Heimunterricht Deutsche Schul-Boykotteure wollen Asyl in den USA

Der Fall sorgt für Aufsehen: Eine schwäbische Familie bibeltreuer Christen wollte ihre Kinder zu Hause unterrichten. Die Behörden verboten es, deshalb wanderte sie in die USA aus und beantragte Asyl als "politisch Verfolgte". Ihre Unterstützer hetzen mit kruden Nazi-Parallelen gegen Deutschland.

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Der Fall von Uwe Romeike, 37, ist ungewöhnlich. Normalerweise kommen Asylsuchende in den USA aus Iran, Burma oder einem afrikanischen Staat - meist Staaten, in denen die Flüchtlinge um Leib und Leben fürchten müssen. Doch Uwe Romeike entflieht keiner Diktatur, er flüchtet vor der Schulpflicht in Deutschland.

Romeike stammt aus Bissingen an der Teck, einem 3000-Seelen-Dorf nahe Stuttgart. Der Schwabe sagt: "Ich fühle mich politisch verfolgt." Schon vor Monaten ist er mit seiner Frau Hannelore und den fünf Kindern im Alter von drei bis elf Jahren in die USA ausgewandert, jetzt hat er dort Asyl beantragt - ein bizarrer Rechtsfall mit unbekanntem Ausgang zeichnet sich ab.

Physik bei Vati, Mathe bei Mutti

Dabei gehe es ihm nicht um Politik, versichert Romeike, sondern um Religion. Um christliche Werte und das Recht, seine Kinder außerhalb der, wie er meint, "unchristlichen" deutschen Schulen erziehen zu dürfen. Die Romeikes sind Mitglieder einer evangelikalen Freikirche und argumentieren, die deutschen Behörden verfolgten sie wegen ihres Glaubens und weil sie ihre Kinder zu Hause unterrichten.

Romeikes Problem heißt Schulpflicht: Ein "Hausunterricht", wie ihn der bibeltreue Christ für richtig hält, ist in Deutschland untersagt. Die Verfassungen der Bundesländer regeln die allgemeine Schulpflicht, während viele andere Staaten nur eine Unterrichts- oder Bildungspflicht kennen. In den USA etwa gilt "Homeschooling" als klassisches Elternrecht. Die Zahl der Kinder, die Mathe bei Mutti lernen, liegt dort zwischen einer und zwei Millionen. Nicht immer sind die Gründe dafür religiös: Eltern kritisieren auch starre Lehrpläne und hohe Kosten für Privatschulen.

Deutschland hat eine völlig andere Tradition: Die allgemeine Schulpflicht - in Preußen schon im 18. Jahrhundert eingeführt - gilt für alle Kinder ab dem sechsten Lebensjahr und hat sich historisch mehr als Recht auf Bildung denn als Zwang entwickelt. Unzufriedene Eltern können allenfalls eine Privatschule gründen, brauchen dafür aber die staatliche Anerkennung. Wer seine Kinder einfach zu Hause unterrichtet, macht sich strafbar.

"Schulbücher handeln mehr von Vampiren als von Gott"

Für die Romeikes begann der Ärger 2006. Das Ehepaar wollte seinen Kindern das "unchristliche Treiben" an deutschen Schulen nicht mehr zumuten; der Unterricht sei "weder christlich noch wertneutral", wettert Uwe Romeike. Die Kinder würden "nach einem antichristlichen Weltbild erzogen", in Schulbüchern wimmele es von obszönen Ausdrücken, Flüchen und Gotteslästerungen: "Es geht dort mehr um Vampire und Hexen als um Gott." Für einen strengen Christen sei das einfach nicht hinzunehmen.

Als Romeike seine drei ältesten Kinder im September 2006 nicht mehr zur Grundschule gehen ließ, stand "plötzlich die Polizei vor der Haustür", so der Musiklehrer. Zuerst habe er nicht öffnen wollen, doch dann hätten die Polizisten gedroht, die Tür einzutreten. Die Eltern hätten zusehen müssen, wie die Polizisten ihre Kinder zur Schule brachten.

Bis dahin hatten die Romeikes ihre Kinder einen Monat lang von der Grundschule ferngehalten - oder im "rechten Geiste" zu Hause unterrichtet, wie sie es nennen. Eine gute Zeit, so Romeike: Die Familie sei den ganzen Tag beisammen gewesen, die Kinder hätten den Unterricht daheim gemocht. Mehrfach habe sie der Rektor der Schule gemahnt und auch der Bürgermeister habe sich eingeschaltet, um die Familie umzustimmen.

US-Lobbyisten streiten für deutsche Schulverweigerer

Romeike zog vor Gericht und verlor - wenig überraschend. Präzedenzfälle für den rechtlichen Streit um die Schulpflicht gibt es reichlich, stets mit eindeutigem Ausgang. Die Anerkennung von Heimunterricht gelang weder einer Gruppe von Baptistenfamilien im Kreis Paderborn noch einer bibeltreuen Familie aus Hamburg oder den "Zwölf Stämmen" - diese Glaubensgemeinschaft in Bayern gründete nach langen Auseinandersetzungen eine eigene Schule, die strengen behördlichen Auflagen unterliegt. Die Paderborner dagegen suchten ihr Glück in Österreich und Belgien, wo keine allgemeine Schulpflicht gilt.

Bei den Romeikes schalteten sich per Telefonanruf Unterstützer aus den USA ein. Am Apparat war Rechtsanwalt Michael P. Donnelly von der "Home School Legal Defense Association" (HSLDA). Die Lobbygruppe unterstützt die Idee des Heimunterrichts ohne staatliche Beteiligung in den USA und weltweit. Sie hatte schon früher die deutsche Schulpflicht als verdammenswert und als nützliches PR-Vehikel für ihre Sache auserkoren, etwa im Fall des Erlanger Mädchens Melissa.

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Antonio Garcia 03.02.2009
1.
Zitat von sysopEine Familie aus Bremen klagte gegen die Schulpflicht. Bisher erfolglos, vor Gericht unterlagen sie. Aber aufgeben wollen sie noch lange nicht. Längst sind sie zu Chef-Lobbyisten hunderter Schulboykotteure avanciert. Ist die Schulpflicht unverzichtbar?
Schon in Anbetracht der Vielzahl an religiös-fundamentalistischer Überzeugungen ist die Schulpflicht unverzichtbar. Die Schwächsten unserer Gesellschaft müssen dahingehend geschützt werden ... das ist Aufgabe des Staates.
Rainer Helmbrecht 03.02.2009
2.
Zitat von sysopEine Familie aus Bremen klagte gegen die Schulpflicht. Bisher erfolglos, vor Gericht unterlagen sie. Aber aufgeben wollen sie noch lange nicht. Längst sind sie zu Chef-Lobbyisten hunderter Schulboykotteure avanciert. Ist die Schulpflicht unverzichtbar?
Ich habe den Eindruck, dass die Schulboycotteure überwiegend Angst vor sexueller Aufklärung und mangelhaftem Religionsunterricht, bzw. vor dem "falschen" Glauben haben. Der Teil, der schlechten Unterricht fürchtet, kommt quasi nicht vor. Das wäre aber in meinen Augen ein Grund, den man als fürsorglich akzeptieren könnte. Für alle anderen Kinder ist es ein Verbrechen, Kinder sollen für das Leben in der Gemeinschaft fit gemacht werden und nicht verbogen, oder verklemmt werden. Ich kenne Familien (Zeugen J) die ihre Kinder nicht am Leben teilhaben lassen wollen und darum öffentliche Schulen meiden. Bei Moslimen werden die Mädchen sogar in die Heimatländer zurück geschickt, weil sie in den Schulen "verdorben" werden. Das halte ich für Unterdrückung und nicht für Schutz. Hier soll der Bildungsauftrag des Staates unterlaufen werden, das sollte nicht möglich sein. MfG. Rainer
mws, 03.02.2009
3.
Zitat von Antonio GarciaSchon in Anbetracht der Vielzahl an religiös-fundamentalistischer Überzeugungen ist die Schulpflicht unverzichtbar. Die Schwächsten unserer Gesellschaft müssen dahingehend geschützt werden ... das ist Aufgabe des Staates.
Vielleicht sollte besser die eingeklagt werden...angesichts der maroden Zustände an den Schulen.
PeterShaw 03.02.2009
4.
Zitat von sysopEine Familie aus Bremen klagte gegen die Schulpflicht. Bisher erfolglos, vor Gericht unterlagen sie. Aber aufgeben wollen sie noch lange nicht. Längst sind sie zu Chef-Lobbyisten hunderter Schulboykotteure avanciert. Ist die Schulpflicht unverzichtbar?
Ich sehe da ein ungeheures Einsparungspotential. Schon G8 und das Verbot des Wiederholens von Schuljahrgängen hat den Bankenschirm erheblich vergrößert. Die nächsten konsequenten Schritte sind weitere Niveauabsenkung an Staatsschulen und schließlich deren Abschaffung mit Schulpflichtaufhebung. Der dann entstehende private Sicherheitsdienst schafft Arbeitsplätze.
Michael Giertz, 03.02.2009
5.
Zitat von Antonio GarciaSchon in Anbetracht der Vielzahl an religiös-fundamentalistischer Überzeugungen ist die Schulpflicht unverzichtbar. Die Schwächsten unserer Gesellschaft müssen dahingehend geschützt werden ... das ist Aufgabe des Staates.
Sehr richtig. Man könnte es auch noch weitertreiben: religiöse Toleranz sollte dort aufhören, wo keine Toleranz zu erwarten ist. Sprich: private Schulen religiöser Fundamentalisten und Sektierer sollten ihren Bildungsauftrag verlieren (und derer gibt es hier in diesem unseren Land, auch wenn nicht unbedingt ein Minarett daneben steht). Ansonsten: Schulpflicht ist Schulpflicht und sollte auch so erhalten bleiben. Wo kommen wir da hin, wenn diese Pflicht abgeschafft würde? Sollen damit vielleicht noch mehr Filter geschaffen werden, um beim PISA-Test besser abzuschneiden? Sollen diejenigen, die versagen, bereits in der Grundschule ausgesondert und heimgeschickt werden? Ich seh' keinen Vorteil darin, die Schulpflicht abzuschaffen.
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