Schule "Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch"

Pädagogisch sinnlos, sozial ungerecht und ein Ärgernis: Hausaufgaben müssen abgeschafft werden, findet Armin Himmelrath. Alle Beteiligten stimmen ihm zu.
Hausaufgaben: immer wieder Zoff in den Familien

Hausaufgaben: immer wieder Zoff in den Familien

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / dpa

Bei der Einschulung freut sich noch jedes Kind auf Hausaufgaben. Stolz kommen die Erstklässler am ersten Tag mit Arbeitsaufträgen nach Hause. Doch ziemlich bald sorgen Hausaufgaben vor allem für Stress und Streit in den Familien. Trotzdem glauben Lehrer, Eltern und Schüler schon seit Jahrhunderten, dass Hausaufgaben zum Schulalltag dazugehören. Bereits in Schulordnungen aus dem 15. Jahrhundert wurde stundenlange "Privatarbeit" zu Hause festgeschrieben.

Ein Dogma, das seither kaum hinterfragt wurde. Stattdessen wurde immer wieder darauf verwiesen, dass Hausaufgaben das eigenständige Lernen und Arbeiten fördern, zur Festigung des in der Schule gelernten Stoffs beitragen und die Selbstdisziplin der Schüler fordern. Floskeln, die bis sich bis heute in den Schulgesetzen finden, obwohl die angebliche Wirkung von Hausaufgaben auf den Lernerfolg und die Charakterbildung nie bewiesen wurden.

Glauben Sie nicht? Hier sind die fünf wichtigsten Fakten über Hausaufgaben, die belegen, dass die ungeliebten Arbeitsaufträge besser abgeschafft werden sollte:

  • Wer Lehrer fragt, hört drei Argumente gegen Hausaufgaben. Erstens: Das Formulieren und Kontrollieren der Aufgaben kostet wertvolle Unterrichtszeit. Zweitens: Schüler "vergessen" Aufgaben bewusst oder lassen sich von ihren Eltern helfen. Und drittens erledigen zumeist genau die Schüler die Hausaufgaben, die es eigentlich nicht nötig hätten - während diejenigen, bei denen zusätzliches Üben angebracht wäre, sie nicht machen.

  • Eltern berichten, dass durch Hausaufgaben viel Stress in die Familien gebracht wird. Zwar sollen die Aufgaben den Eltern einen Einblick in den Unterricht erlauben - de facto aber sind sie ein massiver Störfaktor an Nachmittagen, Abenden und am Wochenende. "Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch", sagte der frühere Vorsitzende des Bundeselternrats, Hans-Peter Vogeler, im Jahr 2013 auf der Bildungsmesse Didacta. "Überlegen Sie mal, wie viel Streit in eine Familie kommt und wie das Zusammenleben durch sie beschädigt wird."

  • Für Schüler sind Hausaufgaben ebenfalls eine enorme Belastung. Im schweizerischen Kanton Schwyz wurden sie 1993 komplett abgeschafft und vier Jahre später doch wieder eingeführt. Parallel wurden die Leistungen der Schüler aus Schwyz mit denen aus einem anderen Kanton verglichen. Ergebnis: Bei der Kompetenz gab es keine Unterschiede, aber die aufgabenfreien Schüler waren deutlich motivierter und fühlten sich geringer belastet als ihre Mitschüler mit Hausaufgaben.

Schon 1906 stellte der Dresdner Pädagoge Gustav Schanze fest: "Hausaufgaben in Volksschulen sind vom unterrichtlichen Standpunkte aus als entbehrlich anzusehen." Und 1958 ließ der Mülheimer Erziehungswissenschaftler Bernhard Wittmann Schüler aus dritten und sechsten Klassen in Duisburg in zwei Fächern keine Hausaufgaben machen - Resultat: "Hausaufgaben besitzen keinen materialen Bildungswert, Hausaufgaben bewirken keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten bei den Schülern."

Auch die Bildungsgerechtigkeit leidet unter Hausaufgaben, sagt die Bildungssoziologin Jutta Allmendinger, denn sie verschärfen je nach sozialer Herkunft die Kluft zwischen den Schülern: Wo im Elternhaus Ressourcen und Vorbildung vorhanden sind, gibt es tendenziell mehr Förderung als in Familien ohne akademischen Bildungshintergrund.

"Gute Schüler", sagt auch der Dresdner Erziehungswissenschaftler Hans Gängler, "werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser, und schlechte Schüler begreifen zu Hause durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben."

Wer sich Hausaufgaben verweigert oder sie vergisst, braucht am nächsten Morgen gute Argumente. Hier sind die perfekten Ausreden für Faulenzer, Langschläfer und Schussel:

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Hausaufgaben vergessen: Fünf perfekte Ausreden

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Zum Autor: Armin Himmelrath ist Bildungsjournalist und hat als dreifacher Vater 32 Jahre lang mit Hausaufgaben zu tun gehabt. Seine These: Die Existenz von Hausaufgaben ist ein schulpolitisches Dogma ohne wissenschaftliche Basis, das Gerede vom eigenständigen Lernen und Arbeiten nur eine Floskel. Deshalb hat er das Buch "Hausaufgaben - nein danke!" (hep Verlag) geschrieben.

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