Helikopter-Eltern im Krankenhaus "Das ist Ketchup, mein Schatz, kein Blut"

Sie fahren wegen Lappalien in die Notaufnahme, sie finden es okay, wenn ihr Kind Zahnarzthelferinnen beißt, und sie verbieten Spritzen, weil ihr Schatzi die nicht mag: Geschichten von irren Eltern beim Arzt.

Mutter und Tochter im Krankenhaus
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Mutter und Tochter im Krankenhaus

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Physio, Ergo, Sprache: Rund ein Viertel der Kinder im Einschulungsalter sind in Therapie, das zeigt der AOK-Heilmittelbericht aus dem Jahr 2016. Das bedeutet: Fast jeder dritte Junge und jedes fünfte Mädchen sind nicht normal entwickelt. Im Vergleich zu 2003 ist das eine Zunahme von mehr als 40 Prozent.

Das kann entweder daran liegen, dass es tatsächlich mehr auffällige Kinder gibt, oder es liegt daran, dass die Eltern auffälliger werden. Und dass es Ärzte gibt, die schneller als früher Therapien verschreiben. Vermutlich ist es eine Mischung aus allem.

Dass die Eltern auffälliger werden, belegen die Berichte von Ärzten, Pflegern und anderen Eltern über Mütter, die ihre Kinder wegen Schluckbeschwerden oder Unwohlsein in die Notaufnahme schleppen und sich dann noch aufregen, wenn andere Kinder mit Verbrennungen vorgezogen werden.

Und über Eltern, die ganz offensichtlich nicht mehr wissen, was wirklich wichtig beziehungsweise gefährlich ist, und die durch ihre eigene Aufregung ihr Kind während einer Behandlung so verrückt machen, dass die Ärzte sie des Raumes verweisen müssen, um ein Ärmchen verbinden zu können. Oder die für ihr Kind eine Vollnarkose anstelle einer Spritze verlangen - weil der Kleine doch keine Pikser mag.

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09.09.2019, 13:56 Uhr
Ohne Gewähr

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Lena Greiner
Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag!: Von Helikopter-Eltern und Premium-Kids

Verlag:
Ullstein Taschenbuchvlg.
Seiten:
224
Preis:
EUR 9,99

Wie Erziehungsberechtigte nicht nur in der Schule, sondern schon in der Schwangerschaft und bis zum Studium ihren Kindern und dem Rest der Welt das Leben zur Hölle machen, davon erzählen die gesammelten Anekdoten in dem neuen Buch "Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag" der SPIEGEL-ONLINE-Redakteurinnen Lena Greiner und Carola Padtberg. Hebammen, Erzieher, Lehrer, Sporttrainer, Professoren, Anwälte, Ärzte, Studienberater und Kinder packen aus, was sie mit übermotivierten Eltern erlebt haben. Spleenig, grotesk - und leider wahr.

Lesen Sie hier Buchauszüge aus dem Kapitel "Rettungshubschrauber an Arzt: Mein Kind stirbt - es hat geniest!"

Selbstverständlich ist es für Eltern schwierig, ruhig zu bleiben, wenn ihr Kind sich verletzt hat, leidet und vor Schmerzen schreit. Dass sie in einem solchen Moment besorgt sind, ist klar. Doch dass sie aufgeregter sind als die Kinder, ist erstens nicht nötig, zweitens das Gegenteil von guter Vorbildwirkung und drittens sogar echt kontraproduktiv, wie die geplagten Ärzte und Pfleger bestätigen.

"Die Tür zur Notaufnahme öffnet sich, und wie immer blicke ich zu Dienstbeginn in einen überfüllten Wartebereich mit verschnupften, hustenden und spielenden Kindern. Ich sehe Mütter, die in Gruppen zusammenstehen und lauthals schimpfen, wie lange sie schon warten. Und Kinder, die fröhlich singen. Ich frage mich, was für ein Notfall sie herführt."

So beginnt der Erfahrungsbericht einer Kinderkrankenschwester, den sie zunächst bei Facebook und dann bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht hat und der viel Aufmerksamkeit erregte.

Darin berichtet sie unter anderem von einer Mutter, die "sichtlich besorgt und überfordert" mit ihrem achtjährigen Sohn in die Notfallambulanz kam, weil er seit dem Vormittag Erbrechen und Durchfall hatte. Sie habe überlegt, der Mutter zu sagen, sie solle mit ihrem Sohn doch lieber nach Hause fahren und ihn ins Bett stecken, damit er in Ruhe seinen Virus auskurieren könne. "Aber ich weiß, dass solch eine Empfehlung nach hinten losgehen kann", so die Krankenschwester.

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    Vom Dinkelzwang bis zur Notenklage: Sind Sie Hebamme, Lehrer, Erzieher, Kinderarzt, Studienberater, Professor, Anwalt, Sporttrainer - oder Nachbar/Freund/Bekannter? Haben Eltern schon mal absurde Forderungen an Sie gestellt oder versucht, Sie auszuhorchen, zu beeinflussen oder einzuspannen - zum vermeintlichen Wohle der eigenen Kinder?

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insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
spmc-125536125024537 18.12.2017
1.
Ich habe neulich den Kinderarzt meiner inzwischen erwachsenen Kinder, dessen drei Kinder ebenfalls Medizin studieren, auf der Strasse getrofffen, auf die Frage, welches seiner Kinder denn auch Kinderarzt werden wollte, antwortete er: keines, aber nicht wegen der Kinder, sondern wegen der Eltern.
diemuddi 18.12.2017
2.
Leute, bei aller Liebe, es ist genug. Natürlich sind die Geschichten über die Helikopter-Eltern lustig und füllen unzählige Bücher, Zeitungen und Unterhaltungen. Natürlich ist eine Begegnung mit ihnen nicht immer so entspannt, wie es sich hinterher schreiben lässt, besonders im Fall tatsächlich kranker Kinder. Natürlich ist es aber auch viel einfacher, Leute zu kritisieren, die überhaupt etwas tun, als solche, die sich einen feuchten Pups um ihre Kinder kümmern. Natürlich bin ich Helikopter-Müttern begegnet und natürlich halten mich auch einige für einen Helikopter, weil wir Allergiker sind und ich da dann eben nerven muss. ABER: Wer regt sich über die Mutter auf, die mit dem Linkshänder nicht zur Ergo geht bei Problemen mit dem Schreiben, selbst wenn man ihr die Adressen gibt? Wer regt sich über den Vater auf, der betrunken Auto fährt und das Kind schön neben sich? Wer regt sich über die Mutter auf, die der 10-jährigen die Verantwortung für die kleinen Geschwister aufhalst? Und wer gibt mal realistische Handlungsmöglichkeiten vor? Helikopter die was tun, machen in den Augen vieler etwas falsch, denn das sehen Menschen.
dasfred 18.12.2017
3. Zum lesen ganz lustig aber
die Ärzte und ihre Mitarbeiter sehen das wohl nicht so. Wenn ein Kind ernsthafte Beschwerden hat ist der Arzt nun mal der Fachmann und der weiß was er zu tun und zu lassen hat. Überbesorgtheit ist niemals besser. Man darf ärztliche Befunde anzweifeln, aber dafür brauche ich auch eine fundierte Begründung und nicht so ein unbestimmtes Gefühl, medizinisches Halbwissen oder irgendwas zusammengegoogeltes. Erfahrene Ärzte können zum Glück mit hysterischen Müttern umgehen und den Kindern trotzdem helfen.
Barças Superstar 18.12.2017
4. alles schon gesehen
... es sind fast immer die Eltern, die spinnen. Kenne auch den Fall, bei dem der Kinderpsychologe mehr oder weniger offen ausspricht, dass es die Mutter ist, die eine Therapie benötigt. Aber wenn der IO-Test für das vermeindlich hochbegabte Kind unbedingt erforderlich ist, und zur Beruhigung der Mutter beiträgt ... was soll's. Der lapidaree Kommentar des Kinderaztes: "Die meisten Kinder sind Wunderkinder! - man kann sich nur wundern!" Blöd für die Mutter, wenn das gewünschte Ergebnis nicht herauskommt, da war halt der Arzt ein schlechter.
dosmundos 18.12.2017
5.
Ich muss zugeben, dass wir auch schon einmal mitten in der Nacht ins Kinderkrankenhaus gefahren sind, weil die eigentlich sehr schmerzunempfindliche Tochter heftige Bauchschmwerzen hatte. Was sich bis nach der Ankunft und der Wartezeit dann auch von selbst erledigt hatte - der Arzt traf dann nur noch auf ein putzmunteres kleines Mädel und zwei übernächtigte Eltern, die sich ziemlich blöd vorkamen. Dafür ist es mir aber dann auch einmal gelungen, eine Globulischleuder im Bekanntenkreis dadurch nachhaltig zu verstören, dass ich darauf hinwies, dass man offene Wunden am besten mit Spinnweben abdeckt, das sei schon im Mittelalter ein gebräuchliches Mittel gewesen, aber die moderne Pharmaindustrie würde solche billigen Heilmittel natürlich verschweigen.
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