Studie des Deutschen Jugendinstituts Fast jeder zweite Hauptschüler hat Zukunftsängste

Immer mehr Hauptschüler blicken mit Sorge in die berufliche Zukunft. Dabei werden dringend Azubis gesucht. Wie passt das zusammen?
Jugendliche in der Schule

Jugendliche in der Schule

Foto: Tom Merton/ Getty Images

Wenn die Schule vorbei ist, was soll dann aus mir werden? Jeder vierte Jugendliche in Deutschland verlässt die Schule mit maximal einem Hauptschulabschluss - und die Frage nach der beruflichen Zukunft belastet immer mehr dieser jungen Menschen.

Das zeigt eine Studie des Deutschen Jugendinstituts , für die bundesweit etwa 1200 Schüler kurz vor dem Hauptschulabschluss befragt wurden. Während in der aktuellen Erhebung fast die Hälfte der Jugendlichen verunsichert in die berufliche Zukunft blickt, waren es vor 15 Jahren lediglich 37 Prozent. Die meisten der Befragten machen sich mehr Sorgen um berufliche Perspektiven als um andere Probleme, zum Beispiel familiäre oder finanzielle.

Im Interview erklärt Studienleiterin Birgit Reißig, wie die Befragten ihre Startvoraussetzungen empfinden.

Zur Person
Foto: DJI

Birgit Reißig, Jahrgang 1967, Soziologin, ist seit 2000 am Deutschen Jugendinstitut (DJI) beschäftigt. Seit 2012 leitet sie die Außenstelle des DJI in Halle und des Forschungsschwerpunktes Übergänge im Jugendalter am DJI. Ihre Themen: Übergangsforschung, Forschung zu Benachteiligung am Übergang Schule-Beruf, Prozesse von sozialer Exklusion, Regionales Übergangsmanagement.

SPIEGEL ONLINE: Frau Reißig, was sind die für Sie wichtigsten Erkenntnisse der Studie?

Birgit Reißig: Obwohl sich der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen in den vergangenen zehn Jahren auf 8,8 Prozent mehr als verdoppelt hat, haben sich die Einstiegschancen für Jugendliche mit Hauptschulabschluss kaum verbessert. 36 Prozent der befragten Jugendlichen planen deshalb einen weiteren Schulbesuch, noch bevor sie eine Ausbildung beginnen. So rechnen sich die Jugendlichen vermutlich bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz aus, Noten und Zertifikate scheinen ihnen wichtig zu sein.

Zudem fand ich die Antworten auf unsere Frage spannend, was die Jugendlichen denn später am liebsten werden wollen. Dabei kam heraus: Junge Frauen wollen in die typischen Frauenberufe, Männer in die Männerberufe.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Der einzige Beruf, der bei beiden Geschlechtern hoch im Kurs steht: Einzelhandelskauffrau oder -mann. Ansonsten wollen die meisten jungen Männer, die einen Hauptschulabschluss anstreben, Kfz-Mechatroniker werden oder in der Lagerlogistik arbeiten. Die meisten jungen Frauen wollen Erzieherin, Arzthelferin oder Kinderpflegerin werden. Es sind genau diese sozialen Berufe, deren Arbeitsbedingungen gerade immer wieder zu gesellschaftlichen Debatten führen. In diese Berufe wollen fast ausschließlich die weiblichen Befragten.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Reißig: Ein Ergebnis der Studie ist, dass Jugendliche in Orientierungsfragen als absolut wichtigsten Ratgeber ihre Eltern angeben. Mit ihnen besprechen sich die meisten, wenn es um die berufliche Zukunft geht. Doch Eltern sind häufig von ihren eigenen Erfahrungen geprägt und kennen die aktuellen Möglichkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt gar nicht. Wir vermuten, dass genau das dazu führt, dass viele junge Menschen, die sich kurz vor dem Hauptschulabschluss befinden, nach wie vor sehr traditionell denken.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das größte Problem, vor dem die Jugendlichen stehen?

Reißig: Diese diffuse Unsicherheit: Die meisten bedrückt es sehr, darüber nachzudenken, was später einmal aus ihnen wird. 40 Prozent der Schüler und 54 Prozent der Schülerinnen treiben Sorgen um die berufliche Zukunft um.

SPIEGEL ONLINE: Dabei ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt deutlich entspannter als früher, die Auswahl an Ausbildungsplätzen größer.

Reißig: Das stimmt - und es überrascht uns auch. Vermutlich haben Jugendliche früher, aufgrund der schwierigen Bedingungen auf dem Ausbildungsmarkt, erst einmal genommen, was sie bekommen haben. Heute haben sie die Wahl. Das macht freier, stellt einen aber auch vor die große Frage: Was genau ist es, was ich will?

Und dann sind da wieder die Diskussionen über die Arbeitsbedingungen in klassischen Ausbildungsberufen. Plötzlich spricht man darüber, wie es Azubis in diesen Berufen geht. Das ist natürlich nicht schlecht, kann aber zusätzlich verunsichern.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern, damit es jungen Menschen, die bald einen Hauptschulabschluss machen, besser geht?

Reißig: Berufsmessen und Gesprächsangebote in Schulen sind wichtig, die sollte es weiter geben. Noch wichtiger ist es allerdings, die Entscheidungskompetenz der Jugendlichen zu fördern: Sie müssen lernen, sich selbst einzuschätzen, die eigenen Fähigkeiten zu beschreiben. Nur dann können sie selbstsicher werden. Das muss viel stärker trainiert werden, zum Beispiel durch Lehrer - die man in diesen Kompetenzen dann natürlich auch entsprechend schulen müsste.