Per Anwalt gegen Lehrer Liebe Eltern, chillt mal!

Eltern tyrannisieren Lehrer per Anwalt - bisweilen wegen eines einzigen Punktes in einer Klausur. Wenn es um Bildung geht, setzt bei manchen Vätern und Müttern offenbar der Verstand aus.

Schon in der Grundschule kann einiges schief gehen
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Schon in der Grundschule kann einiges schief gehen

Ein Essay von


Ein Fachmann für Schulrecht aus Bayern berichtet von "unglaublichen Exzessen", weil Eltern im Streit um einzelne Punkte in Klassenarbeiten vor Gericht ziehen. Stimmt das Klischee von den "Helikopter-Eltern" also doch? Das Bild von den übereifrigen Müttern und Vätern aus dem Bildungsbürgertum, die alles überwachen wollen, vor allem die Schullaufbahn ihres Kindes? Und vor denen sich Lehrer und andere Eltern gruseln?

Neu ist das Phänomen nicht. Die Metapher von den "Hubschrauber-Eltern" tauchte schon vor Jahrzehnten auf. Aber heute sind diese Mütter und Väter stark von Angst getrieben, glauben Fachleute wie der britische Soziologe Frank Furedi, der 2008 in seinem Buch "Paranoid Parenting" ("Die Elternparanoia") von einer weiter wachsenden Verunsicherung schrieb. Eltern sehen ihre Kinder demnach ständig bedroht.

Wenn es um Bildung und Erziehung geht, setzt bei einigen der Verstand aus - und die Panik ein. Aber wovor eigentlich? Ist es die Angst, das eigene Kind könnte in unserer Leistungsgesellschaft den Anschluss verlieren, wenn es nicht den Sprung aufs Gymnasium schafft oder den Numerus Clausus für den gewünschten Studienplatz knackt?

Hat die Panik mit Abstiegsängsten und Existenzsorgen einer Elterngeneration zu tun, die in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und der Einführung von Hartz IV aufgewachsen ist? Wer heute Kinder im Schulalter hat, ist oft selbst nur über unbezahlte Praktika oder befristete Stellen ins Erwerbsleben gelangt. Nachvollziehbar, dass man sich da um die Zukunft der Kinder sorgt.

Die große Verunsicherung

Furedi hat noch eine andere Erklärung: Unzählige Ratgeber, Psychologen und Pädagogen, die sich allesamt zu Experten für Kindererziehung erklärt hätten, verunsicherten Mütter und Väter massiv und schürten bei ihnen die Angst, Fehler zu machen. Auch Journalisten tragen demnach mit hämischen Berichten über "Helikopter-" oder "Curling-Eltern" dazu bei, dass Elternschaft als uncool und vor allem schwierig gilt. Das verunsichert Mütter und Väter weiter. Das Phänomen reproduziert sich selbst.

Die "FAZ"-Autorin Inge Kloepfer kritisierte deshalb bereits das gnadenlose Eltern-Bashing und sprach "Helikopter-Eltern" ein provokantes Lob aus. Zu Recht. Wenn Eltern sich für ihre Kinder engagieren, sich mehr Zeit für sie nehmen als viele Mütter und Väter vor ihnen und den Mut zeigen, sich etwa gegenüber unfair handelnden Lehrern für sie einzusetzen, dann ist das gut. Ein Glück für die Kinder, zumal Eltern unter strenger gesellschaftlicher Beobachtung stehen.

"Der Druck auf die Eltern, alles richtig zu machen, war noch nie so groß wie heute", sagte der Pädagoge und Schulberater Detlef Träbert in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau". "Sie stehen unter einem viel größeren Erfolgszwang als früher. Die perfekte Erziehung ist gefragt." Ob Eltern dies gelingt, misst sich am Ende daran, ob sie ein "perfektes" Kind haben - das nach den gesellschaftlichen Maßstäben also zum Beispiel eine Gymnasialempfehlung hat.

Wenn Kinder "nur normal" sind

Der Wunsch nach einem hochbegabten Kind wird da zumindest nachvollziehbar. Wenn Familienberater erzählen, dass Eltern ihr Kind zur Therapie schicken, weil es "nur normal" ist, sind das sicher Auswüchse, aber logische Konsequenzen solcher Denkmuster. Das gilt auch für den vielzitierten Förderwahnsinn in manchen Kreisen. Damit verschieben sich zudem die Maßstäbe für das, was ein "normales Kind" können sollte. Die Ansprüche steigen.

Vor allem die Mütter stehen unter Druck, die von jeher bei geringsten Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm als "Rabenmütter" verurteilt wurden, heute aber noch mehr Mühe haben, die oft widersprüchlichen und übersteigerten Erwartungen an sie zu erfüllen: Vollzeit berufstätig sein, gleichzeitig aber viel Zeit mit den Kindern verbringen - und das Ganze bitte tiefenentspannt.

Vielleicht ist es dieser Druck, den manche Frau nicht aushält und vorschnell vor Gericht zieht?

Die gute Nachricht: Überengagierte Eltern mit Rechtsanwalt im Schlepptau sind in den Medien deutlich präsenter als in der Realität. Fachleute gehen davon aus, dass letztlich nur eine kleine Gruppe übers Ziel hinausschießt. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Autor des Buches "Helikoptereltern", schätzt ihren Anteil auf 10 bis 15 Prozent.

Das Elternbild ist verzerrt

Es sind diese wenigen Mütter und Väter, die das Bild verzerren, die einigen Lehrern, ihren Kindern und sich selbst das Leben schwerer als nötig machen - und vor allem wenig Rücksicht auf Mitschüler nehmen, deren Eltern sich weniger kümmern können oder wollen. Millionen andere Eltern dagegen sind: gelassen.

Verschiedene Studien bescheinigen, dass die überwiegende Mehrheit der Mütter und Väter ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu den Lehrern ihrer Kinder hat. Auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern war wohl nie besser als heute, geprägt von gegenseitigem Respekt und Vertrauen.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass diese Mehrheit der Mütter und Väter stärker in Erscheinung tritt, sich gegen das allgemeine Eltern-Bashing wehrt, überspannte Eltern zu Souveränität und Gelassenheit ermutigt, ihnen solidarisch hilft, den gesellschaftlichen Druck auszublenden - und dem Spuk ein Ende bereitet. Immerhin hat diese Generation von Eltern Kinder erzogen, die ein neues Lebensmotto geprägt haben: Chill mal!



insgesamt 188 Beiträge
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dirkozoid 15.05.2016
1. Tyrannisieren?
Geht's auch eine Nummer kleiner? Wer fair und nachvollziehbar benotet, wird wohl kaum Angst vorm Anwalt haben müssen. Dass das Verhalten mancher Lehrer allerdings sanktioniert gehört und viele Eltern sich nicht wehren können, weil sie nicht das Geld für einen Anwalt haben, steht auf einem ganz anderen Blatt! Vor staatlicher Willkür sind nicht einmal Kinder sicher, so sieht es doch mal aus!
themistokles 15.05.2016
2.
"Unzählige Ratgeber, Psychologen und Pädagogen, die sich allesamt zu Experten für Kindererziehung erklärt hätten, verunsicherten Mütter und Väter massiv und schürten bei ihnen die Angst, Fehler zu machen" Das wird zu einem großen Teil mit daran Schuld sein. Man muss sich nur mal die "Ratgeber"- Abteilungen in den Buchgeschäften anschauen. Noch schlimmer sind diverse Internetseiten, auf denen jeder XY Blogger sich zu einem Experten aufschwingt.
mistalov 15.05.2016
3. Entwarnung?
Wenn "nur" 10-15 % der Eltern mit einem Anwalt gegen den Lehrer oder die Lehrerin anrücken, dann sind das immerhin 2 bis 3 klagewillige Väter oder Mütter pro Klasse und Lehrer. Das kann man schon als Auswuchs bezeichnen.
siebenh 15.05.2016
4. Genau darum geht es ja
Zitat von dirkozoidGeht's auch eine Nummer kleiner? Wer fair und nachvollziehbar benotet, wird wohl kaum Angst vorm Anwalt haben müssen. Dass das Verhalten mancher Lehrer allerdings sanktioniert gehört und viele Eltern sich nicht wehren können, weil sie nicht das Geld für einen Anwalt haben, steht auf einem ganz anderen Blatt! Vor staatlicher Willkür sind nicht einmal Kinder sicher, so sieht es doch mal aus!
dass ist der Inhalt dieses Textes. Wer fair und nachvollziehbar benotet, landet trotzdem oft genug vor Gericht. Das ist das Problem mein Guter.
Furchensumpf 15.05.2016
5. Mal ganz ehrlich...
Unter Druck geräht dabei nur der, der sich unter Druck setzen lässt. Und wer etwas über das Geschwätz von anderen gibt, ist es eh selbst schuld. Wir haben bei unserem Kleinen einfach immer nur unseren gesunden Menschenverstand eingesetzt und so viel können wir dabei dann, wenn ich die anderen Kinder in der Kita so beobachte, nicht falsch gemacht haben. Zumindest ist das Personal dort voll des Lobes. Ich habe aber auch kein Problem damit, mich mit dem Personal anzulegen, wenn ich das Gefühl habe, mein Kind wird ungerecht behandelt. Auf der anderen Seite helfe ich der Kita aber auch wo es geht - das ist etwas, was ich bei solchen Nerv-Eltern nicht erkennen kann, die fordern imemr nur und denken, ihr Kind sei das einzige in der ganzen Kita. UNd dabei kapieren die nicht, wie sich ihr Druck auf die Kinder überträgt. Und Wunsch nach einem Hochbegabtenkind? Mein Kind soll Kind sein und sich entwickeln können, so einfach. Was habe ich von einem Kind, welches Klassen überspringen kann, aber in der Reife deutlich hinterherhängt? Interessant wäre mal zu erfahren, wie die Kinder solcher Eltern sich wirklich über die Jahre entwickeln und wie es bei denen ist, wenn sie im Berufsleben angekommen sind...
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