Süddeutschland Falscher Lehrer unterrichtet jahrelang Gymnasiasten

Er hatte weder Abi noch einen Hochschulabschluss, wollte aber Lehrer werden. Also frisierte ein heute 43-Jähriger seinen Lebenslauf und unterrichtete jahrelang an Gymnasien in Süddeutschland. Seine Eltern hätten ihn unter Druck gesetzt, sagte er später. Jetzt erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage.

Marktplatz in Landau: In der Stadt unterrichte der Lehrer zuletzt - bis er aufflog
dapd

Marktplatz in Landau: In der Stadt unterrichte der Lehrer zuletzt - bis er aufflog

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Hamburg - Seine Schwindeleien hat der 43-Jährige, der an Gymnasien Sport und Biologie unterrichtete, im Wesentlichen gestanden. Die Staatsanwaltschaft Landau erhob Anklage wegen Betrugs und Urkundenfälschung.

Seine Eltern hätten ihn unter Druck gesetzt, sagte der vermeintliche Lehrer aus. Er solle sein Abi machen und studieren - obwohl er das wegen einer Konzentrationsstörung gar nicht konnte, so berichtet es die Staatsanwaltschaft.

Also bastelte sich der Mann einen Lebenslauf zurecht, der seinen Eltern gefallen haben dürfte und der ihm Zutritt zu verschiedenen Schulen verschaffte: Er habe die Allgemeine Hochschulreife erreicht, schrieb er nach Angaben der Staatsanwaltschaft, danach habe er an der Uni Mainz Lehramt für Gymnasium studiert, sein erstes Staatsexamen habe er mit der Note 1,6 bestanden. "Er hat seine Zeugnisse aufgehübscht", sagte sein Anwalt Stefan Beck.

Dabei ist sein Lebenslauf wohl nicht komplett gefälscht: Wie das "Pfälzer Tageblatt" berichtet, soll er tatsächlich einige Jahre an der Hochschule studiert haben. Er habe die Uni aber verlassen müssen - weil er Prüfungsergebnisse gefälscht haben soll.

Später absolvierte er ohne Abi und Hochschulabschluss in Baden-Württemberg das zweite Staatsexamen - für die Zulassung legte er ebenfalls gefälschte Urkunden vor. Das zweite Staatsexamen bestand er tatsächlich mit der Gesamtnote 3,5. Das hätte für eine Lehrerstelle aber wohl nicht gereicht: Also korrigierte er in späteren Bewerbungen diese Abschlussnote nach oben, auf 1,5.

In der Schule überzeugte er nur als Kumpel

Mit diesen hübschen Zeugnissen bewarb er sich in Stuttgart für den Schuldienst in Baden-Württemberg. Erfolgreich: Im Sommer 2006 hatte er seinen ersten Schultag in Rastatt am Gymnasium, ein Jahr darauf wurde er zum Beamten auf Probe ernannt. 2008 verließ er Rastatt und fand eine neue Schule, die ihn aufnahm: Er wechselte das Bundesland und unterrichtete seitdem Gymnasiasten im rheinland-pfälzischen Landau - ebenfalls in Bio und Sport.

Einen besonders guten Eindruck hinterließ er allerdings nicht: "Seine Leistungen in der Schule waren nicht mit seinen Zeugnissen in Einklang zu bringen", sagt Hans Peter Neumann, der Schulleiter des Eduard-Spranger-Gymnasiums in Landau. Konkreter möchte er nicht werden. Wie das "Pfälzer Tageblatt" berichtet, soll er im Unterricht mehrfach gepatzt und sich bei Vorträgen verhaspelt haben. Schüler sollen sogar den Sportunterricht an anderen Schulen besucht haben, um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten. Immerhin soll er gute Noten gegeben und auch gern gefeiert haben, berichteten Schüler der Zeitung. "Der nimmt's nicht so ernst", sagten sie.

Das blieb auch dem Schulleiter Neumann nicht verborgen. Und ihm gefiel nicht, was er von Schülern und Kollegen hörte, auch nicht die Klassenarbeiten und Abiturprüfungen, die der Lehrer stellte. "Wir haben versucht, ihn in die Spur zu setzen, mit den Bordmitteln, die wir als Schule haben", sagte Neumann dem "Pfälzer Tageblatt". Nicht jeder Lehrer ist schließlich der geborene Pädagoge. Doch irgendwann begann Neumann zu recherchieren, suchte die Abschlussarbeit des vermeintlichen Lehrers in der Uni-Bibliothek - und fand sie nicht.

Neumann fragte daraufhin beim Landesprüfungsamt nach - was den falschen Lehrer im Spätsommer 2011 schließlich auffliegen ließ. Seine Lehrerkarriere war damit beendet.

Vermutlich hat er schon länger unter dem Schwindel gelitten, das sagte zumindest sein Anwalt Stefan Beck dem MDR: "Es geht ihm seit 2008 gesundheitlich sehr schlecht. Er hat schwere Depressionen. Selbstverständlich bedauert er das Ganze."

Jetzt droht ihm wegen Betrugs und Urkundenfälschung schlimmstenfalls eine Gefängnisstrafe. Bei dem Gymnasium in Landau hat er sich seitdem nicht mehr gemeldet.



insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
Klartext007 25.04.2012
1. Interessant
Zitat von sysopdapdEr hatte weder Abi noch einen Hochschulabschluss, wollte aber Lehrer werden. Also frisierte ein heute 43-Jähriger seinen Lebenslauf und unterrichtete jahrelang an Gymnasien in Süddeutschland. Seine Eltern hätten ihn unter Druck gesetzt, sagte er später. Jetzt erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,829700,00.html
Dass jahrelang einer ohne Befähigung "erfolgreich" unbemerkt unterrichten kann, spricht doch Bände!
zberg 25.04.2012
2. morkel
der meister taugt zum präsidenten,als führer aller gänseenten ich wünsche ihm den erhalt seiner pensionsanwartschaften und die nichtrückzahlung seiner bezüge. schließlich hat er die eine und andere spitzenlaufbahn ermöglicht.
Boesor 25.04.2012
3. -
Zitat von Klartext007Dass jahrelang einer ohne Befähigung "erfolgreich" unbemerkt unterrichten kann, spricht doch Bände!
Kommt drauf an wie "erfolgreich" er denn letztlich war. Ansonsten traue ich dem einen oder anderen durchaus zu auch ohne Studium ein guter Lehrer zu sein. Zur Blaupause für den beruf sollte man das aber wohl dennoch nicht machen. Schließlich gibt es trotz entsprechender Beispiele ja auch noch den Führerschein oder das medizinstudium.
wilam 25.04.2012
4.
Ohne Papier gut unterrichten geht nicht; aber mit Papier schlecht unterrichten wäre gegangen! toll
lillosciascia 25.04.2012
5.
Macht doch nichts, er kann doch immernoch Verteidigungsminister werden.
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