Himmlisches Gymnasium Eine Schule, die sogar Schüler begeistert

Das raue Klima der Normalschule wollen viele Eltern ihren Kindern nicht zumuten und flüchten an konfessionelle Privatschulen. Das katholische Gymnasium Knechtsteden ist eine Klosteridylle: Die Schüler spielen Manager, Regisseur, Musiker oder Sportler - so macht Lernen Spaß.
Von Carola Rönneburg

Fast wäre der Roboter mit dem Atomkraftwerk kollidiert. Daniel Gomolka, 14, grinst. "Das hat beim letzten Mal besser geklappt", sagt er und setzt das Gefährt wieder aufs Startfeld. Daniel trainiert für die "First Lego League", einen weltweiten Roboter-Wettbewerb.

Um mit einem selbst konstruierten und programmierten Roboter teilzunehmen, gründeten sechs Schüler des katholischen Norbert-Gymnasiums Knechtsteden eine Arbeitsgemeinschaft. Als Betreuerin gewannen sie Mathematiklehrerin Martina Meusch, die vorher noch rasch eine Fortbildung am Fraunhofer-Institut belegt hatte.

"So genau kannte ich mich ja nicht aus mit dem Thema", sagt die 30-Jährige, die dem Schüler-Team vor dem Wettkampf täglich zur Seite stand. Gewonnen haben sie nicht, am Ende wurde es ein Platz im Mittelfeld: "14. von 24. - das ist angesichts der kurzen Vorbereitungszeit sehr gut", so Meusch. Ihr Chef, Oberstudiendirektor Josef Zanders, 61, steht im Hintergrund und lächelt zufrieden. 80 Prozent der Lehrer an seiner Schule bilden sich regelmäßig fort.

Die Schule im Nichts - das hilft beim Konzentrieren

Das Norbert-Gymnasium liegt mitten im Nichts. Knechtsteden, das ist keine Ortschaft, sondern ein 1138 erbautes Kloster, das bis heute von Mitgliedern des Spiritaner-Ordens bewohnt wird. Sie gründeten 1947 auch das Gymnasium. Wald, Wiesen und Felder säumen die Klosteranlage, die nächsten Orte heißen Dormagen und Rommerskirchen, Köln liegt knapp 30 Kilometer entfernt.

Für die 1340 Schüler beider Konfessionen sei die Einsamkeit ein Gewinn, sagt Schulsprecherin Julia Ehrenberg, 18: "Man hat keine Ablenkung." Kaufhausbesuche in den Freistunden oder nach Schulschluss fallen flach, "stattdessen machen wir Hausaufgaben, nehmen oder geben Nachhilfe. Oder wir gehen in eine der vielen Arbeitsgemeinschaften".

Die Knechtstedener Schule ist eine Insel der Ruhe, eine Idylle, wie sie sich viele Eltern für ihre Kinder wünschen. Seit die Nachrichten über Gewalt auf dem Schulhof, über Pisa-Blamagen und überforderte Lehrer nicht abreißen wollen, erleben Privatschulen einen enormen Zulauf. Davon profitieren gerade katholische Schulen, weil Eltern den Wert christlicher Werte wiederentdeckt haben und ihren Kindern ein Traditionsumfeld mit Efeu, Latein und Morgengebet verordnen.

Religionsunterricht ist in Knechtsteden Pflicht, das stört die Schüler aber ebenso wenig wie das Gebetsritual, mit dem jeder Tag beginnt. Im Gegenteil: "Mir würde sonst etwas fehlen", sagt Julia Ehrenberg. Das Norbert-Gymnasium ist eine staatlich anerkannte Privatschule, Schulgeld zahlt hier trotzdem niemand. Als sogenannte Ersatzschule bekommt das Gymnasium Geld vom Land Nordrhein-Westfalen. Den Unterhalt besorgen das Erzbistum Köln, der Kreis Neuss und die Stadt Dormagen.

Sie laden Kabarettisten und Musiker in die Schule ein

Das 60 Jahre alte Gymnasium bietet über den klassischen Bildungskanon hinaus ein in Deutschland wohl einzigartig vielfältiges Angebot für die Schüler. Sie spielen Jungmanager, Sportprofi, Regisseur oder Parkwächter; Schulleiter Zanders will sie in der idyllischen Einöde auf das richtige Leben da draußen vorbereiten. Manch ein Rektor mag den Kontakt mit der Welt vor den Schultoren scheuen - Zanders zieht ihn geradezu an.

Seine Schüler wollten Künstler in die Schule einladen - also versuchte Zanders sich als Veranstaltungsmanager: Seine Schüler überredeten ihn, den rheinländischen Kabarettisten Konrad Beikircher in die Aula einzuladen. Zanders startete die Veranstaltungsreihe "Forum Knechtsteden", das war 1995.

Mittlerweile tritt nahezu monatlich jemand in der Aula auf - zum Beispiel die Kabarettisten Volker Pispers, Richard Rogler und Urban Priol sowie die Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Die Vorstellungen sind stets umgehend ausverkauft, 650 Menschen passen in die Aula.

Die Abende haben auch eine wichtige pädagogische Funktion. Während der Direktor die Begegnungen mit den Künstlern genießt, sorgen über 70 Schüler dafür, dass alles klappt. In der "AG Veranstaltungstechnik" lernen sie, wie man professionelles Bühnenlicht setzt oder den Ton abmischt. Die "AG Catering", gekleidet in schwarze Hosen und weiße Hemden, serviert in der Pause Sekt und Schnittchen. Und die "AG Parkdienst" weist den Gästen auf dem Schulgelände Parkplätze zu.

Riesen-Angebot: Die Schüler können Junior-Manager werden oder TV-Sendungen produzieren, bald kommt auch ein Sportinternat

Die Schüler bekommen für ihre Arbeit keine Bezahlung, sämtliche Überschüsse gehen in die Schulkasse: "So können wir neue Möbel anschaffen oder auch einen Overhead-Projektor. Das stärkt auch das Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt Zanders, der selbst einmal Schüler "auf Knechtsteden" war. Es freut ihn, dass seine Schüler eigenständig aktiv werden. Zur Zeit machen sie Spendenmärsche, weil die Toiletten sanierungsbedürftig sind. Ganz wichtig: Die Schüler am Norbert-Gymnasium ziehen mit. Schulsprecher Martin Schenck, 17, schwärmt ebenfalls vom Teamgeist: "Wir fühlen uns wirklich wohl", sagt er, "die Atmosphäre an der Schule ist einfach gut."

Zanders spaziert durch die hellgelb gestrichenen, graffitifreien Flure des Hauptgebäudes, ein lärmender Pulk Fünftklässler springt den Gang hinunter. Er weicht elegant aus und öffnet per Magnetstreifenkarte die Tür zum "Medienzentrum": 600 Quadratmeter moderne Technik, im Regieraum blinken Dioden. Es gibt einen Computerschnittplatz, Videokameras, zudem ein Aufnahmestudio für Radio und Fernsehen und 15 Computerarbeitsplätze.

Medienkompetenz erarbeiten sich hier bereits die Schüler der fünften Klasse, wenn sie im Politikunterricht lernen, eine multimediale Präsentation zu basteln. Später produzieren sie dann Zeitungen und Radiosendungen, Kurzfilme und Theateraufzeichnungen. Wie finanziert man solch aufwendige Technik? Josef Zanders lächelt gequält: "Mit Hilfe von Spenden. Und trotzdem nicht sehr schnell. Zehn Jahre hat es schon gedauert, bis wir das Medienzentrum eröffnen konnten."

Raum für Experimente? Aber ja!

Josef Zanders sieht aus dem Fenster. Draußen auf dem Schulhof spielen Schüler Fußball spielen, dahinter werkeln Arbeiter auf einer Baustelle. Zanders neues Prokjekt: Knechtsteden soll ein Sportinternat bekommen. Im August werden die ersten 20 Nachwuchsathleten einziehen. Sportliche Höchstleistung und gute Schulbildung wolle man hier verbinden, heißt es im pädagogischen Konzept.

Erfahrungen mit jungen Spitzensportlern hat das Gymnasium bereits: Seit fünf Jahren gibt es hier sportbetonte Klassen, deren Schüler im Teilinternat des TSV Bayer Dormagen Mittag essen, ihre Hausaufgaben betreut erledigen und, wenn nötig, Nachhilfe bekommen. Wie ihre weniger sportlichen Mitschüler können die Fechter, Schwimmer und Leichtathleten in der Oberstufe eine zweijährige, von der Industrie- und Handelskammer zertifizierte Ausbildung zum Junior Manager machen, bei Bedarf mit dem Schwerpunkt Sportmanagement.

Vor der Eröffnung des Sportinternats startet Direktor Zanders ein weiteres Experiment: Im Februar beginnt ein Studiengang der Fachhochschule Münster am Norbert-Gymnasium. Oberstufenschüler lernen schon mal vor für den Bachelor-Studiengang Wirtschaft, so können sie die Studienzeit verkürzen. "Schule vor dem Studium" heißt das Projekt. Josef Zanders hat ihm den Titel "Campus" gegeben. Die Wirtschafts-Schüler sind der Anfang, aber Schulsprecher Martin Schenck sagt: "Da kommt bestimmt noch mehr."

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