Schul-Sponsoring von Rewe und Co. Ihr Kinderlein kaufet

Kinder sind für Unternehmen eine beliebte Zielgruppe. In Hessen wurde nun eine Schüleraktion mit Rewe gestoppt - nach Beschwerden von Eltern und Lehrern. Doch bundesweit boomt das Sponsoring an Schulen.
Aus dem Imagefilm zur "Sauberhaften Rallye"

Aus dem Imagefilm zur "Sauberhaften Rallye"

Foto: Sauberhafte Rallye/YouTube

Fröhliche Kita-Kinder laufen eifrig durch einen Rewe-Supermarkt. Sie lauschen dem freundlichen Marktleiter und packen dann Brötchen, Äpfel und Wienerwürstchen in ihre neuen Jutebeutel, die sie samt Kühlschrankmagnet und Infoflyer am Ende des Ausflugs geschenkt bekommen. Die Geschenke sind mit dem Rewe-Logo versehen, und auch sonst kommt in dem YouTube-Spot , aus dem diese Szenen stammen, der rotweiße-Schriftzug des Handelskonzerns in rund zweieinhalb Minuten siebenmal vor.

Am Ende des Imagefilms, der die Aktion "Sauberhafte Rallye 2017" und deren Ziele Umweltschutz und Recycling in Hessen bekannt machen sollte, heißt es: "So bleibt das sauberhafte Wissen auch bei den nächsten Einkäufen präsent."

Bekannt wurde die Rewe-Rallye dann tatsächlich - nur ganz anders, als es sich die Planer erhofft hatten: Nachdem bereits rund tausend Kita-Kinder teilgenommen und einige Grundschulen sich angemeldet hatten, stoppten das hessische Kultusministerium sowie die Verantwortlichen im Umweltministerium und beim Förderverein die Aktion - obwohl sie eigentlich dahinterstehen. Doch der Druck von entsetzten Eltern und Schülern, der Lehrergewerkschaft GEW und LobbyControl wurde zu groß.

"Die Kinder werden während der Betreuungs- oder Unterrichtszeit im Auftrag dieses Konzerns als Marketingmaßnahme benutzt", finden die Kritiker von der GEW. Gerade Kinder und Jugendliche seien sehr anfällig gegenüber Werbung.

"Wir konnten keine Verstöße gegen das Werbeverbot an Schulen feststellen", heißt es hingegen aus dem Umweltministerium. "Die GEW ist einfach immer gegen alles, was das Thema Sponsoring an Schulen betrifft, das ist ideologisch und fern jeglicher Praxis. Die Schulen sind dankbar dafür", sagt auch Philipp Bender, stellvertretender Pressesprecher des Kultusministeriums. Die Sorgen sind aus seiner Sicht "kleinkariert": "Als ob die Kinder dann nur noch bei Rewe einkaufen."

Seit 2010 hat Rewe, ebenso wie der zweite große Unterstützer, die Sparkassen Finanzgruppe Hessen Thüringen, jährlich 17.850 Euro an den Förderverein "Sauberhaftes Hessen" überwiesen. Wie es nun mit der Rallye weitergeht, ist noch unklar. Fest steht: Der Streit darum, was Unternehmen an Schulen dürfen und was nicht, wird auch im kommenden Schuljahr weitergehen. Dann tritt folgender neuer Passus im hessischen Schulgesetz in Kraft:

"Werbung für Produkte oder Dienstleistungen ist an Schulen unzulässig. Schulen dürfen zur Erfüllung ihrer Aufgaben Zuwendungen von Dritten entgegennehmen und auf deren Leistungen in geeigneter Weise hinweisen (Sponsoring), wenn die damit verbundene Werbewirkung begrenzt und überschaubar ist, deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt und das Sponsoring mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule vereinbar ist. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter. Das Kultusministerium kann durch Richtlinien nähere Regelungen treffen."

Das bedeutet: Kooperationen zwischen Unternehmen und Schulen sind grundsätzlich erlaubt, man darf es nur nicht übertreiben. Ob etwas okay ist, müssen die Schulleitungen selbst entscheiden - und zwar jeden Tag aufs Neue. Eine schwierige Aufgabe. Damit sind die Vorschriften in Hessen im Vergleich zu anderen Bundesländern "eher schwach", findet LobbyControl. Sinnvoller wäre es aus deren Sicht, wenn wenigstens die Schulkonferenz über etwaige Sponsoringmaßnahmen entscheiden würde.

Ein erster Gesetzentwurf hatte die Verantwortung noch beim hessischen Kultusministerium oder den Schulämtern gesehen, doch das soll Wirtschaftsvertretern nicht gefallen haben, sodass die schwarz-grüne Koalition noch einmal umformulierte. "Ich bin froh, dass Sie den Irrweg eines radikalen Werbeverbots an den Schulen verlassen haben", lobte daraufhin der hessische FDP-Politiker Wolfgang Greilich.

Das sehen viele Unternehmen sicherlich genauso. "Kinder sind eine attraktive Zielgruppe für Marketing und werbliche Kommunikation, denn je früher jemand von einer Marke oder einem Produkt überzeugt ist, desto geringer ist später seine Wechselbereitschaft zur Konkurrenz", teilt eine Agentur für Kinder- und Jugendmarketing auf ihrer Website mit. Und: "Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihres Alltags in der Schule. Optimal ausgerichtetes Schulmarketing macht Unternehmen zu Partnern von Pädagogen."

"Lidl-Fruchtschule" mit Grundschülern

"Lidl-Fruchtschule" mit Grundschülern

Foto: LIDL

Tatsächlich sind immer mehr große und kleine Unternehmen bundesweit an Schulen aktiv. Chips- und Schokocreme-Hersteller sponsern Sporttage, Versicherungen und Banken schicken ihre Mitarbeiter in die Klassen, und Hunderte Firmen, Stiftungen und Interessenverbände bieten Unterrichtsmaterialien zu ihren Themenfeldern an. 611.819 kostenlose Materialien im Internet zählten Forscher der Uni Augsburg  im vergangenen Jahr. So stellt der Pharmakonzern Bayer unter anderem Unterrichtsblätter zu Gentechnik und Pharmaforschung zum Download bereit. Und Tetra Pak schreibt in seinen Schulmaterialien zu gesunder Ernährung: "In Getränkekartons von Tetra Pak werden die wertvollen Nährstoffe, z. B. der Milch, perfekt geschützt."

"Diese Lobbymaterialien, von denen es immer mehr gibt, sind absolut ungeprüft und oft durchaus problematisch", sagt Eva Matthes, die an der Uni Augsburg zu dem Thema forscht. Folgende Gemengelage komme Firmen, die für ihre Zwecke Marketing betreiben möchten, gelegen: "Lehrer sind für Schüler besonders glaubwürdig, Schulen sind häufig finanziell schlecht ausgestattet, und Lehrer müssen oft in Fächern vertreten und unterrichten, in denen sie sich nicht sehr gut auskennen."

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Der Discounter Lidl zum Beispiel schulte im vergangenen Jahr bundesweit 5000 Grundschulkinder in Sachen gesunder Ernährung. "Lidl Fruchtschule " heißt das Programm, bei dem Ernährungsfachkräfte in dritte und vierte Klassen gehen, um mit den Kindern Obstspieße und "perfekte Smoothies" zuzubereiten. Danach gibt es für die Kleinen einen Turnbeutel mit Infomaterialien, einem "Diplom" und einer Brotdose - im Lidl-Gelb und mit Lidl-Logo. "Allein das deutlich sichtbare Logo auf den Taschen müsste in den meisten Bundesländern für ein Verbot ausreichen", sagt Felix Kamella von LobbyControl.

Die Initiatoren der Rewe-Aktion hoffen unterdessen auf eine Fortsetzung. "Nächstes Mal wollen wir die Rallye so ausgestalten, dass es keine Kritik gibt", sagt Bender vom hessischen Kultusministerium. Denn: "Würde es solche Aktivitäten nicht geben, würden auch die Kinder leiden."

Haben Sie Sponsoring an Schulen erlebt?
Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa

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