ergebnis der Studie ist, dass Jugendliche in Orientierungsfragen als absolut wichtigsten Ratgeber ihre Eltern angeben. Mit ihnen besprechen sich die meisten, wenn es um die berufliche Zukunft geht. Doch Eltern sind häufig von ihren eigenen Erfahrungen geprägt und kennen die aktuellen Möglichkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt gar nicht. Wir vermuten, dass genau das dazu führt, dass viele junge Menschen, die sich kurz vor dem Hauptschulabschluss befinden, nach wie vor sehr traditionell denken.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das größte Problem, vor dem die Jugendlichen stehen?

Reißig: Diese diffuse Unsicherheit: Die meisten bedrückt es sehr, darüber nachzudenken, was später einmal aus ihnen wird. 40 Prozent der Schüler und 54 Prozent der Schülerinnen treiben Sorgen um die berufliche Zukunft um.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt deutlich entspannter als früher, die Auswahl an Ausbildungsplätzen größer.

Reißig: Das stimmt - und es überrascht uns auch. Vermutlich haben Jugendliche früher, aufgrund der schwierigen Bedingungen auf dem Ausbildungsmarkt, erst einmal genommen, was sie bekommen haben. Heute haben sie die Wahl. Das macht freier, stellt einen aber auch vor die große Frage: Was genau ist es, was ich will?

Und dann sind da wieder die Diskussionen über die Arbeitsbedingungen in klassischen Ausbildungsberufen. Plötzlich spricht man darüber, wie es Azubis in diesen Berufen geht. Das ist natürlich nicht schlecht, kann aber zusätzlich verunsichern.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern, damit es jungen Menschen, die bald einen Hauptschulabschluss machen, besser geht?

Reißig: Berufsmessen und Gesprächsangebote in Schulen sind wichtig, die sollte es weiter geben. Noch wichtiger ist es allerdings, die Entscheidungskompetenz der Jugendlichen zu fördern: Sie müssen lernen, sich selbst einzuschätzen, die eigenen Fähigkeiten zu beschreiben. Nur dann können sie selbstsicher werden. Das muss viel stärker trainiert werden, zum Beispiel durch Lehrer - die man in diesen Kompetenzen dann natürlich auch entsprechend schulen müsste.

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Seite 1
lala10 18.12.2018
1.
Das Problem kann ich in der heutigen Zeit nicht verstehen.Das ganze Handwerk in Deutschland sucht Auszubildende .So viele Chancen gerade für Hautschüler hat es noch nie gegeben.Weiterführend sind Meister und Techniker auch gesucht.Und sehr viele Handwerksmeister suchen Meister die ihren Betrieb weiterführen
jackbubu 18.12.2018
2. Zu Recht
Es ist doch ganz einfach, unabhängig von der aktuellen Qualität der einzelnen Schulabschlüsse, ist der Anspruch der Ausbildungsbetrieb gestiegen. Wo früher ein Hauptschulabschluss für eine Ausbildung gereicht hat, da braucht man heute mindestens einen Realabschluss, wenn nicht sogar Abitur. Dann haben wir noch einen Gesundheitsminister,der bei einem akuten Fachkräftemangel bei Pflegekräften den Bachlor einführen möchte. Für diese Pflegekräfte ist es dann nur eine zwischenstation zum Arzt, etc.! Der Hauptschulabschluss heute, ist der ohne Abschluss von gestern....
The Restless 18.12.2018
3. Hauptschulabschluss: Schlechte Chancen
In einer Zeit, in der fast 50% der Schüler das Abitur anstreben, von der zweiten Hälfte die Mehrzahl den Realschulabschluss macht, hat die Hauptschule heute fast schon den Status, den früher die Sonderschule inne hatte. Entsprechend niedrig ist oft das Niveau der Schüler - in vielen Ausbildungsberufen wird mehr erwartet.
rosenstein_marianne 18.12.2018
4. Mangelnde Qualifikation
Den meisten potentiellen Auszubildenden sind einfach in Kernfächern, wie Mathe und Deutsch nicht gut und das macht sich bemerkbar. Da mangelt es einfach an elementaren Grundkenntnissen, welche auch bei sehr praktischen Berufen, wie Bäcker, Fleischerin und natürlich auch bei so anspruchsvollen wie Pfleger, MTA und ähnlichen gebraucht werden. Da ist es doch klar, dass Zukunftsangst herrscht. Den meist kennt man die eigenen Defizite doch am Besten und kann sich die Konsequenzen ausmalen.
jujo 18.12.2018
5. ...
Es ist schon seltsam. Die Patentochter unserer Tochter wird in wenigen Tagen 18 Jahre alt, hat Hauptschulabschluß, Einzelhandelskauffrau ausgelernt, verdient bei einem Discounter 1200 Netto, bezieht ab 1.Febr. ihre erste eigene Wohnung und steckt voller Minderwertigkeitskomplexe. Zum Geburtstag haben wir ihr folgendes geschrieben "Liebe XXXX Zu deinem Geburtstag und zur Volljährigkeit unsere herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Wir wünschen Dir sehr, das es so positiv für Dich weitergeht. Du hast mit 18 Jahren eine Ausbildung abgeschlossen, verdienst Dein eigenes Geld, kannst so unabhängig von anderen Dein Leben führen, beziehst im Februar Deine erste eigene Wohnung. Es gibt wohl nicht sehr viele achtzehnjährige die schon so leben können. Du kannst stolz auf Dich sein! Wir haben Dich als kleines Mädchen kennengelernt, Du warst immer so etwas wie unsere erste Enkeltochter. Wir hoffen über Informationen von XXXXX weiterhin an Deinem Leben Teilhaben zu können. Und Dich von Zeit zu Zeit in Berlin zu sehen. Sei gegrüßt und umarmt "
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