Hilfreiche Senioren Friedenstruppe für den Schulhof

Kaffeeklatsch und Makramee? Diese Senioren haben Besseres zu tun: Die "Wir-hatten-ja-nichts"-Generation hilft bei Konflikten an Schulen - ausgerüstet mit Mediations-Ausbildung und Lebenserfahrung. Aber manchmal hilft Reden allein nicht.

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Einmal hat Erika Gerlach alles hinter sich gelassen, was sie im wochenlangen intensiven Training gelernt hat. Da ist sie einfach aufgestanden, um den Tisch gegangen - und hat eine Schülerin in den Arm genommen, um sie "richtig feste zu drücken". Die 14-Jährige hatte der Rentnerin gerade mit den Tränen kämpfend erzählt, warum ihre Noten in der letzten Zeit immer schlechter wurden und sie immer seltener zur Schule gekommen war: die Eltern getrennt, der Bruder behindert, dann der Alkohol. Seit drei Jahren trinkt sie sich ihr Leben schön, seit drei Jahren versucht ihre Mutter, nichts zu merken. Für Erika Gerlach nahezu unvorstellbar.

Erika Gerlach ist 70 Jahre alt und hat mehr als 40 Jahre als Friseurmeisterin gearbeitet. Eine Anzeige im "Tagesspiegel" brachte sie zu "Seniorpartner in School" (SIS). Der in Berlin gegründete Verein bringt Menschen, die ihr Berufsleben hinter sich haben, zurück zu den Wurzeln: in die Schule. Dort arbeiten die Seniorpartner ehrenamtlich in Zweierteams als Mediatoren, also Konflitkschlichter.

"Ich habe zwei Töchter erzogen und 30 Lehrlinge betreut. Als Kriegskind habe ich zwar keine gute Schulbildung, aber Lebenserfahrung", sagt Erika Gerlach. Ein-, zweimal die Woche flaniert sie über den Schulhof einer Berliner Gesamtschule, geht in Klassen und Schulkonferenzen und versucht weiterzugeben, was ihr im Leben geholfen hat. "Das sind praktisch Erfahrungen Retour, wenn Sie verstehen, was ich meine. Manchmal kommt es mir vor, als ob meine eigenen Kinder hier vor mir sitzen", erzählt sie leicht berlinernd. Heute, wo ihre Töchter 50 Jahre alt sind, könne sie die Dinge mit Abstand sehen - und besser verstehen.

Helfen statt Töpfern

"Im Alter kann man viele Sachen machen: Sie können immerzu Kaffee trinken gehen, Museen besuchen oder zur Selbstverwirklichung einen Töpferkurs machen", sprudelt es aus Erika Gerlach, die bei den Seniorpartner-Treffen nach eigener Meinung am meisten redet. "Aber Selbstverwirklichung - das ist nicht mein Ding." Seit anderthalb Jahren ist sie Feuer und Flamme für SIS. Und Ersatzoma für viele Schüler.

Die ganz großen Erfolge erwartet sie nicht. "Ich sage immer: Im Leben bleibt bei jedem ein Satz hängen. Und vielleicht kommt ja für einen der Schüler der Satz von mir." Probleme, meint Erika Gerlach, ähneln sich sowieso: Alte streiten, Kinder streiten. Alte sind eifersüchtig, Kinder auch. Längst kommen die Schüler, viele aus der siebten bis neunten Klasse, auch einzeln zu den Seniorpartnern und suchen Gespräche, zu denen Lehrern die Zeit oder auch die Motivation fehlt.

Ob die Schüler die Senioren ernst nehmen? Meistens schon. Wenn Erika Gerlach mit ihrer Kollegin über den Schulhof geht, kommen manchmal Jungs, knuffen ihr mit dem Ellbogen in die Seite und grinsen sie schräg an: "Schauen Sie mal, Frau Gerlach, wir haben eine Menge Probleme. Wollen Sie uns nicht mal helfen?" Dann drehen sie sich um und verschwinden. Für die Friseurmeisterin kein Problem: "Kinder sind keine Heiligen. Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie ich früher war."

Unterwegs in einer fremden Welt

Nicht alle Seniorpartner sind so gelassen. Je nach Hintergrund variiert das Verständnis, was sie leisten wollen und können. Liebeskummer, Cliquenbildung, Diskriminierung, Krach in der Familie, Zickenterror: Die Probleme, die Schüler an die Rentner herantragen, sind vielfältig - je nach Stadtteil und Schule.

Im Herrmann-Hesse-Gymnasium in Kreuzberg haben 90 Prozent der Schüler keine deutschen Eltern. Katharina Bahner und Irmtraut Baumann haben sich deshalb jenseits ihrer Mediations-Unterlagen ausgiebig mit den verschiedenen Kulturen und Religionen befasst. "Wir müssen die Empfindsamkeiten erst mal verstehen, um dann handeln zu können", sagt die frühere Grundschullehrerin Bahner, 60. Die Schüler kommen in einen kleinen Raum mit einer Tafel, einem Tisch und einem Fünfziger-Jahre-Plastikschrank. Es riecht nach Kreide und Schulmuff.

Über zu wenig Arbeit können sich die beiden nicht beklagen. Es hat eine Weile gedauert, bis sich die pensionierten Lehrerinnen aus dem bürgerlichen Süden Berlins auf die verletzten Ehrgefühle der Schüler einlassen konnten. "Das war für uns eine fremde Welt. Ich habe mich ein bisschen so gefühlt, als wäre ich aus der Provinz in die Stadt gekommen", erzählt Irmtraut Baumann, 62. Sie sagt, sie sei Lehrerin aus Leidenschaft.



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