Hessische Chaostage Abiturienten erhalten zweite Chance

Peinliche Pannen beim Zentralabitur empören hessische Schüler, Eltern und Lehrer. Nachdem Schülern fehlerhafte Mathe-Aufgaben vorgesetzt wurden, steht jetzt fest: Wer will, darf die Prüfung wiederholen. Gewertet wird die bessere der beiden Klausuren.


Wiesbaden - Nach den Patzern beim hessischen Mathe-Abi bekommen die betroffenen Schüler eine zweite Chance. Alle Schüler, die das wollen, können den offiziellen Nachschreibetermin am 30. April nutzen, um die schriftliche Prüfung erneut abzulegen, sagte Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler am Montag. Anschließend werde die bessere der beiden Abiturarbeiten gewertet.

Abi-Prüfung: Error, try again
DDP

Abi-Prüfung: Error, try again

Von den Fehlern waren rund 15.000 Abiturienten betroffen, die am Freitag in Mathematik geprüft wurden. In den Leistungskursaufgaben hatten irritierende Formulierungen einen alternativen Lösungsweg ermöglicht. Die Grundkursarbeit hatte ein falsches Vorzeichen enthalten. Die Fehler waren erst am Freitagmorgen entdeckt worden, als die Fachlehrer in den Schulen die Aufgaben erstmals zu Gesicht bekamen. Schüler- und Elternvertreter hatten daraufhin die Wiederholung der Prüfung gefordert.

Dorothea Henzler räumte die Pannen beim hessischen Zentralabi ein: "Ich bedauere das zutiefst, insbesondere, weil die Schülerinnen und Schüler dadurch zusätzlich belastet worden sind. Ich entschuldige mich hiermit bei allen Schülerinnen und Schülern", sagte die FDP-Politikerin am Montag.

"Wer testet die Tester?"

Bei einer Mathe-Aufgabe stand an einer Stelle ein Minus- statt eines Pluszeichens, bei einer anderen fehlte ein "y" und bei einer weiteren der Hinweis auf ein "Baumdiagramm". Nach Henzlers Auffassung enthielten die Klausuren jedoch keine "die Rechnung unmöglich machenden Fehler". Weitere Ungereimtheiten in den Aufgabenstellungen für das Abitur in Französisch, Informatik und Physik seien rechtzeitig aufgefallen und vor Beginn der Prüfungen korrigiert worden.

Eine Expertenkommission, die die Klausuren wie üblich überprüft hatte, habe die Fehler übersehen. Erst vor Beginn der Prüfungen habe man diese entdeckt und die Schulen darüber informiert. 90 bis 95 Prozent der Schulen hätten die Korrekturen rechtzeitig erhalten, erklärte Henzler. Ein Großteil der Schüler habe daher mit den richtigen Aufgaben rechnen können. Das Verfahren zur Aufstellung der Abituraufgaben in Hessen solle überprüft werden.

Die hessischen Grünen sehen nach wie vor Aufklärungsbedarf. "Es ist unglaublich, dass Kultusministerin Henzler offensichtlich nicht weiß, wie es zu dieser Panne gekommen ist", sagte der bildungspolitische Sprecher Mathias Wagner. Henzler habe ein ganzes Wochenende verstreichen lassen, ohne zu klären, wie es für die Schüler weitergehen könne und wer die Verantwortung trage.

Zuvor hatten sich bereits Lehrerverbände empört über die Mathe-Panne im Landesabitur geäußert. "Dies zeigt, dass zentrale Aufgabenstellungen keineswegs besser sind als dezentrale", sagte Jochen Nagel von der Bildungsgewerkschaft GEW. "Ausbaden müssen es die Schüler. Sie sollen immer belegen, dass sie alles richtig machen und schreiben dauernd Tests. Aber wer testet die Tester?"

Schon häufiger Pannen bei Prüfungen

Die Aufgaben müssten noch einmal von Unbeteiligten kontrolliert werden, bevor sie an die Schulen kämen, verlangte der hessische Philologenverband. Auch aus Sicht der SPD-Landtagsabgeordneten Heike Habermann haben die Kontrollmechanismen versagt. "Wer gegen alle Bedenken am Zentralabitur festhält, muss es auch 110prozentig vorbereiten", sagte sie.

Eingeführt hatte das umstrittene Zentralabitur die frühere Kultusministerin Karin Wolff (CDU); erstmals absolvierten hessische Schüler es 2007. Landeseinheitliche Klausuren gibt es seitdem in den beiden Leistungskursen und dem dritten Prüfungsfach.

Auch etliche andere Bundesländer haben in den letzten Jahren ein Zentralabitur geschaffen - keineswegs immer pannenfrei: So erhielten im letzten Jahr In Noirdrhein-Westfalen Abiturienten, die am "Oktaeder des Grauens" scheiterten, eine zweite Prüfungschance. Ebenfalls 2008 musste in Niedersachsen noch während der laufenden Prüfung an Fachgymnasien eine Mathematik-Aufgabe korrigiert werden.

Ähnliche Pannen kamen auch bei anderen Prüfungen vor: In Berlin mussten 28.000 Zehntklässler einen Mathe-Test noch einmal schreiben, weil einige die Aufgaben schon vorher kannten. Und in Baden-Württemberg sagte das Kultusministerium einen zentralen Vergleichstest für 34.000 Achtklässler ab - weil ein Lehrer die Aufgabe Schülern verraten hatte.

pen/AP/dpa/AFP

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