Ganz harte Schule Hilfe, meine Tochter soll Mathe lernen

Neulich hatte ich einen Albtraum: Ich musste Matheaufgaben mit meiner bockigen Tochter machen. Auf immer. Und ewig.

Matheheft nach den Hausaufgaben
Birte Müller

Matheheft nach den Hausaufgaben

Eine Elternkolumne von


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Armin Himmelrath und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

In meinem Traum war ich Gefangene in Guantanamo Bay (dabei sah alles genauso aus wie unser Wohnzimmer) und ich wurde gequält. Ich wusste nicht, warum und wofür. Ich wusste nur: Die Qual bestand darin, AUF EWIG mit meiner Tochter Mathehausaufgaben zu machen.

Ich versuchte ein gutes Setting herzustellen, war munter und fröhlich, sorgte dafür,

  • dass sie keinen Hunger und keinen Durst hatte,
  • dass alles möglichst ruhig war und
  • dass keine ablenkenden Dinge in der Nähe herumlagen.

Doch egal wie sehr ich mich bemühte, meine Tochter fing nicht an. Es dauerte ewig, bis der richtige Stift zur Hand war, dann musste ein spezielles Radiergummi gesucht werden, dann zerkaute sie den Stift, brach ihn ab, kritzelte auf dem Heftrand, dem Tisch oder den Fingernägeln herum und zerbohrte das Radiergummi.

Statt zu beginnen, diskutierte sie, dass man doch später oder morgen oder nie die Hausaufgaben machen könnte. Wann immer sie ENDLICH den Stift ansetze, kam etwas dazwischen: Der Postbote oder das Telefon klingelten, mein Mann kam laut pfeifend ins Zimmer marschiert oder sie rutschte plötzlich vom Stuhl, auf dem sie durchgängig herumzappelte.

Manchmal juckte auch plötzlich der Rücken oder es pikste im Nacken. Dann wieder hatte sie plötzlich doch Durst und bekleckerte mit der Milch das Papier. Je länger der Traum dauerte, umso schlimmer sah das Heft aus: Alle Ränder waren schon eingerissen, die Ecken umgeknickt oder hochgerollt, in der Mitte löste sich das Blatt schon fast vollständig aus dem Heft.

Fummeln, kratzen, aufstehen

Egal, wie viel ich vom Tisch abräumte, immer noch fand sich etwas, an dem meine Tochter herumfummelte, etwas, mit dem sie auf dem Blatt kratzen konnte oder das unter den Tisch fallen konnte, damit sie erneut aufstehen musste, um es umständlich aufzuheben. Ich wurde immer und immer unruhiger, genervter und sarkastischer, woraufhin auch meine Tochter wahlweise wütend, traurig oder vollkommen überfordert reagierte.

Ich holte eine Sanduhr, bereit mich mit einem Zeitfenster von nur fünf Minuten Konzentration zufriedenzugeben, aber auch die Sanduhr lenkte nur wieder von der Arbeit ab: Es musste gestoppt werden, wenn Olivia sich kurz an der Nase pulte oder mal wieder den Bleistift anspitzen musste, der aber dadurch erst richtig abbrach und wobei auch noch der ganze Inhalt aus dem Spitzer über den Tisch verteilt wurde.

Dann wieder weinte Olivia, weil sie die Aufgabe nicht verstand, aber sobald ich versuchte zu erklären, bekam sie einen Wutanfall. Danach schwirrte ihr der Kopf vor lauter Zahlen und dann wieder war sie munter bei einem ganz anderen Thema. Immer wieder flehte ich sie an, sich doch bitte ganz, ganz kurz zu konzentrieren. Ich versprach für NACH den Hausaufgaben Fernsehen und Süßigkeiten, doch alles mündete nur immer in neuen zähen Diskussionen und Verhandlungen.

Ich versuchte, ihr ruhig und liebevoll klarzumachen, wie schnell es doch gehen würde, wenn wir die Aufgaben jetzt einfach eben schnell hinter uns bringen würden, statt uns durchgängig nur darüber zu streiten - verdammte Scheiße. Aber nichts, gar nichts konnte meine Tochter dazu bringen, ihre Aufmerksamkeit einmal kurz den Rechenaufgaben zu schenken.

So ging es die ganze Nacht. Aber damit war der Albtraum noch nicht zu Ende! Ich träumte weiter, dass ich erwachte und einen Text für SPIEGEL ONLINE über mein Erlebnis schrieb. In 107 Kommentaren antworteten die Leser, dass sie ihre Kinder schon von kleinauf zur Selbstständigkeit erzogen hätten und deswegen solche Probleme gar nicht kannten. Andere schrieben, dass es kein Wunder sei - bei Fernsehen und Schokolade - dass mein Kind so hibbelig sei oder dass sich die Anspannung der Mütter immer aufs Kind übertragen würde.

Erst dann wachte ich in etwa so gerädert auf, wie ich am Abend nach dem Hausaufgaben machen mit meiner Tochter eingeschlafen war...

Zur Person
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi, 9, (Down-Syndrom), und Olivia, 7, (Normal-Syndrom), in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.


insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
The Restless 10.05.2016
1. Ganz einfach
Kein Abendessen, bevor die Hausaufgaben nicht fertig sind. Das hilft meistens.
Spiegelwahr 10.05.2016
2. Es reicht wenn ihre Tochter heiratet
Kosmetikurs und Friseurausbildung reichen aus. Mathe ist total überbewertet. Lassen Sie ihre Tochter eine gute Partie machen, dann ist Wissen von geringer Bedeutung. Poltikerin ist auch eine Alternative, Wissen ist da auch von Nachteil und nicht förderlich.
jhea 10.05.2016
3. Na ein glück war das nur ein
dumpfer Versuch einen Traum aufzuschreiben. Southpark hat da übrigens eine nette Episode wo ADHS Kindern 'die Medikation' verabreicht wurde.... Nennt sich Ohrfeige - ich fand die Folge zum schießen ;D
barbarine 10.05.2016
4. Mit 107 Kommentaren kann ich jetzt nicht dienen ...
... aber mit dem Tipp, das Ganze etwas entspannter anzugehen. Tatsächlich sollten Sie Ihre Tochter einfach alleine die Hausaufgaben machen lassen und am Ende nur kontrollieren, dass sie tatsächlich gemacht wurden. Sollte Ihre Tochter Fragen haben, dann kann sie sich jederzeit an Sie wenden, da sie doch sicher in der Nähe sind. Es macht aber keinen Sinn, wenn Ihre Tochter am Küchentisch sitzt und Sie sich gleichzeitig um den Abwasch, ums Kochen oder was auch immer kümmern. Schreiben Sie lieber einen Artikel, so dass sie beide gleichzeitig arbeiten können. So entsteht automatisch eine konzentrierte Atmosphäre. Sie müssen dabei übrigens nicht beide am selben Tisch sitzen, falls das dann wieder zu Ablenkungen führt. Wenn Ihre Tochter empfänglich ist für kleine Wettbewerbe, wie die meisten Kinder in dem Alter, dann kämpfen Sie mit ihr darum, wer eher seine Aufgabe erledigt hat. Dabei müssen Sie sie nicht immer gewinnen lassen - ab und an, wenn Sie merken, dass sie sich vertrödelt, darf sie ruhig auch mal verlieren. Bei meinem Sohn war zwar nicht Mathe das Problem, sondern eher die Sprachen, aber auch da hat diese Methode uns ganz gut geholfen.
3daniel 10.05.2016
5. Gute Nachricht, schlechte Nachricht
Die gute Nachricht für Frau Müller, sie wird sich noch voller Glück an diese Zeit in der Grundschule zurückerinnern. Die schlechte Nachricht: Wenn sie mit ihrer Tochter Mathe in der 10 Klasse Gymnasium macht (wie ich gerade mit unserer Tochter).
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