Helikopter gegen Graffiti Sprayer-Jagd aus der Luft

Mit Hubschraubern und Wärmekameras setzt die Polizei Sprayern zu: Innenminister Schäuble fährt im Kampf gegen Graffiti einen harten Kurs. Schön laut, die Rotoren - manche Sprayer lachen nur über die knatternde Frühwarnung. Oder leben längst von legalen Aufträgen.

Von Sebastian Knauer


Die Körpertemperatur illegaler Graffiti-Sprayer reicht völlig aus, um sie an abgelegenen Bahngleisen oder Straßenbrücken durch eine Wärmekamera erfassen zu können. Bevor die meist vermummten Jugendlichen das Knattern der Rotoren hören, hat die Bundespolizei schon die Beweise der Sachbeschädigung im Kasten: "Der gezielte Einsatz von Polizeihubschraubern der Bundespolizei hat sich als erfolgreich und geeignet erweisen", sagt Christian Sachs, Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI).

Damit setzt Innenminister Wolfgang Schäuble, Hardliner gegen G-8-Kritiker und Befürworter von Online-Ermittlungen in privaten Rechnern, eine Idee seines Amtsvorgängers Otto Schily um: Helikopter gegen Sprayer. Tatsächlich werden seit 2004 in München, Stuttgart und Köln auf den Anlagen der Deutschen Bahn AG im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei Graffiti-Sünder aus der Luft "lageangepasst" gejagt.

Nach Angaben der Bundesfahnder seien sowohl "Vorbereitungshandlungen" als auch die "Tatausführung beweiskräftig" aufgenommen worden. Aus "einsatztaktischen Gründen", so BMI-Sprecher Sachs, könnten Einzelheiten "nicht genannt" werden.

"Du Knecht des Kapitalismus"

Die weiß jedoch der Hamburger Alt-Sprayer Philipp Kabbe, 32, der inzwischen mit seiner Wandgestaltung-Firma im staatlichen Auftrag oder für Industriefirmen Kunst an die Wand wirft. Zuletzt verschönerte er für das "Amt für Marktordnung" einen Klo-Container auf einem Hamburger Wochenmarkt - die örtliche Polizeiwache war informiert - oder das Auslieferungszentrum von Volkswagen in Wolfsburg. Dafür muss er sich von seinen Graffiti-Freunden anhören, dass er "ein Knecht des Kapitalismus" geworden sei.

Der gebürtige Hesse kennt die Szene aus 14 Jahren legaler, aber auch illegaler Tätigkeit. Eine "U-Bahn machen" gehörte zu den Höhepunkten seiner Sprayer-Karriere. Noch heute trägt Kabbe seine Kapuzenjacke mit spezieller Thermopolsterung gegen den kalten Wind, wenn er mit seinen Farbdosen einen Auftrag erledigt.

Helikopterfahndung? Darüber kann Philipp Kabbe nur lachen. Das laute Rotorengeräusch alarmiere die Sprayer rechtzeitig, um "die Biege zu machen". So brachte eine nächtliche Helikopterfahndung in Stuttgart-Vaihingen vor zwei Jahren mehr Beschwerden von Anwohnern über die kreisenden Leuchtscheinwerfer als festgesetzte Täter.

Selbst in den Landeskriminalämtern (LKA) wird der Lufteinsatz mit Skepsis gesehen. "Das ist doch unverhältnismäßig teuer", urteilt Kriminalhauptkommissar Andreas Dittmann vom LKA Sachsen.

Das letzte Abenteuer für Jugendliche

Dort wurde im Auftrag der Bundespolizei und Länderpolizeien jetzt neues Informationsmaterial für Eltern, Sprayer und Geschädigte zusammengestellt. Auf der Internetseite Graffiti-info.de ist nachzulesen, wie das "letzte Großstadtabenteuer für Jugendliche" von den polizeilichen Experten eingeschätzt wird: "Die Suche nach Grenzerfahrungen ist beim illegalen Graffiti ein verhaltenssteuernder Anreiz."

Kein Wunder, dass "polizeiliche Präventionsangebote" meist ins Leere laufen. In vielen Großstädten bereit gestellte weiße Wände für die Sprayer wurden von der Szene verschmäht. "Die Anerkennung bei den Kumpels", sagt auch Marko Moritz von der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin, "ist doch nur über einen 'Tag' auf einer illegalen Fläche zu bekommen."

Nach einer Studie des Deutschen Städtetages verursachen illegale Sprayer jährlich Schäden von rund 200 Millionen Euro. Davon entfallen 100 Millionen auf öffentliche Verkehrsmittel, 60 Millionen auf private Gebäude sowie 40 Millionen auf öffentliche Einrichtungen.

"Das kriegen wir nicht mehr weg"

Die Hamburger Polizei hatte schon 2000 für besorgte Eltern von Spray-Kids eigens eine Broschüre mit dem Titel "Vom Zeichner zum Straftäter" aufgelegt. Darin werden auch die "Merkmale" aufgezählt, an denen die Erziehungsberechtigten die Zugehörigkeit zur Graffitiszene erkennen können:

  • "Schulhefte sind mit grafisch verzierten Wortkürzeln ("tag") bemalt
  • Sprühdosen oder Industriemarker (Edding-Stift) werden beschafft
  • vorhanden sind Nothämmer oder Schleifsteine, die zum Kratzen von Wortkürzeln dienlich sind
  • die Kleidung riecht manchmal nach Farbe."

Für Andreas Klug, Leiter der Hamburger Fachgruppe ZD 65 bei der Polizei, steht aber fest, dass "wir mit diesem Phänomen leben müssen, das kriegen wir nicht mehr weg".

In Berlin stellen die Ermittlungsbehörden zudem fest, dass in einer hierarchisch organisierten Sprayer-Szene von Tätern zwischen 12 und 21 Jahren auch brutal ausgetragene "Gebietsabgrenzungen" zunehmen – bis zum Totschlag. "Wir haben es aber fast ausschließlich mit deutschen Tätern zu tun", sagt Experte Moritz.

Zur Beseitigung der ungewünschten Kunstwerke an privaten Immobilien hat die Hamburger Stadtentwicklungsbehörde eine "Anti-Graffiti-Förderprogramm" aufgelegt. Geschädigte Haus- oder Wandbesitzer können dort bis zu 50 Prozent der entstandenen Schäden beantragen.

Andere Hausbesitzer zahlen dagegen einiges Geld für Graffiti-Kunst. "Geil", sagt Kabbe, "jetzt kriege ich Geld für etwas, das mir Spaß macht."



insgesamt 396 Beiträge
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Seite 1
arte de la comedia, 19.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Graffiti gehören seit Jahren zum Stadtbild, und es gibt erfolgreiche Künstler, die aus der Sprayerszene hervorgegangen sind. Dennoch polarisieren die meist ungebetenen Wandbilder: schnelle, subversive Kunstform oder schlichte Sachbeschädigung? Wie stehen Sie zu Graffitis? ---Zitatende--- Jeder malt mal Mist. Man sollte grundsätzlich (für ALLE Künstler) wasserlösliche Farben vorschreiben. Wenn's nach dem ersten Regen vermisst wird, dann darf's permanent werden. Man sollte allerdings überlegen, dass auch Touristen ihre Meinung artikulieren können müssten.
christian simons 19.05.2006
2.
---Zitat von sysop--- Graffiti gehören seit Jahren zum Stadtbild, und es gibt erfolgreiche Künstler, die aus der Sprayerszene hervorgegangen sind. Dennoch polarisieren die meist ungebetenen Wandbilder: schnelle, subversive Kunstform oder schlichte Sachbeschädigung? Wie stehen Sie zu Graffitis? ---Zitatende--- Bei diesem Thema greift eine zeitgenössiche Variante der Lex Sankt Florian: Verschon mein Haus, sprüh andere an!
marcus1967, 19.05.2006
3. Paul hat Recht!
Paul hat Recht. Legale Graffiti-Projekte können illegales Graffiti nicht verhindern, weil die legale Wand den Nervenkitzel ausschließt. Paul hat auch Recht, wenn er sagt, dass legale Graffiti-Projekte deeskalierend wirken und zu einer Beruhigung der (Kriminalitäts-) Situation führen. Druck erzeugt Gegendruck. Schließlich gibt es erfolgreiche Projekte, die mit legalen Alternativen illegale Graffiti deutlich eingedämmt haben. Dazu zählt das mit dem Deutschen Förderpreis für Kriminalprävention ausgezeichnete Projekt www.schnitzing.de oder auch das mit dem Landespreis für Innere Sicherheit in NRW ausgezeichnete Projekt der Ordnungspartnerschaft Münster (www.graffiti-muenster.de). Nur wurden diese Projekte beim Anti-Graffiti-Kongress nicht vorgestellt, weil sie dem Verein Nofitti nicht in das Konzept passten. Beim Anti-Graffiti-Kongress wurden durch zahlreiche Redner härtere Strafen für Sprayer gefordert. Der Kriminologe Prof. Dr. Tomas Feltes schreibt in einer Informationsschrift der Interational Police Association (IPA): "Gerne wird der Eindruck erweckt, dass man Jugendkriminalität mit (mehr oder härteren) repressiven, polizeilichen und strafrechtlichen Mitteln in den Griff bekommen kann. Dabei verspricht die Forderung nach härteren Strafen wenig Erfolg; sie verschärft die Lage eher, wie wir aus zahlreichen weltweiten kriminologischen Studien wissen. ... Wer bei Jugendkriminalität nach einer Verschärfung der Gesetze ruft, handelt ohne Kenntnis der Zusammenhänge und ignoriert gesicherte empirische Erkenntnisse. Nur wenn man etwas wirklich erklären kann, sollte man auch entsprechende Maßnahmen fordern oder anordnen. Sonst könnte es sein, dass man Gutes will, aber Böses tut." Nur kamen leider auch Kriminologen beim Kongress nicht zu Wort, weil deren wissenschaftlichen Erkenntnisse ebenso wenig in das Konzept des Veranstalters passten. Insofern erscheint mir Paul in dem SPIEGEL-Video gescheiter, vernünftiger und realistischer zu sein, als zahlreiche ältere Herren, die vom Rednerpult im Roten Rathaus mit Schaum vor dem Mund ihre Verantwortungslosigkeit zum Besten gaben.
Philip Köster, 19.05.2006
4.
Jeder kennt das Schicksal von Keith Haring, der erst von der New Yorker Polizei gejagt und später im MoMA gefeiert wurde. Nur: Nicht jeder ist ein Keith Haring. Andererseits haben Jugendliche gerade in Problemvierteln kaum Möglichkeiten, sich sinnvoll zu beschäftigen, und da kann der Griff zur Spraydose ein positives kreatives Ventil sein. Die Gesellschaft sollte auf Deeskalation setzen. So könnte die Bahn vermehrt Waggons »zum Abschuß freigeben«. Es gibt ja in der Szene den Ehrenkodex, gelungene Graffiti nicht zu übersprühen. Und in Lüneburg habe ich gesehen, daß die Stadt Sperrholzwände an Zäunen aufgestellt hat, die an öffentliche Grundstücke grenzen. So kann man mit wenig Geld viel erreichen und vor allem Ärger vermeiden.
DJ Doena 19.05.2006
5.
Das Problem ist doch: Die meisten Grafitis sind sinnlose Scratches oder Namens-Zeichnungen. Und selbst wenn man wirklich irgendwo ein richtig cooles Grafitibild sieht, ist es innerhalb weniger Tage mit eben jenen Name-Signs faktisch übermalt.
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