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Bildung für behinderte Kinder: Wie Inklusion gelingen kann

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Hilfe für die Schwächsten Wie Bremen plötzlich Schule macht

Fast eine halbe Million Kinder in Deutschland geht auf Förderschulen - drei Viertel von ihnen haben am Ende keinen Abschluss und nur minimale Job-Chancen. Dass sich das ändern muss, schreibt sogar die Uno Deutschland vor. Ausgerechnet Bildungsschlusslicht Bremen prescht jetzt voran.

Die 5c steht auf, teilweise sogar stramm, wenn Lehrerin Michaela Rastede in den Klassenraum kommt. "Guten Morgen" trällern die Kinder im Chor, wie es seit Ewigkeiten Brauch ist - und man könnte meinen, hier lebe die alte Schule noch, gegründet auf Gehorsam und Disziplin.

Doch was in dieser Mathestunde folgt, ist das Gegenteil von verstaubter Pädagogik. Die Schüler nehmen ihre je eigenen Wochenpläne zur Hand und rechnen los, jeder für sich, jeder etwas anderes.

Das ginge auch gar nicht anders. In der Klasse sitzen sowohl hochbegabte Kinder als auch lernbehinderte. Mohammed, 10, ist ein Junge, der schon mal den Tafelanschrieb seiner Lehrerin Rastede korrigiert. Drei Meter weiter sitzt Sharon, 11, die zwar lesen, aber fast nicht schreiben kann.

Individualisiertes Lernen und schülerzentrierter Unterricht: Wer mit Lehrern des Oberschulzentrums an der Koblenzer Straße spricht, hört in beinah jedem zweiten Satz Schlagworte moderner Pädagogik. Die Schule ist eine von vielen in Bremen, die seit diesem Schuljahr inklusiven Unterricht anbieten. Sogenannte Zentren für unterstützende Pädagogik sollen es behinderten Kindern ermöglichen, die Regelschule zu besuchen, statt auf Förderschulen zu gehen.

Die Bremer Inklusionsklassen

Bis zur neunten Klasse lernen die Kinder zusammen, dann werden sie je nach angestrebtem Abschluss in Kurse aufgeteilt. "Unser Ziel ist es, Schüler möglichst lange gemeinsam zu unterrichten. Aber es ist uns klar: Das stößt irgendwann an Grenzen", sagt Lehrerin Rastede.

"Je länger auf der Förderschule, desto schlechter die Leistungen"

Seit langem kritisieren die Vereinten Nationen, dass das deutsche Bildungssystem behinderte Kinder diskriminiere. Es nehme ihnen das Menschenrecht auf Bildung. In keinem EU-Land ist der Anteil behinderter Kinder, die Regelschulen besuchen, so niedrig wie in Deutschland. In Dänemark und Italien werden nahezu alle in Regelschulen unterrichtet - hierzulande sind es rund 15 Prozent, in Niedersachsen gar nur rund fünf Prozent.

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Alle Grafiken: Wo Schüler am häufigsten scheitern

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"Die einschlägigen Studien belegen durchgängig, dass die große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf in ihrer Entwicklung in allgemeinen Schulen besser gefördert werden", schreibt der Bildungsforscher Klaus Klemm in seiner aktuellen Studie. Ob eine höhere Quote die Chancen behinderter Kinder auf dem Arbeitsmarkt erhöhen würde, ist kaum zu ermessen - sicher ist aber: Die derzeitige Situation ist miserabel. Über 400.000 Kinder mit Behinderung gehen auf eine Förderschule, die in manchen Ländern noch Sonderschule heißt. Rund drei Viertel verlassen sie ohne Abschluss (Ergebnisse von Klemms Studie siehe Fotostrecke und interaktive Tabelle).

Rund 2,6 Milliarden Euro geben die Länder jährlich für Förderschulen aus, ergab im vergangenen Jahr eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Untersuchungen von Förderschulen kommen zu einem deutlichen Ergebnis: Es sind Fehlinvestitionen. Hans Wocken, Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Uni Hamburg, hat eine Formel aufgestellt: "Je länger ein Schüler auf solch einer Schule ist, desto schlechter sind sowohl seine Rechtschreibleistungen als auch seine Intelligenzwerte."

Die Lehrpläne würden zu sehr ausgedünnt, die Schüler zu wenig gefordert, und das sowohl von Lehrern als auch von Mitschülern. In den Förderschulen blieben die Kinder und Jugendlichen unter sich, abgeschottet von Gleichaltrigen, die ihre Leistung fördern könnten.

Entspricht das Bremer Angebot überhaupt dem Willen der Eltern?

Das Pisa-Schlusslicht Bremen geht nun voran. Schon im Vorjahr schrieb es das Recht behinderter Kinder auf den Besuch einer Regelschule ins Gesetz. Bremen wendet damit die Uno-Behindertenrechtskonvention an, die für Deutschland seit Anfang 2009 verbindlich ist. Sie fordert ein "inklusives Bildungssystem".

Dem Bremer Gesetz entsprechende Passagen gibt es auch in Schulordnungen anderer Länder - doch meist scheitert die Integration behinderter Kinder am Unwillen der Behörden, die ihrerseits auf die fehlende Ausstattung an Regelschulen verweisen können. Wer für sein Kind nicht vor Gericht das Recht auf den Besuch einer Regelschule erklagt, kommt an der Förderschule oft nicht vorbei.

Der Sozialverband Deutschland mahnte in seinem Bildungsbarometer Inklusion schon im vergangenen Jahr, dass in vielen Ländern kein politischer Wille zur Umsetzung der Uno-Konvention erkennbar sei, allen voran in Bayern und Baden-Württemberg.

Viele Schüler gelten als behindert, weil ein Schultest das ergab

Doch entspricht das Bremer Angebot überhaupt dem Willen der Eltern? Da in dem Stadtstaat mit diesem Schuljahr zwar inklusive fünfte Klassen erstmals eingerichtet wurden, die Förderschulen jedoch zunächst weiter bestehen, hatten die Eltern die Wahl. Von 227 entschieden sich 60 Prozent, ihre Kinder auf eine Oberschule und nicht auf eine Förderschule zu schicken.

Sylvia Cordes gehört zu diesen 60 Prozent. Sie ist die Mutter von Sharon, dem Mädchen aus der 5c, das nahezu nicht schreiben kann. "Sharon wäre auf der Sonderschule untergegangen", sagt sie. Ihre Tochter sei ziemlich helle, anders als Gleichaltrige in ihrem Umfeld spreche sie "keine Gossensprache". Ein Hauptschulabschluss, sagt Cordes, "das wäre schön".

Sharon ist eine Schülerin von deutschlandweit zehntausenden, die nicht schwerst- oder mehrfachbehindert sind, sondern nur in einem ganz bestimmten Lernbereich massive Schwierigkeiten haben. Sie gelten als behindert, weil das ein Test in der Grundschule zum Ergebnis hatte.

Wie umgehen mit schwer verhaltensauffälligen Schülern?

Oft sind Kinder wie Sharon noch aus einem anderem Grund mehr als andere auf die Förderung in der Schule angewiesen. Ihre Mutter Sylvia Cordes sagt, sie unterstütze Sharon, wo sie kann - doch ihre eigenen Probleme setzen dem Grenzen. Cordes bekommt Hartz IV, nach einer Arthrose und drei Bandscheibenvorfällen arbeitet die gelernte Bürokauffrau nicht mehr.

Wie behinderten Kindern mehr Chancen gegeben werden können, ist auch eine soziale Frage. Mehr als die Hälfte der Eltern von Schülern an Förderschulen haben laut dem Nationalen Bildungsbericht 2010 höchstens einen Hauptschulabschluss. Bei Schülern an allgemeinbildenden Schulen sind es nur halb so viele. Und der Anteil der nicht erwerbstätigen Eltern ist mit gut einem Drittel an Förderschulen fast dreimal so hoch wie an Regelschulen. In Bremen stammen nach Angaben von Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) 90 Prozent aller Förderschüler aus Familien mit niedrigem Bildungsstand und Einkommen.

"Es kann nur gelingen, wenn wir auch leistungsstarke Schüler binden können"

Auf das Engagement der Eltern angesprochen, blickt Gerd Menkens, Schulleiter an der Koblenzer Straße, kurz aus dem Fenster, dann zum Boden. Direkt gegenüber der Schule steht ein grauer Riegel, wie eine Wand baut sich der Wohnblock vor den Fenstern der Klassenräume auf. Hier wohnt Sylvia Cordes mit Tochter Sharon, von hier kommen viele der insgesamt 500 Schüler an der Koblenzer Straße. Das Engagement mancher Eltern sei zwar groß, sagt Menkens - "aber man darf einfach nicht zu viel erwarten".

Das Konzept der inklusiven Klassen lebt nicht nur von der Akzeptanz unter Eltern von Kindern mit Förderbedarf. "Es kann nur gelingen, wenn wir auch leistungsstarke Schüler binden können", sagt Menkens. Die Aufgabe ist groß: Wenn es Eltern von leistungsstarken Schülern schon häufig bei dem Gedanken schaudert, dass ihre Kinder länger mit schwachen in die Schule gehen - wie groß sind dann erst die Vorbehalte, wenn sie mit den schwächsten lernen sollen?

"Ja", sagt Karima Elouafrassi, "ich hatte große Bedenken, ob Mohammed nicht auf einem Gymnasium besser gefördert werden kann." Ihr Sohn Mohammed ist der Junge, der den Tafelanschrieb seiner Lehrerin korrigiert, dessen Finger eigentlich immer nach oben zeigt, wenn eine Frage im Raum steht. Aber das Konzept der Schule, die Betreuung durch zwei Lehrer in den Hauptfächern - das habe sie überzeugt. Und das Gymnasium habe doch auch einen Nachteil: "Das Abitur nach der zwölften Klasse? Da kann er doch nie entspannen", sagt Elouafrassi. Unter Eltern von leistungsstarken oder gar hochbegabten Kindern mit einer Empfehlung für das Gymnasium wird sie die Ausnahme sein.

"Klar, andere Jugendliche sagen manchmal: 'Die Doofen kommen'"

Vorbehalte gibt es auch unter Müttern und Vätern von Kindern mit Förderbedarf. "Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll", sagt Wolfgang Schnars zum inklusiven Unterricht. Sein Sohn André geht nicht in eine der neuen inklusiven Klassen, sondern wechselte in diesem Schuljahr von der Grundschule in die fünfte Klasse des Bremer Förderzentrums an der Dudweiler Straße.

Auch Schnars hatte in diesem Jahr die Wahl, und er gehört zu den 40 Prozent, die sich gegen die neuen pädagogischen Zentren an Regelschulen entschieden. André hat motorische Schwierigkeiten, lernt sehr langsam und hat Probleme beim Sprechen und Schreiben. Schnars ist überzeugt vom Förderzentrum, weil das mit Unternehmen kooperiere und vor allem auf die berufliche Praxis setze. Schulleiter Menkens räumt ein, dass Regelschulen hier in Zukunft nachlegen müssten.

Und Sandra Fischer spricht aus, was wohl viele Skeptiker denken: "Ich will nicht, dass mein Kind zum Versuchsobjekt wird." Ihr Sohn Marvin, 12, hatte schon die erste Klasse wiederholen müssen, er kam nie mit, das Tempo war ihm zu hoch. Nun geht er ebenfalls in eine fünfte Klasse der Förderschule an der Dudweiler Straße. Auch Fischer entschied sich gegen die Regelschule, auch wenn sie weiß, dass ihr Sohn mitunter darunter leiden muss. "Klar, andere Jugendliche sagen manchmal: 'Die Doofen kommen', wenn sie meinen Sohn mit seinen Mitschülern sehen."

"Nachbarkinder versteckten sich vor mir, es war ihnen peinlich"

Die Diskriminierung von Förderschülern spielt für Eltern eine große Rolle. Sie müssen nicht nur fürchten, dass Arbeitgeber beim Blick auf den Lebenslauf abwinken. Ihre Kinder werden auch häufig von Gleichaltrigen stigmatisiert. Murat Karagöz, dessen Sohn Mahmud, 11, in der Grundschule in Mathe überhaupt nicht mitkam und als lernbehindert eingestuft wurde, sah sich im Sommer eine Förderschule an. "Als ich in der Pause Kinder aus meiner Nachbarschaft sah, versteckten die sich vor mir, es war ihnen peinlich", sagt er.

Karagöz entschied sich, Mahmud in die Inklusionsklasse an der Koblenzer Straße zu schicken. Das habe sich offenbar gelohnt. Früher habe sein Sohn geweint, wenn er zu Hause Matheaufgaben lösen musste. "Das ist heute nicht mehr so."

Bei aller Aufbruchstimmung treibt Schulleiter Menkens jedoch auch eine Sorge um. "Wie sollen wir künftig mit schwer verhaltensauffälligen Schülern umgehen, wenn es die Förderschulen nicht mehr gibt?" Mit manchen werde seine Schule schlicht überfordert sein. Er strebt nun eine Kooperation mit der Jugendhilfe der Stiftung St.Petri an, die ganz in der Nähe der Schule psychosoziale Hilfe anbietet. Doch wie das Problem in Bremen flächendeckend gelöst werden kann, sei ihm ein Rätsel.

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